Feuilleton

Arzneipflanze des Jahres: Ruscus aculeatus – Stechender Mäusedorn

Der Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde an der Universität Würzburg hat den Stechenden Mäusedorn (Ruscus aculeatus l.) zur Arzneipflanze des Jahres 2002 gewählt. Er möchte damit auch hier zu Lande auf eine Pflanze aufmerksam machen, die in den romanischen Ländern bereits ein bekanntes Venentherapeutikum ist. Dabei trifft es sich gut, dass nun auch eine plazebokontrollierte Doppelblindstudie aus Deutschland vorliegt.

Venentherapeutika der ersten Wahl

Da schätzungsweise sechs Millionen Bundesbürger an chronisch venöser Insuffizienz leiden, dürfte es interessant sein, welche therapeutischen Möglichkeiten unsere Nachbarn nutzen. Vor allem in Italien und Frankreich, aber auch in der Schweiz stellen Ruscus-Präparate Venentherapeutika der ersten Wahl dar. In Deutschland ist der Ruscus hingegen weniger bekannt. Dabei sind die pharmakologischen Daten überzeugend: Der Wurzelstockextrakt erhöht den venösen Tonus und stimuliert den lymphatischen Transport, wodurch das Gewebevolumen signifikant abnimmt. Neuesten Studien zufolge schützen die Wirkstoffe der Ruscuswuzel auch die Venenstützfaser Elastin, die Venen bleiben also – der Name deutet es bereits an – elastisch.

Der Mäusedorn ist eine mediterrane Pflanze. Das erklärt, weshalb er in romanischen Ländern bekannter ist und häufiger als in Deutschland (venentherapeutisch) angewendet wird. Allerdings gedeiht er auch hier im Garten als Zierpflanze, und bereits 1991 erhielt er von der Kommission E des damaligen Bundesgesundheitsamtes für die Indikation "zur unterstützenden Therapie von Beschwerden bei chronisch venöser Insuffizienz wie Schmerzen und Schweregefühl in den Beinen, nächtliche Wadenkrämpfe, Juckreiz und Schwellungen" eine Positivmonographie.

Früchte auf Blättern?

Auch botanisch ist der Mäusedorn äußerst interessant. Er ist das Paradebeispiel einer Arzneipflanze mit Phyllokladien. Was für den Laien wie gewöhnliche Blätter aussieht, sind in Wirklichkeit Seitensprosse. Auf diesen immergrünen, zwei bis drei Zentimeter langen Trieben sitzen die unscheinbaren weißlichen Blüten und später die kugeligen, korallenroten Früchte auf. Ein ungewöhnliches Bild. Die Phyllokladien sind übrigens recht spitz, woher der deutsche Name "Stechender Mäusedorn" herrührt. Vermutlich war es Brauch, die Zweige zum Fleisch zu hängen, um Mäuse davon fernzuhalten. Darüber hinaus hat man mit den Ruscus-Zweigen gefegt; daher der mittelalterliche deutsche Name "Brusch".

Altes Nahrungs- und Arzneimittel

In der Antike fand sich der Mäusedorn auch auf dem Speiseplan. Seine jungen unterirdischen Sprosse wurden als Gemüse verzehrt – wie Spargel, mit dem er verwandt ist (Ruscus wurde früher zur Familie Spargelgewächse = Asparagaceae gezählt, heute bildet er eine eigene Familie: Ruscaceae). Ebenfalls aus der Antike stammen die ersten arzneilichen Anwendungen, die sich über das Mittelalter bis zu den großen Kräuterbüchern des 16. und 17. Jahrhunderts erhalten haben. Sie waren aber in der Regel nicht sehr spezifisch – bis auf die Empfehlung eines harntreibenden Wurzelstock-Dekoktes bei Wassersucht. Tatsächlich bilden sich Ödeme bei regelmäßiger Anwendung von Ruscus-Extrakt zurück.

Erst in den 1950er-Jahren wurden die vasokonstriktorischen Eigenschaften des Rhizom-Extrakts wiederentdeckt. Die dafür verantwortlichen Inhaltsstoffe sind die Steroidsapogenine Ruscogenin und Neoruscogenin, die als Reinsubstanzen auch bei Hämorrhoiden angewandt werden. Inzwischen konnte die Wirksamkeit des Rhizomextrakts bei chronisch venöser Insuffizienz in den Stadien I und II durch eine plazebokontrollierte Doppelblindstudie in Deutschland klinisch belegt werden. Diese randomisierte multizentrische Studie rückt den Ruscus auch hier zu Lande mehr in den Blickpunkt.

Kastentext: Mäusedorn in Europa

In diesem Jahr sind wir mit der Einführung des Euro einen weiteren großen Schritt in Richtung europäische Einheit gegangen. Gleichzeitig bleibt Europa ein Raum kultureller Vielfalt mit gewachsenen regionalen Unterschieden nicht nur in der Küche oder im Brauchtum, sondern manchmal auch in der Phytotherapie. So sind Venentherapeutika auf der Basis von Mäusedorn in den romanischen Ländern sehr viel besser bekannt als bei uns. In diesem Jahr sind wir mit der Einführung des Euro einen weiteren großen Schritt in Richtung europäische Einheit gegangen. Gleichzeitig bleibt Europa ein Raum kultureller Vielfalt mit gewachsenen regionalen Unterschieden nicht nur in der Küche oder im Brauchtum, sondern manchmal auch in der Phytotherapie. So sind Venentherapeutika auf der Basis von Mäusedorn in den romanischen Ländern sehr viel besser bekannt als bei uns.

Literatur S. Noe: Dtsch. Apoth. Ztg. 140, 103 – 107 (2000). I. van Rensen: Z. Phytother 21, 271 – 286 (2000).

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