Arzneimittel und Therapie

Pneumokokken: STIKO erweitert Impfempfehlung

Die neuen Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut sind jetzt im Epidemiologischen Bulletin Nr. 28 veröffentlicht worden. Eine wesentliche Erweiterung betrifft nach einer Information von Wyeth Pharma die Impfung gegen Pneumokokken-Infektionen. Dank des neuen Konjugat-Impfstoffes Prevenar können erstmals auch Säuglinge und Kleinkinder ab dem vollendeten 2. Lebensmonat bis zum vollendeten 2. Lebensjahr geschützt werden. Die STIKO empfiehlt jetzt zusätzlich zu den bekannten Risikogruppen die Impfung von Frühgeborenen (< 38 Wochen), von Kindern mit niedrigem Geburtsgewicht (< 2500 g) sowie von Kindern mit Gedeihstörungen oder neurologischen Krankheiten.

Seit Februar ist der neue Pneumokokken-Konjugat-Impfstoff in den Ländern der Europäischen Union zugelassen. Prevenar ist der erste und einzige Impfstoff, der auch Kinder unter zwei Jahren schützt. Die bakteriellen Kapselpolysaccharide liegen durch Konjugation an ein Trägerprotein als Antigenkomplexe vor. Diese induzieren bereits bei Säuglingen und Kleinkindern eine lang anhaltende Immunantwort und ein immunologisches Gedächtnis. Herkömmliche Polysaccharid-Impfstoffe bewirken bei Kindern unter zwei Jahren keinen Schutz.

Besondere Gefährdung der unter 2-Jährigen erstmals berücksichtigt

Mit ihrer erweiterten Impfempfehlung trägt die STIKO der Zulassung von Prevenar Rechnung. Nicht mehr nur Personen über 60 Jahre sowie Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge eines Grundleidens sollen geimpft werden. Jetzt wird auch für die besonders gefährdeten Säuglinge und Kleinkinder eine Impfung empfohlen.

Neben Senioren weisen Kinder unter zwei Jahren die höchste Inzidenz invasiver Pneumokokken-Infektionen und gleichzeitig die höchsten Letalitätsraten auf. Pneumokokken sind in Deutschland bei Kindern jährlich für ca. 220 bis 300 Meningitis-Fälle und etwa 1300 invasive Krankheiten wie Bakteriämie und Sepsis verantwortlich. An ihren Folgen sterben in Deutschland mindestens 20 Kinder im Jahr. Jeweils mindestens 20 weitere Kinder ertauben oder erleiden bleibende neurologische Schäden. Verschärft wird die Situation durch eine Zunahme der Antibiotika-Resistenzen.

Lücke in der Impfprävention von Kindern wird geschlossen

In dieser Situation kamen Entwicklung und Zulassung des Konjugat-Impfstoffes zum richtigen Zeitpunkt. In den USA wurde er bereits vor einem Jahr in den Impfplan zur Grundimmunisierung aller Kinder bis zwei Jahren aufgenommen und bislang mehr als 12 Millionen mal verimpft.

Die für Deutschland beschlossene Indikationsempfehlung stellt besonders hohe Anforderungen an die Aufmerksamkeit des Arztes. Der stellvertretende Vorsitzende der STIKO, Professor Dittmann, hat deshalb in einem zweiseitigen Anhang zum Epidemiologischen Bulletin die Empfehlung zur Pneumokokken-Impfung erläutert. Er weist u. a. darauf hin, dass es "im Sinne optimaler Schutzraten extrem wichtig ist, die Impfserie unmittelbar nach Vollendung des zweiten Lebensmonats zu beginnen und zeitgerecht fortzuführen".

Der neu zugelassene konjugierte Pneumokokken-Impfstoff könne eine Lücke in der Impfprävention für Kinder schließen. Dittmann: "Nach der Zurückdrängung invasiver Infektionen durch Haemophilus influenzae Typ b kann jetzt einer weiteren lebensgefährlichen bakteriellen Krankheit des Säuglings- und Kleinkindalters durch Impfung vorgebeugt werden."

Dittmann weist darauf hin, dass eine Empfehlung zur generellen Einführung der Pneumokokken-Impfung in den Impfkalender durchaus in Erwägung gezogen worden sei. Allerdings habe sich die STIKO entschlossen, "erst einmal die bereits bestehenden Empfehlungen zur selektiven Pneumokokken-Impfung von Risikopersonen auf die Altersgruppe der unter 2-Jährigen auszuweiten und damit zunächst Kinder mit Risikofaktoren und einem erhöhten Krankheits- und Komplikationsrisiko mit den neuen Konjugat-Impfstoffen zu impfen".

Die klinische Effektivität des Konjugat-Impfstoffes liegt über 80%

Prevenar enthält die Poly- bzw. Oligosaccharide von sieben verschiedenen Serotypen des Erregers Streptococcus pneumoniae (4, 6B, 9V, 14, 18, 19F und 23F), darunter vier der fünf häufigsten Serotypen in Deutschland. Damit deckt der Impfstoff etwa 70% der hierzulande für das gesamte Kleinkindalter bedeutsamen Serotypen ab. Hinzu kommt eine Erhöhung der klinischen Effektivität durch Kreuzimmunität. In Bezug auf den 7-valenten Konjugat-Impfstoff bedeutet dies, dass eingeschlossene Serotypen (6B, 9V, 19F, 23F) zusätzlich einen Impfschutz auch gegen andere Serotypen der gleichen Serogruppe (6A, 9A, 19A, 23A) bewirken. Dr. Ralf Rene Reinert vom Nationalen Referenzzentrum für Streptokokken in Aachen hat entsprechende Daten während der Jahrestagung der "European Society for Pediatric Infectious Diseases" vom 26. bis 28. März 2001 in Istanbul vorgestellt. Diese belegen, dass die zu erwartende Effektivität des neuen Impfstoffes für invasive Pneumokokken-Erkrankungen bei Kindern zwischen dem 1. und 2. Lebensjahr bei etwa 82% liegt. Für die gefürchtete Pneumokokken-Meningitis liegt sie sogar bei 89,2%.

Kastentext: Empfohlenes Impfschema

  • Säuglinge vom vollendeten 2. Lebensmonat bis zum Alter von 6 Monaten erhalten 3 Impfungen im Abstand von jeweils 1 Monat, gefolgt von einer 4. Impfung im 2. Lebensjahr.
  • Säuglinge im Alter von 7 - 11 Monaten erhalten 2 Impfungen im Abstand von 1 Monat, gefolgt von einer 3. Impfung im 2. Lebensjahr.
  • Kinder im 2. Lebensjahr erhalten 2 Impfungen im Abstand von 2 Monaten.

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