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Robert Pfleger-Preis 1998: Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Lyme-Borrelio

BAMBERG (hör). Am 11.Juli 1998 lud die Doktor Robert Pfleger-Stiftung zum siebten Mal seit 1986 in den Kaisersaal der Neuen Residenz zu Bamberg ein zur Verleihung eines Forschungspreises, der mit 100000DM zu den höchstdotierten deutschen Forschungspreisen zählt. Die drei Preisträger wurden für ihre Forschungsarbeiten zur Entwicklung eines Impfstoffes gegen die Lyme-Borreliose ausgezeichnet.

Die drei Preisträger - PD Dr. med. Michael Kramer, Institut für Immunologie der Universität Heidelberg, PD Dr. rer.nat. Markus Simon, Max-Planck-Institut für Immunbiologie in Freiburg, PD Dr. rer. nat. Reinhard Wallich, Institut für Immunologie der Universität Heidelberg - erhielten den Robert Pfleger-Preis 1998 auf Vorschlag des Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung (Professoren Mutschler, Sies, Gugler, Krammer und Singer). Der Impfstoff gegen Lyme-Borreliose, einer der häufigsten durch Zecken übertragenen Krankheit in der nördlichen Hemisphäre, wurde bisher in den USA an ca. 11000 Personen erfolgreich getestet und soll dort demnächst zugelassen werden. Der Vorsitzende der Doktor Robert Pfleger-Stiftung, Dr. H. Bertholdt, konnte zahlreiche Ehrengäste zu dieser Veranstaltung begrüßen. Ein besonderer Gruß galt der Geschäftsleitung und den Mitarbeitern des Hauses Pfleger, die mit ihrem Einsatz und ihrem Engagement dazu beigetragen hatten, daß die Stiftung wiederum in der Lage gewesen war, hervorragende wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der Medizin zu honorieren. Er fügte den Wunsch hinzu, daß die Firma Pfleger sich auch weiterhin am Markt erfolgreich behaupten und damit Garant für künftige Stiftungsaktivitäten sein möge. Bertholdt erinnerte daran, daß die Stiftung satzungsgemäß mit ihrem Wirken dem Willen ihres Stifters treu geblieben sei und auch in den beiden zurückliegenden Jahren stets bemüht war, die medizinische Forschung zu fördern und sozialcaritative Einrichtungen zu unterstützen. Die bisherigen Aktivitäten der Doktor Robert Pfleger-Stiftung können sich sehen lassen: In den vergangenen fast 25Jahren wurden schwerpunktmäßig auf pharmakologischem, toxikologischem und klinischem Gebiet über 300 Forschungsprojekte mit insgesamt 17Millionen DM gefördert. Nach der Wiedervereinigung wurden in den östlichen Bundesländern über 50 klinische Einrichtungen mit 3,25Millionen DM finanziell unterstützt, um die klinische Grundausstattung zu verbessern. Auch in sozialer Hinsicht wurde dem Stifterwillen Rechnung getragen: gemeinnützige Institutionen in den westlichen und dann auch in den östlichen Bundesländern wurden mit mehr als sieben Millionen DM Stiftungsmitteln bedacht. Der Vollständigkeit wegen müssen noch die Finanzierung bzw. Bezuschussung des ersten Ambulanzflugzeuges des Bayerischen Roten Kreuzes genannt werden, ebenso die den Stifternamen tragenden Bamberger Einrichtungen, wie Rehabilitations- und Altenpflegezentrum, Kinderhort und Wohnheim für geistig und körperlich Behinderte. Zu erwähnen bleibt schließlich auch die Würdigung hervorragender Leistungen auf allen Gebieten der medizinischen Grundlagenforschung sowie der klinischen Forschung durch die Verleihung des Robert Pfleger-Preises.

Die Entwicklung des Impfstoffes Nach der Überreichung des Robert Pfleger-Preises 1998 bedankte sich Dr.Simon im Namen der Preisträger für die hohe Auszeichnung und schilderte dann, wie es zur Entwicklung dieses Impfstoffes gekommen war. Die Lyme-Borreliose ist heute die häufigste durch Zecken übertragene Infektionskrankheit der nördlichen Hemisphäre. Jährlich verzeichnen Ärzte mehrere zehntausend Infektionen in Europa und den USA. Der Erreger dieser Erkrankung, ein Bakterium mit dem Namen Borrelia burgdorferi, wurde Anfang der achtziger Jahre in den USA entdeckt. Die Infektion kann mit Antibiotika behandelt werden. Doch nicht immer ist diese Therapie wirksam. Denn Borrelien sind trickreich: Sie können durch die Maschen der körpereigenen Abwehr schlüpfen und sich in Geweben einnisten, in denen sie nicht nur vor den Angriffen des Immunsystems, sondern wahrscheinlich auch vor den Attacken der Antibiotika weitgehend geschützt sind. Darum verlaufen die Infektionen mitunter chronisch und verursachen schwere Schäden an Haut, Gelenken, Herz und Nervensystem. Dr.Kramer begann Mitte der achtziger Jahre damit, sich mit Borrelia burgdorferi zu befassen. Ihn interessierten vor allem die Antigen-Strukturen der Bakterien, die er mit Hilfe monoklonaler Antikörper gegen Borrrelien erforschte. Für weitere umfangreiche Untersuchungen arbeitete Kramer mit zwei anderen Wissenschaftlern, dem Chemiker Dr.Simon vom Max Planck-Institut für Immunbiologie in Freiburg und dem Biologen Dr.Wallich, der damals am Institut für Immunologie des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg arbeitete, zusammen. Gemeinsam entdeckte das Forschertrio auf der Oberfläche der Borrelien ein Protein, das das Immunsystem auf den Plan ruft und zur Bildung schützender Antikörper führt. Diese Eigenschaft macht das kurz OspA (englisch: Outer surface proteinA) genannte Protein zum Rohstoff für einen Impfstoff. Antikörper, die gegen OspA gerichtet sind, können speziell gezüchtete Mäuse ohne Immunsystem gegen eine Borrelien-Infektion schützen. Das Gen mit der Bauanweisung für OspA haben die Forscher ebenfalls isoliert. Dies ermöglichte die gentechnische Produktion des Vakzine-Grundstoffes.

Impfstoff kurz vor der Zulassung Inzwischen steht dieser erste Borrelien-Impfstoff, zu dessen Erfoschung die drei Wissenschaftler zehn Jahre gebraucht haben, in den USA kurz vor der Zulassung. In Deutschland und anderen europäischen Ländern wird es jedoch noch einige Zeit dauern, bis ein Borrelien-Impfstoff zur Verfügung steht. Denn hier gibt es drei verschiedene Borrelien-Stämme, die Menschen infizieren können. Und diese bilden jeweils unterschiedliche Varianten von OspA. In den USA kommt hingegen nur ein Borrelien-Stamm mit einer spezifischen Variante dieses Oberflächenproteins vor. Darum muß für Europa ein Impfstoff, der alle drei OspA-Variationen enthält, die klinischen Prüfungen an Menschen durchlaufen. In etwa zwei bis drei Jahren dürfte eine Vakzine auch in Europa verfügbar sein.

Impfstoff aus reiner Erbsubstanz Inzwischen hat das Forschertrio auch einen weiteren Impfstoff-Kandidaten entwickelt: Dieser besteht aus reiner Erbsubstanz mit der Bauanleitung für das OspA, die in ein Plasmid integriert wurde. Zur Zeit sucht vor allem die Forschergruppe von Dr.Wallich nach Plasmiden, die für diesen Zweck am besten geeignet sind. Gleichwohl gibt es bereits erste Erfolge zu vermelden. Im Tiermodell konnte mit dieser genetischen Vakzine bereits ein Impfschutz gegen Borrelien nachgewiesen werden.

Immuntherapie der Lyme-Borreliose Die schützenden Antikörper, die nach einer Immunisierung mit OspA gebildet werden, gelangen bei einer Blutmahlzeit in die Zecke und attackieren dort die Erreger. Sie sind auch nur in der Zecke wirksam: Denn sobald die Borrelien in die Stichwunde der menschlichen Zecken-Opfer gelangt sind, stellen sie die Produktion von OspA ein und bilden statt dessen ein OspC genanntes Protein. Darum kann der Impfstoff zwar in 80Prozent der Fälle eine Übertragung der Erreger verhindern, doch bereits infizierten Menschen nützt er nichts. Zusammen mit ihrer Schweizer Kollegin Lisa Gern haben die drei Wissenschaftler an immungeschwächten Mäusen daher untersucht, ob eine Behandlung mit Antikörpern, die gegen OspC gerichtet sind, eine bestehende Infektion bekämpfen kann. Resultat: dieses ist möglich. Darum spekulieren die Forscher, daß eine derartige Immuntherapie (passive Immunisierung) mit spezifischen Antikörpern auch bei Menschen, die an einer Lyme-Borreliose leiden, wirksam sein müßte. Denkbar wäre auch eine aktive Immunisierung mit OspC, die im Körper der Impflinge selbst die Produktion schützender Antikörper ankurbelt. Diese müßten die Erreger abfangen können, sobald sie in den Körper eindringen. Die verschiedenen Borrelien-Proteine, die das Forschertrio dank Gentechnik in ausreichenden Mengen produzieren kann, könnten auch die Diagnostik einer Infektion verbessern. Als Bestandteil von Testsystemen müßten sich mit ihrer Hilfe im Blut von infizierten Menschen Antikörper gegen Borrelien nachweisen lassen.

Prof. Dr. Robert Pfleger und sein Unternehmen Der Stifter, Professor Robert Pfleger, 1906 in Berlin geboren, arbeitete nach seinem Chemiestudium zunächst am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin und betrieb bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in eigenen Laboratorien Grundlagenforschung. Nach dem Krieg gründete er in Bamberg die Dr. R. Pfleger Chemische Fabrik GmbH. Professor Pfleger setzte im Dienste der Allgemeinheit alles daran, die produktionstechnischen Voraussetzungen für eine möglichst preiswerte Herstellung von Arzneimitteln höchster Qualität zu schaffen. 1965 wurde in Berlin ein Zweigwerk in Betrieb genommen. Nach Bekanntwerden der GMP-Richtlinien der WHO begann Professor Pfleger 1969 in Bamberg mit der Planung eines modernen Pharmabetriebs "auf der grünen Wiese". Wenngleich die gesamte Planung noch die Handschrift von Robert Pfleger trug, erlebte er die Inbetriebnahme dieser Betriebsstätte nicht mehr. Er starb im Oktober 1971. Bereits im Jahr 1976 erhielt die Dr. R. Pfleger GmbH als einer der ersten mittelständischen Arzneimittelhersteller in Deutschland das GMP-Zertifikat für Tabletten, Salben, Zäpfchen und Liquida. Fortan lautete das Erfolgsrezept der Firma Pfleger: "Beste Qualität zu günstigen Preisen." Die Konzentration auf modernste automatische Verfahren ging nicht zu Lasten der Mitarbeiter; Entlassungen aus diesem Grund hat es bei der Firma Dr.Pfleger nie gegeben. Im Jahr 1970 wurde sogar anläßlich des 25jährigen Bestehens der Firma für alle Mitarbeiter eine großzügige Ruhegeldordnung geschaffen. Sein Studienfreund, der Nobelpreisträger Ernst Boris Chain, schilderte Robert Pfleger als einen gütigen Menschen, der beseelt war von einem sozialen Gewissen und Verantwortung für seine Mitarbeiter. Diese Verantwortung deckt sich mit den Erfahrungen der Menschen, die mit und für ihn gearbeitet haben. Er war ein Unternehmer, der den Begriff "Soziale Marktwirtschaft" mit Leben erfüllte. Seit 1974 ist die Doktor Robert Pfleger-Stiftung Eigentümerin des Unternehmens.

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