Interpharm online 2021

Vorteil für Geimpfte - Nachteil für Alle?

München - 13.05.2021, 07:00 Uhr

Apothekerin Dr. Verena Stahl hat bei der Interpharm online den Infektionsimmunologen und Vakzinologen Professor Leif Erik Sander von der Charité live interviewt. (c / Foto: Schelbert)

Apothekerin Dr. Verena Stahl hat bei der Interpharm online den Infektionsimmunologen und Vakzinologen Professor Leif Erik Sander von der Charité live interviewt. (c / Foto: Schelbert)


Wie sinnvoll ist ein Impfintervall von nur vier Wochen beim AstraZeneca-Impfstoff? Wie groß ist die Gefahr, dass Impfstoffe gegen die Varianten von SARS-CoV-2 nicht wirken? Dies waren nur zwei Aspekte aus der spannenden Interpharm-Diskussion mit Professor Leif Erik Sander, dem Infektionsimmunologen und Vakzinologen der Charité Universitätsmedizin Berlin, und Dr. Verena Stahl.

Mit Blick auf Sommer und Urlaub haben die Gesundheitsminister von Bund und Ländern am 6. Mai für Vaxzevria (AZD1222) sowohl die Priorisierung aufgehoben als auch eine „erhöhte Flexibilität“ im Festlegen des Zeitintervalls zwischen beiden Impfdosen eingeräumt. Sprich: Die zweite Dosis darf bereits nach vier Wochen gegeben werden. Wie sinnvoll ist dieses Vorgehen? Steht hier Urlaubsplanung gegen Infektionsschutz?, fragte Apothekerin und DAZ-Autorin Dr. Verena Stahl. 
Ihr Contra-Argument: Nach den bisher publizierten Studien wird bei einem Abstand von zwölf Wochen zwischen den beiden Impfdosen mit 81 Prozent ein besserer langfristiger Schutz nach Erhalt beider Impfdosen erreicht als bei einem Impfabstand von unter sechs Wochen mit 55 Prozent (Voysey M et al. The Lancet 2021,397, 881-891). Dem hielt Prof. Sander die noch vorläufigen Daten einer Phase-III-Studie aus den USA entgegen. Laut der entsprechenden Pressemitteilung von AstraZeneca vom 25. März 2021 liegt bei einem vierwöchigen Intervall zwischen den Impfungen der Schutz gegen eine symptomatische Erkrankung bei 76 Prozent, bei über 65-Jährigen sogar bei 85 Prozent. Das entspreche sowohl der Effektivität bei dem längeren Impfintervall mit AZD1222, als auch der Wirksamkeit der Einmalimpfung mit der COVID-19 Vaccine Janssen (Johnson&Johnson). Unterm Strich sprach sich  Sander für das verkürzte Impfintervall bei AZD1222 aus, zumal bei einer Impfkampagne psychologische Aspekte eine Rolle spielten: „Wenn wir möglichst viel Impfstoff für die Erstimpfung einsetzen, kommen wir schneller voran.“

Sie haben den Live-Vortrag verpasst? Kein Problem! Wir haben alles aufgezeichnet, bis Mitte Juni können Sie es hier ansehen.

Die STIKO bleibt bisher bei ihrer Empfehlung des Abstands von zwölf Wochen für die Altersgruppe über 60 Jahre. Vaxzevria ist von der europäischen Arzneimittelbehörde für ein Impfintervall zwischen vier und zwölf Wochen zugelassen.

Sollten uns Mutationen Sorgen machen? 

Viren haben keine Nationalität, aber die „britische“ Variante B1.1.7 ist ein schlagendes Beispiel, wie sich eine „fittere“ Mutation durchsetzt: Seit Ende März herrscht sie in Deutschland zu 99 Prozent vor. Auch wenn unter dem Druck einer steigenden Immunität in Populationen weitere Escape-Mutationen denkbar sind, macht sich Sander diesbezüglich „nicht so große Sorgen“: Mutationen passierten immer und seien eher infolge natürlicher Infektion zu beobachten, bei der die Immunantwort sehr viel heterogener ausfalle als nach einer Impfung. Nach bisherigem Wissen führen zumindest mRNA-Impfstoffe zu einer Grund- und einer zellulären Immunität, die vor schweren Verläufen „auch bei trickreicher mutierenden Viren“ schützen sollte. Das gelte auch für Teil-Geimpfte. Im Übrigen seien mRNA-Impfstoffe in Entwicklung, Herstellung und auch bezüglich der Zulassung relativ schnell anpassbar. Gerade habe ein modifizierter Moderna-Impfstoff eine gute Wirksamkeit gegen die brasilianische Variante (B1.1.28/P1) von SARS-CoV-2 gezeigt.


Ralf Schlenger, Apotheker. Autor DAZ.online
redaktion@daz.online


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