Biotech-Report 2020

Deutschland muss bei Arzneimitteln für neuartige Therapien Boden gutmachen

Remagen - 14.07.2020, 17:30 Uhr

Der Schwerpunkt des Biotech-Reports 2020 liegt auf Arzneimitteln für neuartige Therapien (Advanced Therapy Medicinal Products, ATMP).  Was sie betrifft, ist Deutschland den Autoren zufolge ins Hintertreffen geraten.  (s / Foto: imago images / Imaginechina-Tuchong)

Der Schwerpunkt des Biotech-Reports 2020 liegt auf Arzneimitteln für neuartige Therapien (Advanced Therapy Medicinal Products, ATMP).  Was sie betrifft, ist Deutschland den Autoren zufolge ins Hintertreffen geraten.  (s / Foto: imago images / Imaginechina-Tuchong)


An welchen ATMP wird geforscht?

Der Report der Boston Consulting Group wirft auch einen kleinen Blick in die Zukunft der Arzneimittel für neuartige Therapien. Zu den vielversprechenden Technologien gehört die CRISPR/Cas9-Technik, mit der ein DNA-Abschnitt positionsgenau in Chromosomen eingefügt oder entfernt oder ein defekter Abschnitt in einem Chromosom durch einen intakten ersetzt werden kann (Gene Editing). Die Technik ist universell einsetzbar und kommt für Gen­therapien bei Patienten mit Erbkrankheiten oder bestimmten Krebserkrankungen in Frage. Als innovativer Ansatz zur Krebsbekämpfung wird die Individualized Neoantigen Specific Immunotherapy (iNeST, individualisierte Neoantigen-spezifische Immuntherapie) angeführt und als mögliche Alternative zu iNesT und zur CAR-T-Zelltherapie die TCR-T-Zelltherapie. Daneben versprechen nach Einschätzung der Autoren pluripotente Stammzellen vielfältige Ein­satzmöglichkeiten im Bereich der regenerativen Medizin.

Deutschland bei ATMP weit im Rückstand

So solide die Biopharmazie in Deutschland insgesamt dazustehen scheint, so trübe sieht es im Bereich ATMP aus. In den Anfängen der Entwick­lung eines der Pionierländer, ist es zwischenzeitlich deutlich ins Hintertreffen geraten. Im Jahr 2018 belegte Deutschland bei der Zahl der Genthera­pie-Studien zwar den dritten Platz, lag aber mit einem Anteil von 4,4 Prozent dennoch weit abgeschlagen hinter den USA (47,5 Prozent) und China (39,2 Prozent). Für das schlechte Abschneiden machen die Experten der Boston Consulting Group die schleppende Überführung (Translation) neuer Therapieansätze aus der Forschung in die klinische Prüfung, den Mangel an Gründungs- und Risikobe­reitschaft, fehlende ATMP-Cluster und -Produktionskapazitäten sowie die begrenzte Innova­tionsfreundlichkeit verantwortlich. Die Autoren sehen hier dringenden Handlungsbedarf und schlagen selbst Lösungsmöglichkeiten vor. Dazu gehören unter anderem die Einrichtung eines Deutsches Zentrums der Gesundheitsforschung für ATMP und die Aufstockung des Fachpersonals beim Paul-Ehrlich-Institut. Außerdem sollte ihrer Meinung nach Deutschland auch als ATMP-Produktionsstandort etabliert werden. Als Ziel stellen sie sich eine „ATMP welcome“-Kultur und -Struktur vor, mit der Deutschland den Rückstand aufholen und zu einer führenden Rolle zurückfinden könnte.

„Ohne die medizinische Biotechnologie wird die Pandemie nicht beherrschbar sein“

Last but not least erachten die BCG-Experten die medizinische Biotechnologie auch als Schlüssel zur Bewältigung der Corona-Pandemie. Sie habe geholfen, das Genom des neuen Coronavirus SARS-CoV-2 durch die weiterentwickelten molekularbiologischen und biotechnologischen Methoden in wenigen Tagen zu entziffern und innerhalb kürzester Zeit eine Vielzahl von Impfstoffprojekten auf den Weg zu bringen. „Noch nie zuvor haben Pharma- und Biotech-Unter­nehmen sowie Forschungseinrichtungen so schnell auf einen neuen Erreger reagiert“, stellen die Autoren des Reports fest. Das Potenzial der Branche werde damit einmal mehr sichtbar und anfassbar.

Der Bericht „Medizinische Biotechnologie 2020 - Biopharmazeutika: Wirtschaftsdaten und Fortschritte für Patienten durch Zell- und Gentherapien“ kann beim vfa kostenfrei bestellt oder von der Webseite herunterladen werden.



Dr. Helga Blasius (hb), Apothekerin
redaktion@daz.online


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