Pilotprojekt „Intelligente Marktplätze“

Apotheker will Botendienst auf andere Waren ausweiten

Berlin - 02.05.2018, 09:00 Uhr

Im Raum Heidelberg denkt ein Apotheker darüber nach, seinen Botendienst im Rahmen eines regionalen Einzelhandels-Bündnisses auf andere Waren auszuweiten. (Foto: Imago)

Im Raum Heidelberg denkt ein Apotheker darüber nach, seinen Botendienst im Rahmen eines regionalen Einzelhandels-Bündnisses auf andere Waren auszuweiten. (Foto: Imago)


Immer mehr Menschen wandern vom Einzel- in den Internethandel ab. Insbesondere Einzelhändler in ländlichen Regionen haben mit dieser Entwicklung zu kämpfen. Das Pilotprojekt „Intelligente Marktplätze“ des Rhein-Neckar-Kreises soll durch einen innovativen Bestell- und Lieferservice die Abwanderung von Kaufkraft aufhalten. Das Besondere: Das Projekt plant, bestehende Lieferfahrten des örtlichen Einzelhandels zusammenzulegen. Ein Apotheker zeigt bereits Interesse, seinen Botendienst auf andere Waren auszuweiten.

Kann ein intelligentes regionales Bestell- und Liefernetzwerk dem ländlichen Raum helfen, die Nahversorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs zu verbessern und so eine Kaufkraftabwanderung stoppen? Das Pilotprojekt „Intelligente Marktplätze“ versucht, genau das herauszufinden. Lokale „Online-Marktplätze“ sollen die Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Waren des täglichen Bedarfs erleichtern. Angedacht haben die Projektorganisatoren auch eine Beteiligung der örtlichen Apotheken an den Transportfahrten. 

Frank Knecht, Vorsitzender der Region Heidelberg des Landesapothekerverbandes Baden-Württemberg und Leiter der Eberbacher Bahnhof-Apotheke, erläuterte im Gespräch mit DAZ.online: „Im Rahmen dieser Entwicklungsphase haben wir uns für die Idee begeistert, die ohnehin vorhandenen Liefertouren der Apotheken in der Modellregion hier mit einbinden zu können.“

Projekt „Intelligente Marktplätze“

Das unter Betreuung der Stabsstelle für Wirtschaftsförderung des Landratsamtes Rhein-Neckar-Kreis betreute Projekt möchte in einer ab frühestens Sommer 2018 geplanten Testphase ausloten, welche Chancen die Digitalisierung dem ländlichen Raum bietet. Seit Herbst 2017 beraten der Rhein-Neckar-Kreis zusammen mit den Modellgemeinden Schönbrunn und Spechbach unter Beteiligung der Bürger der ausgewählten Gemeinden, wie das Projekt funktionieren kann. In mehreren Bürgerforen und Workshops wurden die unterschiedlichen Ideen aller Beteiligten zusammengetragen.

Zurzeit befindet sich das Vorhaben noch in der Projektierungsphase. Begleitet wird der Prozess von der CIMA Beratung und Management GmbH aus Stuttgart, die zur Entscheidungsfindung u.a. mit einer Machbarkeitsstudie beitragen wird. Finanziert wird die Studie u.a. durch Gelder des europäischen Förderprogrammes LEADER zur Unterstützung modellhafter Projekte im ländlichen Raum. Zusätzliche Finanzmittel werden durch den Rhein-Neckar-Kreis und das Land Baden-Württemberg zur Verfügung gestellt.

Wie soll das Projekt funktionieren?

Die Idee hinter dem Projekt ist, dass die Waren, geliefert vom regionalen Handel, an lokalen Treffpunkten von den Kunden selbst abgeholt werden können oder alternativ direkt nach Hause geliefert werden. Welche Orte sich als Treffpunkte eignen, ist noch nicht abschließend geklärt. Es können sowohl bereits ansässige Geschäfte als auch öffentliche Räume wie ein Rathaus sein. Diese Orte sollen gleichzeitig den Kontakt der Bürger ermöglichen. Um diese Funktion zu verdeutlichen, wurde der Begriff „Treffpunkt“ gewählt.

Die Kunden können ihre Online-Bestellungen mittels einer eigens entwickelten App sowohl auf an den Treffpunkten ausliegenden Tablets als auch am eigenen Smart-Phone ausführen. Es kann zwischen verschiedenen Anbietern – zum Beispiel Lebensmittelhändlern, Apotheken, Drogerien, Buchhändlern – gewählt und gleichzeitig der bevorzugte Anlieferort eingeben werden. Die Waren sollen anschließend in Boxen ausgeliefert werden, die für den Transport von Lebensmitteln mit einer Isolierung und einem Sensor zur Wahrung der Kühlkette ausgestattet sind.

Intelligentes Liefernetzwerk nutzt „Sowieso-Fahrten“

Die Organisation des Transportes ist eines der Hauptprobleme des Vorhabens. Bisher ist geplant, dass Gewerbetreibende, die ohnehin täglich Lieferfahrten in der Gemeinde ausführen, nicht genutzte Kapazitäten zur Verfügung stellen. Die App soll die ganze Logistik durch Vernetzung der Anbieter der Transportfahrten  intelligent steuern können. Dafür sollen die Lieferfahrten mit den Routen und Fahrtzeiten  der „Sowieso-Fahrten“ der Anbieter abgeglichen werden. Es soll auf diese Weise zu keinem größeren Mehraufwand für die Transportanbieter kommen. Erhofft wird, für alle Beteiligten einen wirtschaftlichen Vorteil gegenüber der jetzigen Situation zu erreichen. Die genauen Bezahlmodalitäten der Fahrten sind noch Gegenstand der Verhandlungen. 

Apotheker als Anbieter von Transportdienstleistungen

Die entscheidende Frage für Apotheken: Sollten – bzw. dürfen – sie sich an den geplanten Auslieferfahrten beteiligen? Frank Knecht, der die Projektplanung von Anfang an mitverfolgt hat, möchte gerne Ideen unterstützen, die sinnvoll und zudem innovativ seien. „Nicht die großen Lieferhelden wie Amazon und Co., die das Land überrollen, sollen hier zum Zug kommen“, erklärte er sein Interesse an dem Projekt. Was allerdings genau passieren werde, wie sich die Ideen am Ende umsetzen ließen, müsse die Testphase ergeben. Der Eberbacher Apotheker zeigte sich besorgt, dass die Kaufkraft immer mehr in die großen Städte und den überregionalen Online-Handel abwandere. Ein soziales Liefernetzwerk, wie in diesem Pilotprojekt geplant, könne einen Kontrapunkt setzen. Es gäbe „eine Not im ländlichen Bereich“ und auch Apotheken könnten sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten ethisch engagieren, resümierte Knecht.

Chance für Apotheken?

Dennoch kann die spezielle rechtliche Situation der Apotheken nicht außer Acht gelassen werden. Können sich Apotheker an einem solchen Pilotprojekt als Anbieter von Transportdienstleistungen beteiligen? Apotheker Frank Knecht hofft, dass dies möglich sein wird und sich möglichst viele Apotheken beteiligen werden. Er bekräftigte zudem: „Des Weiteren haben wir die Chance, weg vom Selbstverständnis des „Defekt“-Lieferanten hin zu einer proaktiven Situation zu kommen. Apotheken liefern seit Jahrzehnten taggleich Arzneimittel an ihre Patienten – das muss in der Zeit von Amazon und Co. eben „smarter“ werden.“

Hinderungsgrund „Apothekenüblichkeit“

Das geplante „Dazubuchen“ von Transportleistungen könnte für Apotheker, die Gewerbetreibende mit einer besonderen rechtlichen Ausgangslage sind, eine  schwierige Gratwanderung darstellen. Da Apotheken nach den Paragraphen 1a Absatz 10 und 11 und 2 Absatz 4 der Apothekenbetriebsordnung auf die „Apothekenüblichkeit“ ihrer angebotenen Waren und Dienstleistungen achten müssen, könnte die Verquickung mit dem Transport andere Gebrauchsgüter problematisch sein. Auf die Einhaltung einer sauberen Trennung vom Apothekenbetrieb müsste geachtet werden. Wie könnte dies gewährleistet werden? Viele Fragen müssen die Initiatoren des Pilotprojektes also noch klären – sei es im Vorfeld oder während der Testphase. Und ob es zu einer Beteiligung von Apotheken kommen kann, ist noch fraglich.



Inken Rutz, Apothekerin, Autorin DAZ.online
redaktion@daz.online


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