Ökologisches Problem

Blutdrucksenkung unerwünscht: Valsartan im Trinkwasser

Stuttgart - 18.10.2017, 14:00 Uhr

Ungewollte Antihypertensiva: Rückstände von AT-1-Rezeptorantagonisten im Trinkwasser. (Foto: jozsitoeroe / stock.adobe.com)

Ungewollte Antihypertensiva: Rückstände von AT-1-Rezeptorantagonisten im Trinkwasser. (Foto: jozsitoeroe / stock.adobe.com)


Rückstände von Blutdruck-senkenden Arzneimitteln im Berliner Trinkwasser erregen derzeit die Gemüter. Die Rede ist von Sartanen, Valsartan im Speziellen. Steigende Verordnungszahlen und die schlechte Abbaubarkeit dieses AT-1-Hemmers machen das Problem akut. Candesartan alternativ, geht das?

Die Berliner Wasserbetriebe (BWB) warnen vor Sartanen. Seit Jahren stelle die BWB vermehrte Konzentrationen der bei Hypertonie und Herzinsuffizienz eingesetzten Arzneimittel in den Berliner Gewässern fest, erklärt Dr. Sebastian Schimmelpfennig von der BWB. Auch das Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin (LaGeSo) beobachtet diesen besorgniserregenden Trend: BWB und LaGeSo haben bei den DGK-Herztagen eine Änderung der Verordnungspraxis gefordert. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) hatte vergangene Woche in Berlin getagt.

Sartane sind wohl unter den zur Hypertonie-Behandlung eingesetzten Wirkstoffen ökologisch gesehen die kritischsten. „Im Gegensatz zu Metoprolol werden die verordneten Sartane nahezu vollständig im Kläranlagenablauf wiedergefunden“, sagt Dr. Sebastian Schimmelpfennig. Ein Wirkstoff ist offenbar besonders hartnäckig, wenn es um die Klärbarkeit geht, konkret geht es um Valsartan. Dessen Hauptmetabolit, die Valsartansäure, könne in vergleichsweise hohen Konzentrationen in Oberflächengewässern nachgewiesen werden“. Valsartan ist laut Aussagen von Schimmelpfennig derzeit das einzige Antihypertonikum, das die Qualität des Trinkwassers beeinträchigt. Verschärft wird die Situation des AT-1-Rezeptorantagonisten durch die steigenden Verordnungszahlen in den vergangenen Jahren.

 400 Tonnen Antihypertonika in Deutschland

Von den etwa 400 Tonnen Antihypertonika, die Ärzte in Deutschland pro Jahr verschreiben, entfallen 70 Tonnen allein auf Valsartan, knapp 6 Prozent, und 150 Tonnen auf den Betablocker Metoprolol. Laut dem Arzneiverordnungsreport 2016 verbuchten die Sartane 2882 Millionen DDD für das Jahr 2015, Valsartan schlägt bei den DDD mit 235,9 Millionen zubuche, also rund 12 Prozent der Gesamtsartane.

Was kann man dagegen tun? 

Möglichkeiten, Valsartan in den Kläranlagen zu eliminieren, gibt es wohl. Schimmelpfennig nennt hier beispielhaft „Aktivkohleadsorption im Klärwerk“ - dies sei jedoch teuer, energieintensiv und für Valsartan noch nicht einmal sonderlich effektiv. Vielmehr möchten die Berliner Wasserbetriebe an der Ursache rütteln und würden gern die Verordnungspraxis der Ärzte hinsichtlich Valsartan kritisch reflektiert sehen. Es gebe alternative Antihypertensiva, beispielsweise ACE-Hemmer oder innerhalb der AT-1-Rezeptoranatgonisten schlagen sie Candesartan vor: Candesartan weise unter den Sartanen die geringste Wirkstoffkonzentration je Tagesdosis auf.

Valsartan ersetzen. Aber Womit?

In manchen Fällen ist ein Austausch eines Sartans gegen einen ACE-Hemmer durchaus möglich. Wobei meist die andere Reihenfolge der Fall ist. Klassisch ist hier die Nebenwirkung von Reizhusten unter dem manche ACE-Hemmerpatienten leiden, der bedingt durch den Wirkmechanismus bei Sartanen nicht auftritt. Bezogen auf die Therapie der Herzinsuffizienz, ist auch dieser Weg state of the art: Sartan erst, wenn der Patient den ACE-Hemmer nicht verträgt.

Valsartan mit Candesartan ersetzen wäre wohl möglich. Beide Sartane haben etwa die gleiche Halbwertszeit von etwa neun Stunden und sind neben der Hypertoniebehandlung auch bei Herzinsuffizienz indiziert. Das ist für Sartane nicht selbstverständlich. Neben Valsartan und Candesartan hat nur Losartan noch die Zulassung für diese Indikation. Im Blick haben muss man hier immer noch die Metabolisierungs- und Ausscheidungswege: Candesartan wird hauptsächlich unverändert ausgeschieden, sowohl über die Niere als auch die Galle. Valsartan bevorzugt als Ausscheidungsweg die Leber und wird nur zu 20 Prozent renal eliminert.



Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
cmueller@daz.online


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3 Kommentare

...und der Mensch...?

von Sven Rastler am 28.11.2017 um 19:24 Uhr

Interessant wäre ja auch mal, zu erfahren, was denn so die Auswirkungen auf den bis dato gesunden "Aus-dem-Hahn-Trinker" wären. Und ab welcher Menge. Infos darüber habe ich nirgends gefunden.

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Deutschland - hier bestimmt bald die Müllabfuhr was verordnet wird ?!

von Ratatosk am 19.10.2017 um 15:39 Uhr

Sollen bald die Onkologika verboten werden - sind noch gefährlicher !
Was sind eigentlich relativ - zu was - hohe Werte ?! Wir haben eine Land das die Entsorgung des Arzneimittelmülls durch groteske Verordnung zerstört hat ! und das mit noch eingekaufter Gülle überschwemmt wird, von der Landwirtschaft ganz zu schweigen.
Welche Auswirkungen haben die gemessenen Konzentrationen denn für Menschhen - hier alles Larifari, das man auf beliebige Stoffe ausdehnen könnte.
So überschwemmt man die Bevölkerung mit wolkige Szenarien und wenn man echt was gefährlich ist, geht es dann unter, hätte von Wasserversorgern mehr erwartet.
Und zuletzt wollen wir mal ein tatsächliches Problem mit realer Gefährdung nicht vergessen, das nette Uran ! , evt. sollen solche Diskussionen ja auch nur reale Gefahren verschleiern.

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Trinkwasserverunreinigung

von Heiko Barz am 19.10.2017 um 11:33 Uhr

Interessant wäre es zu erfahren, wie die anderen Wasserwerke großer Städte mit dieser Verunreinigung umgehen. Sartane sind sicher nur ein Teil der Wasserbelastung. Man denke dabei nur an die Vielzahl der Hormonpräparate.
Wären die Wasserwerke bundesweit digital vernetzt, käme man schneller an kommunalübergreifende Ergebnisse.

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