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Blutdrucksenker und COVID-19 – Keine Evidenz für Komplikationen

Stuttgart - 28.04.2020, 17:54 Uhr

Sonderlich dick ist die Datenlage zu COVID-19 und ACE-Hemmern oder Sartanen nicht. Aber es gibt derzeit keinerlei Evidenz, dass die Blutdrucksenker eine Corona-Erkrankung komplizieren. (m / Foto: imago images / Medicimage)

Sonderlich dick ist die Datenlage zu COVID-19 und ACE-Hemmern oder Sartanen nicht. Aber es gibt derzeit keinerlei Evidenz, dass die Blutdrucksenker eine Corona-Erkrankung komplizieren. (m / Foto: imago images / Medicimage)


Vor einigen Wochen kam der Verdacht auf, die Einnahme von ACE-Hemmern oder Sartanen verkompliziere eine COVID-19-Erkrankung. Präklinische Modellversuche stützten diese Hypothese zunächst, allerdings: Klinische Studien am Menschen kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Ist Hypertonie per se ein Risikofaktor für COVID-19? Auch ohne ACE-Hemmer- / Sartanbehandlung? Oder ist Hypertonie vielleicht nur ein Marker für Multimorbidität? Sichtet man die Datenlage kritisch, gibt es keine Evidenz, dass diese Wirkstoffe die Prognose von COVID-19-Patienten verschlechtern. Sie sollten keinesfalls abgesetzt werden.

Bereits zu Beginn der COVID-19-Pandemie wurde aus China gemeldet, dass vor allem Patienten mit Vorerkrankungen wie Bluthochdruck einen schwereren Krankheitsverlauf hatten. Als der Zusammenhang zwischen ACE2 und dem SARS-CoV-2 bekannt wurde, kam schnell die Frage auf, inwieweit Wirkstoffe wie ACE-Hemmer oder AT1-Rezeptor- Antagonisten (Sartane), die in das Renin-Angiotensin-System eingreifen, über eine Hochregulation des für den Viruseintritt in die Zelle wichtigen ACE2-Rezeptors einen Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung nehmen könnten.

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Keine klinische Evidenz für schädliche Wirkung

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Dieser Fragestellung haben sich verschiedene Forschergruppen gewidmet und die vorhandenen Daten analysiert. Die Ergebnisse wurden in Form eines Special Report im „New England Journal of Medicine“ – Renin-Angiotensin-Aldosterone System Inhibitors in Patients with Covid-19 – und eines Reviews in der Zeitschrift „Cardiovascular Research“ – Hypertension, the renin–angiotensin system, and the risk of lower respiratory tract infections and lung injury: implications for COVID-19 – veröffentlicht. Auch im JAMA erschien eine Untersuchung aus Wuhan: Association of Renin-Angiotensin System Inhibitors With Severity or Risk of Death in Patients With Hypertension Hospitalized for Coronavirus Disease 2019 (COVID-19) Infection in Wuhan, China. Das Fazit aller ist einheitlich: Die derzeit verfügbaren Daten rechtfertigen nicht das Absetzen von ACE-Hemmern und Sartanen.

Widersprüchliche Ergebnisse

Im Gegensatz zu Tierversuchen sind klinische Studien zum Einfluss von ACE-Hemmern und Sartanen auf COVID-19 nach Recherchen der NEJM-Wissenschaftler rar. 

In einer Studie waren KHK-Patienten intravenös ACE-­Inhibitoren verabreicht und anschließend der Spiegel von Angiotensin1-7 gemessen worden. Angiotensin1-7 entsteht aus Angiotensin II mithilfe von ACE2. Angiotensin1-7 soll potenziell schädliche Angiotensin II-Effekte verhindern, wie die Förderung entzündlicher Prozesse oder eine Ödembildung zum Beispiel in der Lunge. Sollte unter ACE-Hemmern ACE2 hochreguliert werden, könnte sich das auch in höheren Angiotensin1-7-Spiegeln äußern. Da hier keinerlei Veränderung messbar war, stellt sich die Frage, ob ACE-Hemmer die Expression von ACE2 tatsächlich beeinflussen. 

Bei einer weiteren Studie mit Hypertonikern blieb zu Beginn einer Captopril-Behandlung der Angiotensin1-7-Spiegel ebenso unbeeinflusst, erst nach einer Langzeitgabe von sechs Monaten erhöhte sich der Spiegel. 

Eine in Japan durchgeführte Longitudinalstudie hat gezeigt, dass Patienten, die zuvor über lange Zeit mit Olmesartan behandelt worden waren, höhere ACE2-Spiegel im Urin aufwiesen als die unbehandelte Kontrollgruppe. Allerdings konnte man diesen Effekt nicht bei Langzeitgabe von Enalapril oder Sartanen (Losartan, Candesartan, Valsartan, Telmi­sartan) feststellen.

Tier ist nicht Mensch

Die Ergebnisse sind folglich widersprüchlich, was die Wissenschaftler des NEJM-Beitrags auf die Komplexizität des Renin-­Angiotensin-Systems zurückführen: Selbst wenn RAS-Inhibitoren in tierischen Gewebeproben die ACE2-Spiegel verändern, können diese Erkenntnisse nicht auf die menschliche Physio­logie übertragen werden. Weitere ­Studien seien notwendig, um besser verstehen zu können, ob es einen ­Zusammenhang zwischen schweren COVID-19-Verläufen und der Therapie mit RAAS-Inhibitoren gibt – so ihr Resümee.



Marina Buchheit, Apothekerin
redaktion@daz.online


Dr. Doris Uhl (du), Apothekerin
Chefredaktion DAZ

redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


Celine Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online (cel)
redaktion@daz.online


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2 Kommentare

Keine Evidenz für Komplikationen?

von Michael am 01.05.2020 um 20:40 Uhr

Es gibt also KEINE EVIDENZ dafür DASS Sartane und ACE-Hemmer Komplikationen im Zusammenhang mit Covid 19 verursachen können. Als sicher können diese Medikamente erst dann wieder erachtet werden, wenn EVIDENZ vorliegt, DASS KEINE Komplikationen durch diese Medikamente verursacht werden. Das entspricht dem Vorsichtsprinzip und, man muss kein Arzt sein um das zu verstehen. Ein vernünftiger Mensch, der diese Medikamente bislang regelmäßig nimmt, wird sich natürlich mit dem Arzt oder der Ärztin seines Vertrauens über Alternativen beraten.
Gesundheitsbehörden sind, was dieses Thema betrifft allerdings offenbar in einem Interessenskonflikt: einerseits ist es ihre Pflicht die Bevölkerung zu informieren, andererseits müssen sie großflächig denken: ein Umsteigen innerhalb von ein paar Wochen, so vernünftig es für den einzelnen sein mag, ist global gesehen, allein aus produktionstechnischen Gründen, undurchführbar. Über einer Milliarde Menschen leiden unter Bluthochdruck, und ein Großteil davon konsumiert diese Medikamente regelmäßig.
Deshalb wird wohl noch für einige Zeit eine „nur-keine-Panik-Rhetorik“ die Debatte beherrschen.

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Coronervirus 19 und ACE- Hemmer , Sartane

von Rizzato Maria-Stella am 28.04.2020 um 19:20 Uhr

Was mich wirklich wundert ist dass bei der Untersuchung von Covid19 und Blutdrucksenker niemand von den Wissenschaften kein Wort über die verseuchte Sartane aus China verschwendet wird, darüber wird immer noch geschwiegen.
Was oder welche Blutdrucksenker werden dann untersucht , die verseuchten Tabletten oder die nicht verseuchte ? Vielleicht greift der Covid 19 genau da an , bei den verseuchten Menschen durch die chinesische verunreinigte Tabletten.

Alles gute

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