Risikoreduktion

Eine Stunde Radeln für acht Stunden sitzen

Stuttgart - 29.07.2016, 06:30 Uhr

Stundenlang vor die Glotze sitzen macht krank. Bewegungsmangel erhöht unter anderem das Risiko für Diabetes. (Foto: Lisa F. Young / Fotolia)

Stundenlang vor die Glotze sitzen macht krank. Bewegungsmangel erhöht unter anderem das Risiko für Diabetes. (Foto: Lisa F. Young / Fotolia)


Acht Stunden sitzen am Tag? Für viele Menschen ist das normal. Die Risiken von wenig körperlicher Aktivität – Diabetes, Herzerkrankungen und manche Krebsarten – sind bekannt. Aber was tun? Reicht schon ein Spaziergang oder eine Radtour nach Feierabend?

Mit dem Auto ins Büro, den Weg nach oben erleichtert der Aufzug, den ganzen Tag am Schreibtisch, der weiteste zurückgelegte Weg ist der zur Kaffeemaschine. Und kaum hat einen das Auto wieder sicher nach Hause gebracht, lässt man sich vor dem Fernseher nieder. 

Wem dieser Tagesablauf bekannt vorkommt, der gehört zu der Vielzahl von Menschen, die sich zu wenig bewegen. Körperliche Inaktivität ist ein globales Problem. Fünf Millionen Todesfälle im Jahr sind auf Bewegungsmangel zurückzuführen. Weltweit entstehen im Gesundheitswesen und durch Produktivitätsverluste Kosten in Höhe 67,5 Milliarden US-Dollar.

Für viele lässt es sich kaum verhindern, große Teile des Tages sitzend zu verbringen – das bringt ihr Job mit sich. Aber vielleicht lassen sich die durch Bewegunsgmangel verursachten Risiken durch körperliche Aktivität, etwa flottes Gehen oder entspanntes Radfahren, abschwächen oder sogar aufheben? Diese Frage hat sich ein internationales Forscherteam um Professor Ulf Ekelund, der an Norwegian School of Sports Sciences und in Cambridge lehrt, gestellt. Ihre Übersichtsarbeit wurde nun in der Fachzeitschrift Lancet veröffentlicht

Lange sitzen und wenig Bewegung - der schlechteste Fall

Die Autoren werteten dabei Daten von über einer Million Menschen aus. Diese teilten sie in Abhängigkeit ihrer körperlichen Aktivität in vier Gruppen ein – von weniger als fünf Minuten bis zu 60 bis 75 Minuten am Tag. Insgesamt flossen 13 Studien in ihre Analyse ein, die den Zusammenhang zwischen der Zeit, die jemand sitzend verbringt, und der Gesamtsterblickeit untersuchten.

Menschen, die acht Stunden am Tag sitzend verbringen, aber zusätzlich körperlich aktiv sind, haben danach ein geringeres Risiko zu versterben, als solche, die nur vier Stunden sitzen, sich sonst aber nicht bewegen. Körperliche Aktivität ist also für alle wichtig, unabhängig davon, wie lange sie täglich sitzen. Die ungünstigste Variante war lange sitzen und wenig Bewegung.

Die Auswertung ergab aber auch, dass die durch acht Stunden Sitzen verursachte Risikoerhöhung mit einer Stunde Aktivität wieder ausgeglichen werden kann, zum Beispiel mit einem flotten Spaziergang (5.6 km/h) oder einer gemütlichen Radtour (16 km/h). 60 bis 75 Minuten körperliche Aktivität am Tag – die WHO-Leitlinien sprechen gar von mindestens 150 Minuten in der Woche. 

Jegliche Aktivität ist besser nichts

In ihrer Auswertung war es lediglich ein Viertel der Probanden, die täglich eine Stunde oder mehr am Tag aktiv waren. Die Studienautoren sehen daher noch viel Nachholbedarf, wenn es darum geht, die körperliche Aktivität zu steigern.

Viele machten sich Sorgen über die Risiken, die es mit sich bringt, große Teile des Tages sitzend zu verbringen, erklärt Studienautor Ulf Ekelund. Mit unserer Untersuchung wollen wir eine gute Nachricht überbringen: Es ist möglich, das durch langes Sitzen verursachte Risiko zu reduzieren oder sogar zu neutralisieren. Dazu braucht es lediglich genug Bewegung zum Ausgleich. Und es muss nicht einmal Sport oder das Fitnessstudio sein, betont Ekelund. Radfahren oder zügiges Spazierengehen reichten völlig aus.

Bei vielen Menschen, insbesondere wenn sie Bürojobs haben, lässt es sich nicht verhindern, dass sie viel sitzen. Dessen ist Elkelund sich bewusst. Diesen könne man aber gar nicht oft genug klar machen, wie wichtig Bewegung ist, sei es ein Spaziergang in der Mittagspause, die Joggingrunde am Morgen oder einfach mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Ideal wäre eine Stunde. Wenn das zeitlich nicht machbar ist – auch wenig tägliche Aktivität helfe zumindest das Risiko zu senken – und ist also besser als nichts. 


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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