Cochrane-Bibliothek

Die Schweiz schenkt ihren Bürgern Evidenz

Stuttgart - 18.01.2016, 07:30 Uhr

Die Übersichtsarbeiten in der Cochrane-Bibliothek fassen den Stand der Wissenschaft zu medizinischen Themen zusammen - doch nicht alle Menschen haben freien Zugang. (Screenshot)

Die Übersichtsarbeiten in der Cochrane-Bibliothek fassen den Stand der Wissenschaft zu medizinischen Themen zusammen - doch nicht alle Menschen haben freien Zugang. (Screenshot)


Seit Jahresbeginn haben alle Schweizer einen kostenlosen Zugang zur Cochrane-Library. Anders als auch in Norwegen oder Indien sind die Überblicksartikel in Deutschland weiterhin nicht frei verfügbar.

Das Cochrane-Netzwerk hat sich der medizinischen Evidenz verpflichtet: Mehr als 35.000 Freiwillige in aller Welt haben bisher dazu beigetragen, in systematischen Überblicksartikeln den aktuellen Stand der Wissenschaft zusammenzufassen. So bietet Cochrane fundierte Informationen zur Frage, ob Antibiotika bei akuten Mittelohrentzündungen von Kindern helfen, oder ob Lichttherapie tatsächlich einer Winter-Depression vorbeugen kann.

Um unabhängig von Pharma-Sponsoring zu bleiben, sind die Cochrane-Zentren auf öffentliche Förderung angewiesen. In der Schweiz hat sich nun die dortige Akademie der Medizinischen Wissenschaften mit dem Bundesamt für Gesundheit und Universitätsbibliotheken zusammengetan, um die Cochrane-Datenbanken allen Bürgern kostenlos zur Verfügung zu stellen. Damit gehören die Eidgenossen zu der Hälfte der Menschheit, die durch Nationallizenzen oder spezielle Programme für Entwicklungsländer frei zugreifen können. 

Kein reibungsloser Zugang in Deutschland 

In Deutschland müssen Apotheker, Ärzte und andere Interessierte hingegen im Normalfall in die eigene Tasche greifen, um auf die neuesten Überblicksartikel zugreifen zu können. Eine Nationallizenz gibt es nur für Universitätsbibliotheken. Frei zugänglich sind lediglich kurze Zusammenfassungen, wie auch Artikel, die älter als ein Jahr sind.

„Nicht nur für die Forschung, sondern auch für die Anwendung ist es von zentraler Bedeutung, dass die vorhandene wissenschaftliche Evidenz ohne Reibungsverluste verfügbar ist“, sagt Gerd Antes, der das Deutsche Cochrane-Zentrum in Freiburg leitet. Doch bisherige Initiativen sind hierzulande gescheitert. Das Netzwerk Evidenzbasierte Medizin (EbM) hatte zwei Anläufe gestartet und das Gesundheits- und Forschungsministerium aufgefordert, eine Nationallizenz zu erwerben – bisher vergeblich.

Langfristige Perspektiven

„Alle im Gesundheitswesen professionell Tätigen wie auch Bürgerinnen und Bürger müssten Zugriff auf die Cochrane-Library haben“, sagt Gabriele Meyer, die Mitglied im Vorstand des EbM-Netzwerks ist. Als Notbehelf bietet der Verein wenigstens seinen Mitgliedern freien Zugang. Das Bundesgesundheitsministerium schreibt zwar auf Nachfrage, das Cochrane-Netzwerk wie auch das deutsche Zentrum erfüllten „sehr wichtige Aufgaben für die Aufarbeitung und Nutzung hochwertiger wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Medizin“. Es verweist darauf, dass das Ministerium ja bereits das Cochrane-Zentrum fördere. Außerdem hätten beispielsweise Wissenschaftler bereits Zugang über die Uni-Bibliotheken, manche Landesärztekammern hätten außerdem eine Lizenz erworben - daher sei „darüber Hinausgehendes“ derzeit nicht geplant.

Immerhin will das Ministerium das Freiburger Zentrum zukünftig „nachhaltig“ finanzieren: Während die Gelder bisher nur jahresweise zugesagt wurden und Mitarbeiter zum Ende des Jahres oft nicht wussten, wie es im Januar weitergeht, will Gröhe das Zentrum ab 2017 langfristig fördern.


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