„Werbemaschinerie“ in Apotheken

Grippezeit ist Apotheken-Test-Zeit

Berlin - 02.02.2015, 13:07 Uhr


Die Zeiten, in denen sich viele Menschen mit einer Erkältung oder der Grippe quälen, ist zugleich die Zeit, in denen verschiedene TV-Verbrauchermagazine die Beratung von Apotheken unter die Lupe nehmen. Meist genügen ihnen wenige Stichproben, um zu dem allgemeingültigen Ergebnis zu kommen: Apotheken beraten schlecht. So auch im Fall des NDR-Magazins „Markt“, das heute Abend um 20.15 Uhr ausgestrahlt wird. Zu Wort kommt darin auch Professor Gerd Glaeske, der einmal mehr von einer „Werbemaschinerie“ in Apotheken spricht.

Wer während einer Erkältung unter Halsschmerzen leidet und Rat in einer Apotheke sucht, hat schlechte Karten. Mit diesem Tenor kündigt der NDR das heutige Magazin an. Den eigenen Recherchen zufolge werde derjenige, der mit diesen Beschwerden in die Apotheke gehe, „häufig schlecht beraten“. Für diese Aussage wurden zehn Apotheken getestet: Reporter stellten sich mit Halsschmerzen vor und erhielten verschieden teure Lutschtabletten. Eine Apotheke verkaufte Medikamente für knapp 32 Euro. Die Kritik: Neun Apotheken empfahlen „immer nur Medikamente eines Herstellers“ (Dobendan®) – ohne den Kunden nach möglichen Unverträglichkeiten zu fragen.

„Das zeigt, dass das Marketing von Herstellern wirkt, jenseits der Fragestellung, ob es sich um sinnvolle Arzneimittel handelt“, wird Glaeske in der Vorankündigung zitiert. Die Werbung beeinflusse auch Apotheker. „Ich finde, dass man sich davon frei machen muss. Was will der Hersteller? Der will natürlich viele Produkte absetzen. Was will der Großhandel? Der will natürlich auch viel verkaufen. Aber wenn ich in die Apotheke gehe, dann möchte ich eine vernünftige Beratung haben und nicht quasi der passive Verkäufer einer Werbemaschinerie sein, die der Hersteller angeworfen hat.“ Auf Anfrage erklärte die ABDA: „Welchen Einfluss das Marketing auf Patientennachfragen und damit in der Folge auf die Vorratshaltung von Apotheken hat, können wir nicht beurteilen.“

Auch dass in sechs Apotheken Dolo-Dobendan® mit dem Wirkstoff Benzocain verkauft wurde, hält Glaeske für problematisch: „Das soll den Halsschmerz betäuben, aber es ist ein Mittel, was möglicherweise Allergien auslösen kann. Deshalb ist es sehr wichtig, dass in der Apotheke darauf hingewiesen und entsprechend informiert wird. Insofern würde ich immer fragen, wenn ich so ein Mittel verkaufen würde, ob jemand rasch allergisch reagiert.“ Doch das scheint an keiner Stelle passiert zu sein. Der Dolo-Dobendan®-Hersteller Reckitt Benckiser erklärte „Markt“ auf Anfrage, dass bei allen Arzneimitteln Unverträglichkeiten gegen Wirkstoffe oder sonstige Bestandteile auftreten könnten. „Es liegen derzeit jedoch keine Anhaltspunkte vor, dass bei der Anwendung von Dolo-Dobendan® ein erhöhtes Allergiepotenzial auftritt.“


Juliane Ziegler


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