Statt Locabiosol

Was hilft bei Halsschmerzen?

Stuttgart - 22.04.2016, 18:05 Uhr

Halsschmerzen sind meist selbstlimitierend, die meisten Patienten wünschen sich jedoch Symptomlinderung.  (Foto: Photographee.eu / Fotolia)

Halsschmerzen sind meist selbstlimitierend, die meisten Patienten wünschen sich jedoch Symptomlinderung. (Foto: Photographee.eu / Fotolia)


Locabiosol ist demnächst Geschichte. Eine therapeutische Lücke wird es angesichts der Vielzahl der Präparate gegen Halsschmerzen aus der Apotheke nicht geben. Der Markt ist ziemlich unübersichtlich. Eines haben jedoch die meisten Präparate gemeinsam: Es gibt wenig Evidenz.

Halsschmerzen haben, wenn keine Komplikationen auftreten, eine hohe Spontanheilungstendenz. Sie dauern im Mittel dreieinhalb bis fünf Tage. In den Placebogruppen kontrollierter Therapiestudien sind nach drei Tagen bei 30 bis 40 Prozent der Patienten die Halsschmerzen abgeklungen, und etwa 85 Prozent sind fieberfrei. Nach einer Woche sind etwa 80 bis 90 Prozent der Patienten beschwerdefrei. Aufgrund des hohen Leidensdruckes wird aber häufig der Wunsch geäußert, die Beschwerden zu lindern. Auch nach dem Aus von Locabiosol gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, mit mehr oder weniger gut belegter Wirksamkeit.

Leitlinie rät zu systemischen Analgetika

Die DEGAM-Leitlinie „Halsschmerzen“ (befindet sich derzeit in Überprüfung) spricht sich eindeutig für den Einsatz systemischer NSAR und Analgetika wie Ibuprofen oder Paracetamol aus.

Unter den Lokalanästhetika gibt es laut Leitlinie lediglich für Ambroxol (Mucoangin® Lutschtabletten) eine eingeschränkte Empfehlung. Immerhin konnte die Substanz in zwei Studien signifikant besser die Symptome lindern als Placebo.

Zur kurzzeitigen Linderung der Beschwerden können laut „Evidenzbasierter Selbstmedikation“ Lidocain oder Benzocain zum Einsatz kommen. Längerfristiger Nutzen oder Einfluss auf die Heilung sind nicht nachgewiesen. Die hausärztliche Leitlinie sieht die Lokalanästhetika Lidocain und Benzocain aufgrund ihres allergenen Potenzials kritisch. Außerdem besteht bei Benzoacin insbesondere bei Kindern das Risiko einer Methämoglobinämie. Enthalten ist Lidocain in Trachilid® Halsschmerztabletten sowie in Kombination mit anderen Wirkstoffen in z. B. Lemocin® Lutschtabletten. Benzocain findet sich als Monosubstanz  in Anaesthesin®-Pastillen, Lemocin® Forte mit Benzocain Lutschtabletten, Anginhexal® dolo Halspastille, sowie als lokalanästhetische Komponente in Kombinationspräparaten wie Dolo-Dobendan® oder Dorithricin®.

Lokale Antibiotika und Antiseptika sind umstritten

Locabiosol enthält mit Fusafungin ein Peptid-Antibiotikum. Die Anwendung lokaler Antibiotika und Antiseptika bei Halsschmerzen ist ohnehin umstritten. Zum einen wirken die Substanzen nur kurzfristig und oberflächlich. Tief in den Furchen befindliche Keime werden nicht erreicht. Zum anderen sind akute Halsschmerzen in den meisten Fällen viral bedingt. In kontrollierten, randomisierten Studien wird kein ausreichender, erwiesener Nutzen gesehen, heißt es in der Leitlinie. Darüber hinaus können lokal Antibiotika und Antiseptika die natürliche Mundflora schädigen. Dennoch enthalten zahlreiche Arzneimittel gegen Halsschmerzen Wirkstoffe wie

  • Tyrothricin (enthalten in Dorithricin® oder Lemocin®),
  • die quartären Ammoniumverbindungen Dequaliniumchlorid, Cetrimoniumbromid, Benzalkoniumchlorid und Cetylpyridiniumchlorid (z.B. in Dobendan Strepsils® Mint, Dolo-Dobendan®, Jasimenth® CN Halspastillen, Lemoncin)
  • die alkoholischen Antiseptika Amylmetacresol und 2,4-Dichlorbenzylalkohol (z.B. in neo-angin® Halstabletten, Dobendan Strepsils® Junior). 
Lutschtabletten (Beispiele) gegen Halsschmerzen und die darin enthaltenen Wirkstoffe
 Handelsname
Wirkstoffe
 Dorithricin®
Tyrothricin, Benzalkoniumchlorid, Benzocain
 Dobendan Strepsils® Mint 1,4 mg Lutschpastillen
Cetylpyridiniumchlorid
 Dobendan Strepsils® Junior 1,2 mg/0,6 mg Lutschtabletten
2,4-Dichlorbenzylalkohol, Amylmetacresol
 Dobendan Strepsils® Synergie Honig & Zitrone 1,2 mg/0,6 mg Lutschtabletten
 Dobendan Strepsils® Zuckerfrei Zitrone 1,2 mg/0,6 mg Lutschtabletten
 Dolo-Dobendan® 1,4 mg/10 mg Lutschtabletten
Cetylpyridiniumchlorid, Benzocain
 Jasimenth® CN Halspastillen
Dequaliniumchlorid, Ascorbinsäure
 neo-angin® Halstabletten Lutschtabletten
2,4-Dichlorbenzylalkohol, Levomenthol, Amylmetacresol
 neo-angin® Halstabletten zuckerfrei Lutschtabletten
 Anaesthesin®-Pastillen
Benzocain
 Dobendan® Direkt Flurbiprofen 8,75 mg Lutschtabletten
Flurbiprofen
 Mucoangin® gegen Halsschmerzen Minze/-Waldbeere Lutschtabletten
Ambroxol
 Tantum Verde® mit Minz-/Zitronengeschmack 3 mg Lutschtabletten
Benzydamin
 Trachilid® Halsschmerztabletten
Lidocain
 Lemocin® Forte mit Benzocain Pastillen
Benzocain
 Lemocin® Lutschtabletten
Cetrimoniumbromid, Lidocain, Tyrothricin
 Anginhexal® dolo
Benzocain

Es gibt auch noch was zum Sprühen

Eine weitere Option sind lokale Analgetika. Zu nennen ist hier Flurbiprofen (Dobendan® Direkt Flurbiprofen) ein nicht-steroidales-Antirheumatikum mit ähnlichen Eigenschaften wie Diclofenac. Auch wenn Beobachtungsstudien auf eine schmerzlindernde Wirkung hindeuten, ist das Nutzen-Risiko-Verhältnis der lokalen Anwendung umstritten. Denn obwohl im Mund- und Rachenraum nur niedrige Wirkstoffmengen eingesetzt werden, entsprechen Nebenwirkungen und Kontraindikationen denen eines typischen nicht-steroidalen Antirheumatikums. Flurbiprofen ist allerdings einer der wenigen Wirkstoffe, die neben Lutschtabletten auch als Spray erhältlich sind und daher hinsichtlich der Darreichungsform eine Alternative zu Locabiosol®.

Neben Lösung und Lutschtabletten ebenfalls als Spray erhältlich ist Benzydamin (Tantum verde®), das in der Literatur häufig zu den nicht-steroidalen Antiphlogistika gezählt wird. Die Substanz zeigt antiphlogistische, analgetische, lokalanästhetische sowie antimikrobielle Wirkungen. Inwieweit der antibakterielle Effekt bei Entzündungen des Hals- und Rachenraums eine Rolle spielt, wird widersprüchlich beurteilt. Evidenz zu Benzydamin gibt es lediglich zur Mucositis-Prophylaxe bei onkologischen Patienten (Grad 1a).

Evidenz versus Erfahrung

Darüber hinaus findet sich in der Leitlinie eine eingeschränkte Empfehlung für unspezifische Maßnahmen – wie ausreichend viel trinken, gurgeln mit Salzwasser oder Tee, lutschen nicht-medizinischer Bonbons oder Halswickel. Für die Hausmittel fehlt allerdings der wissenschaftliche Beweis der Wirksamkeit.

Beim Thema Halsschmerzen findet man sich, wie so oft der in der Selbstmedikation, im Spannungsfeld zwischen Evidenz und Erfahrung. Bei einer meist selbstlimitierenden Erkrankung wie akute Halsschmerzen, wo es primär um das subjektive Empfinden des Patienten geht, spielen Erfahrungen – „das hat mir immer gut geholfen“ – eine wichtige Rolle. Zumal „keine Evidenz“ ja nicht bedeutet, dass eine Substanz nicht wirkt, sondern lediglich, dass Wirksamkeit oder (Nicht-Wirksamkeit) nicht nach anerkannten wissenschaftlichen Kriterien nachgewiesen wurden. 

Das Ende der Selbstmedikation

Klingen Halsschmerzen nach wenigen Tagen nicht ab, sind die Mandeln extrem stark gerötet, angeschwollen und mit Belägen überzogen sollte den Patienten zum Arztbesuch geraten werden. Dasselbe gilt bei hohem Fieber, plötzlich stark einsetzenden Symptomen und einseitig sehr starken Beschwerden.

Mehr zum Thema lesen Sie in dem Beitrag „Wenn der Hals kratzt Antiseptika, Antibiotika, Lokalanästhetika und Analgetika in Halsschmerztabletten", erschienen in DAZ 2013, Nr. 51.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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1 Kommentar

Lemocin forte mit Benzocain

von A. Steschulat am 30.04.2016 um 15:07 Uhr

Ist Lemocin forte mit Benzocain nicht schon AV?

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