Beratungs-Check bei „Spiegel Online“

Apotheker-Empfehlungen fallen durch

Berlin - 27.10.2014, 17:26 Uhr


Was die Abwehrkräfte wirklich stärkt, wollte „Spiegel Online“ in seinem aktuellen Medikamenten-Check herausfinden. Dafür wurden acht Freiwillige in Apotheken geschickt, um sich dort beraten zu lassen. Die empfohlenen Mittel bewertete Peter Sawicki, ehemaliger Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) – und das alles andere als positiv.

Gefragt nach Helfern zur Stärkung der Abwehrkräfte, riet eine Apothekerin, gesund zu essen, ausreichend zu schlafen und ein bisschen Sport zu treiben. In sieben von acht Fällen wurde den Testern in den Apotheken Orthomol Immun empfohlen. Bei kritischer Nachfrage eines Testers erklärte eine Apothekerin, dass es eigentlich für Patienten nach überstandener Chemotherapie gedacht sei. Dem fügte sie laut „Spiegel Online“ hinzu: „Was denen hilft, kann doch für Sie nicht schlecht sein, oder?“ Zusätzlich wurde zwei Testern ein Zinkpräparat verkauft. In einem Fall wurde mit Esberitox Compact ein pflanzliches Arzneimittel zur unterstützenden Behandlung bei viralen Erkältungskrankheiten vorgeschlagen.

Diese Empfehlungen kann Sawicki, von Haus aus Arzt, nicht teilen. Lediglich Zink räumt er einen gewissen Effekt ein – „wenn man spätestens innerhalb der ersten 24 Stunden nach Beginn der Erkältungssymptome mehr als 75 Milligramm pro Tag einnimmt“. Das dürfte bei den meisten Präparaten allerdings ein Vielfaches der empfohlenen Dosierung sein. Als Dauereinnahme zur Stärkung der Immunabwehr sei Zink nicht geeignet, so das Fazit.

Auch Orthomol Immun hat dem Bericht zufolge keinen Nutzen in der Vorbeugung von Erkältungen: Weder als Einzelstoff noch als Kombination gibt es laut Sawicki eine belegte Wirkung bei der Prävention von Erkrankungen. Der Hersteller verweist auf eine Studie für das diätetische Lebensmittel, die Auskunft über eine „diätetische Wirksamkeit“ gibt. Diesen Hinweis auf die Studie „und damit auf das Votum einer Ethikkommission ist Unsinn oder eine bewusste Irreführung“, kritisiert der Ex-IQWiG-Chef. Denn eine Ethikkommission beschäftige sich niemals mit der Wirksamkeit eines Produktes, sondern mit dem Studienprotokoll. Und er legt nach: „Wäre Orthomol Immun ein Arzneimittel, hätte eine Zulassungsbehörde es aus meiner Sicht auf der Basis dieser Studie nie zum Verkauf zugelassen.“

Das dritte Präparat kommt im „Spiegel Online“-Beitrag ebenfalls nicht gut weg. Eine Stärkung der Abwehrkräfte mit Esberitox Compact-Tabletten sei „nicht sinnvoll“, so Sawicki. Laut Hersteller ist der Einsatz bei gesunden Menschen zum Zwecke der Stärkung des Immunsystems kein zugelassenes Anwendungsgebiet. Allerdings stehe es Apothekern frei, so der Hersteller, es im Rahmen ihrer Beratungskompetenz zu empfehlen. Sawicki vermutet, dass die mehrheitlichen Empfehlungen der Apotheken „direkt oder indirekt auf ihrem merkantilen Interesse“ basieren.

Ferdinand Gerlach, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (Degam) und Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, empfiehlt allgemeine Maßnahmen: etwa während der Erkältungszeit häufig Hände waschen, ausreichend Schlaf und Bewegung an der frischen Luft. Dies sei für die meisten Menschen völlig ausreichend, wissenschaftlich gut belegt und kostengünstig. „Präparate zur Stärkung des Immunsystems helfen sofort – allerdings nur dem Hersteller und dem Apotheker“, so Gerlach.

Hier geht es zum vollständigen Artikel auf „Spiegel Online“.


Annette Lüdecke


Das könnte Sie auch interessieren

Erkältungsprävention

Vitamin C nützt nur bei wenigen