Pandemie Spezial

„Russia first“

Mysterium Sputnik V: Kann dieser COVID-19-Impfstoff sicher sein?

hb | Am 11. August 2020 hat Russland den weltweit ersten COVID-19-­Impfstoff zugelassen. Skeptiker und kritische Mahner sammeln sich im Fahrwasser des allgemeinen Presserummels um die neue, rätselhafte Vakzine. Tatsächlich ist über Sputnik V nur Bruchstückhaftes bekannt.

Sputnik V (Gam-COVID-Vac bzw. Gam-COVID-Vac Lyo) ist ein viraler Vektorimpfstoff, der auf dem humanen Adenovirus, einem Erkältungsvirus, basiert und mit dem Spike-Protein von SARS-CoV-2 fusioniert ist, um eine Immunantwort zu stimulieren. Das Konzept ist in der Impfstoff-Forschung nicht neu. Bislang wurden aber erst zwei Impfregimes mit dem Wirkprinzip gegen Ebola zugelassen. Auch andere Forschungsverbünde entwickeln Vektorimpfstoffe gegen SARS-CoV-2. In dem Zweikomponenten-Impfstoff Sputnik V kommen als Vektoren zwei verschiedene Adenoviren zum Einsatz. Am ersten Tag wird die Adenovirus-Typ-26(Ad26)-basierte Komponente als sogenannter „Primer“ verabreicht und am 21. Tag die Komponente mit dem Adenovirus Typ 5 (Ad5) als „Booster“, um die Immunantwort zu verstärken. Das Gamaleya National Research Center für Epidemiologie und Mikrobiologie, aus dem Sputnik V stammt, soll sich bei der Entwicklung auf eigene Erfahrungen mit der Erforschung von Vakzinen gegen Ebola und MERS gestützt haben.

Entwicklung im Parforceritt

Verschiedenen Berichten in dem US-Fachportal „TrialSiteNews“ zufolge müsste der Gamaleya-Impfstoff den gesamten klinischen Forschungsprozess in nur zwei Monaten durchlaufen haben. Im Mai 2020 hatte das Institut bekannt gegeben, dass es die Vakzine entwickelt habe. Nach einer erfolgreichen präklinischen Erforschung an Hamstern und Affen begann die Testung am Menschen. Laut einem Bloomberg-Bericht soll Russlands geschäftliche, politische und militärische Elite unabhängig davon frühzeitig Zugang zu dem Impfstoff gegen COVID-19 erhalten haben.

Foto: imago images/ZUMA Wire

Nur zwei kleine Studien

In der Datenbank ClinicalTrials.gov finden sich lediglich zwei kleinere offene Phase-I/II-Studien unter Beteiligung von jeweils 38 gesunden Frei­willigen (NCT04437875 und NCT04436471, beide laut Eintrag mit Start am 17. Juni 2020 und Ende am 10. August 2020). In der Phase I erhielten jeweils neun Probanden entweder die Komponente 1 oder die Komponente 2 als Einzeldosis mit einer Nachbeobachtung von fünf Tagen, und in Phase II wurden 20 Freiwillige nach dem Booster-Regime mit beiden Komponenten geimpft. Als Follow-up sollten an den Tagen 7, 14, 28, 42 nach der Immunisierung Nachbeobachtungen stattfinden. Primäre Zielparameter sollten die Änderung der Antikörpertiter gegen das SARS-CoV-2-Glycoprotein S nach 42 Tagen und die Zahl der Teilnehmer mit Nebenwirkungen sein. Als sekundäre Endpunkte werden die Änderung des Titers an neutralisierenden Antikörpern und die Antigen-spezifische zelluläre Immunität angegeben.

„Hohe Wirksamkeit und Sicherheit“

Einer Pressemitteilung der russischen Regierung zufolge soll Sputnik V eine „hohe Wirksamkeit und Sicherheit“ besitzen und keine schwerwiegenden Nebenwirkungen aufweisen. Laut Aussage von Kirill Dimitriev, Leiter des russischen Staatsfonds (RDIF), der die Forschungsarbeiten des Gamaleya-Instituts finanziert, haben die Geimpften 21 Tage nach der ersten Dosis eine Immunität entwickelt, die sich nach Erhalt der zweiten Injektion verdoppelt haben soll. Die Immunität soll zwei Jahre lang anhalten, eine Schätzung, die das Gamaleya-Institut aus Erfahrungen mit Impfstoffen mit ähnlicher Technologie abgeleitet haben soll.

Was ist mit der Phase III?

Presseberichten zufolge soll die Phase III, die in der Regel die Erprobung an Tausenden Freiwilligen beinhaltet, übersprungen worden sein, oder, so die Vermutung, sie werde eher wie eine Phase-IV-Sicherheitsstudie nach dem Inverkehrbringen behandelt. Jedenfalls betonte Präsident Wladimir Putin am 11. August 2020 im Staatsfernsehen anlässlich der Registrierung des Impfstoffs, dass dieser alle notwendigen Tests durchlaufen habe. Auf einer Website für Sputnik V (Virenwarnung!) heißt es, dass am 12. August 2020 in Russland, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Brasilien und Mexiko eine Phase-III-Wirksamkeitsstudie mit mehr als 2000 Personen begonnen werden solle.

In der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft wird indessen heftig kritisiert, dass die Russen die Publikation jedweder Ergebnisse klinischer Prüfungen zu Sputnik V bislang schuldig geblieben sind. Auch das Paul-Ehrlich-Institut in Langen bemängelt die fehlenden Daten und rät zur Vorsicht.

Was steht in der Registrierung?

Die russische Registrierungsbescheinigung enthält nur wenige Details zu dem Impfstoff. Nach einer Information aus dem Gesundheitsministerium soll die Vakzine mit dem Zertifikat zunächst nur einer kleinen Zahl von Bürgern aus schutzbedürftigen Gruppen, einschließlich medizinischem Personal und älteren Menschen, verabreicht werden dürfen. Der Einsatz in großem Umfang soll laut Eintrag in dem Zertifikat erst ab dem 1. Januar 2021 möglich sein. Der Gesundheitsminister des Landes Michail Muraschko hat für Oktober den Start einer „Massenimpfkampagne“ angekündigt, an der rund 800 Personen teilnehmen sollen, um die Ergebnisse aus den ersten Studien zu bestätigen.

Massenproduktion steht bevor

Trotzdem soll der Impfstoff schon im Oktober in die Massenproduktion gehen. Hergestellt werden soll er im „Alium-Werk“ in Zelenograd in der Moskauer Metropolregion. Alium gehört zu den zehn größten Pharmaunternehmen Russlands. Wie die indische „Economic Times“ berichtet, sollen Indien und eine Reihe anderer Länder, darunter Brasilien, bereits Interesse an der Produktion angemeldet haben. Die Zeitung beruft sich hierbei auf Äußerungen des RDIF-Chefs Kirill Dmitriev in einem Interview mit dem Fernsehsender Rossiya-24. Seine Organisation soll Anfragen für den russischen Impfstoff aus insgesamt mehr als zwanzig Ländern erhalten haben.

Mit Challenge-Studien gegen die Limitationen der Phase III

In Phase III muss ein Impfstoff zeigen, ob er im normalen Alltag zuverlässig vor einer Infektion unter Alltagsbedingungen schützt. Dafür werden in der Regel zwei Gruppen gebildet, von denen eine den Impfstoff, die andere ein Placebo oder einen Impfstoff gegen eine andere Krankheit erhält. Oft werden die Studienteilnehmer zusätzlich in Altersgruppen unterteilt, um die Gesamtbevölkerung besser abzubilden und den Fokus auf gefährdete Risikogruppen legen zu können. Nach der Impfung finden in bestimmten Intervallen ärztliche und labormedizinische Untersuchungen statt, darunter auch Tests auf eine Infektion mit dem Virus. Eine direkte Infizierung mit dem Zielvirus verbietet sich aus ethischen Gründen.

Einen Ausweg bieten sogenannte „Human Challenge Trials“ (HCT). In solchen Studien wird eine kleine Gruppe junger freiwilliger Probanden mit einem Impfstoffkandidaten geimpft und anschließend mit dem Zielvirus infiziert. Auf diese Weise lässt sich die Schutzwirkung viel schneller und mit weniger Studienteilnehmern untersuchen, weil man nicht auf zufällige Infektionen im Alltag warten muss. Die Sache hat allerdings einen gravierenden Haken. Was ist, wenn der Impfstoff nicht wirkt, gerade im Fall von COVID-19, das derzeit nur bedingt behandelbar ist? Trotz der ethischen Bedenken haben sich bereits knapp 35.000 freiwillige Teilnehmer aus rund 150 Ländern auf der US-Website „1Day Sooner“ angemeldet, und die Weltgesundheitsorganisation hat in einer Leitlinie vorsorglich ethische Bedingungen für solche Versuche mit SARS-CoV-2 formuliert. Bislang wurde keine Challenge-Studie zugelassen. Das Fachportal TrialSite hat in den Raum gestellt, dass Russland im Rahmen der klinischen Erprobung von Sputnik V eine Reihe von Human Challenge Trials durchgeführt haben könnte.

Weitere Notfallzulassungen?

Angesichts dessen, dass sich die Suche nach einem Impfstoff gegen COVID-19 allmählich zu einem geopolitischen Machtkampf auszuwachsen scheint, besteht die Besorgnis, dass US-Präsident Donald Trump unter dem Wahlkampf-Druck ähnlich überstürzt nachziehen könnte. Schließlich hat er den Amerikanern versprochen, einen Impfstoff „in Rekordzeit“ zu entwickeln. Über die „Operation Warp Speed“ pumpt die US-Regierung dafür Milliarden an Förderung in verschiedene Kandidatenvakzine. Zwar kann die US Food and Drug Administration die Verwendung von Arzneimitteln durch eine sogenannte Notfallgenehmigung ebenfalls vor Abschluss von Wirksamkeitsstudien genehmigen, aber dort ist ein unabhängiges Beratungsgremium vorgeschaltet, das größtenteils aus Wissenschaftlern besteht und routinemäßig Anträge auf Zulassung von Impfstoffen prüft.

Sechs Impfstoffe in Phase III

Inzwischen gehen einige vielversprechende COVID-19-Impfstoffkandidaten in den nächsten Wochen in die entscheidende Runde. Sechs sind bereits in Phase III, darunter die mRNA-Projekte von Moderna (mRNA-1273) und Biontech/Pfizer (BNT162), der nicht replizierende virale Vektorimpfstoff AZD1222 von Oxford/AstraZeneca sowie drei Kandidaten auf Basis inaktivierter Viren von Sinovac, aus dem Wuhan Institute of Biological Products/Sinopharm und aus dem Beijing Institute of Biological Products/Sinopharm. Bis Ende des Jahres sollen noch weitere folgen, zum Beispiel der Adenovirus-Typ-26-Impfstoff Ad26.COV2-S von Johnson & Johnson (23. September 2020), die Nanopartikel-Vakzine NVX CoV2373 von Novavax (15. Oktober 2020) sowie ein noch nicht näher bezeichneter Kandidat von Sanofi (25. November 2020).

Die Draft Landscape der COVID-19-­Kandidatenimpfstoffe der WHO (Stand 13. August 2020) listet darüber hinaus zwei Kandidaten in der Phase II, zehn in der Phase I/II und elf Kandidaten in der Phase I, darunter auch den jetzt zugelassenen Sputnik V und die CureVac-RNA-Vakzine, sowie etwa 140 in der präklinischen Entwicklung. |

 

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