Arzneimittel und Therapie

Antidepressiva nur so lange wie nötig

Warnung vor leichtfertiger ­Langzeitverordnung

Patienten, die unter einer akuten mittelschweren Depression leiden, sollten ein Antidepressivum erhalten. Diese Empfehlung findet sich auch in der aktuellen S3-Leitlinie „Unipolare Depression“. In der internationalen Literatur gibt es jedoch Hinweise darauf, dass Antidepressiva häufig länger eingesetzt werden als notwendig. Dies hat die Autoren einer kürzlich publizierten niederländischen Studie veranlasst, Daten zur Langzeitanwendung dieser Arzneimittel zu gewinnen.

Dazu analysierten sie die Verordnungsdaten von insgesamt 156.620 Patienten aus 34 Allgemeinarztpraxen in der Region Amsterdam. Aus neun der Arztpraxen lagen Daten von insgesamt 6225 Patienten aus zwei Dekaden vor. Es zeigte sich, dass zwischen 1995 und 2005 30,3% der verordneten Antidepressiva langfristig (länger als 15 Monate) eingesetzt wurden. Im folgenden Zeitraum von 2005 bis 2015 war das bei 43,7% der Fall. Eine differenzierte Auswertung ergab, dass die Langzeitverordnungen häufiger Frauen und ältere Patienten betrafen. Anders als vermutet hatte der sozioökonomische Status der Patienten hingegen keinen Einfluss.

Langzeitverordnungen bei SSRI am häufigsten

Langzeitverordnungen wurden am häufigsten für selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI: Paroxetin, Citalopram, Escitalopram, Sertralin, Fluoxetin und Fluvoxamin) und selektive Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer (SNRI: Venlafaxin, Duloxetin), seltener dagegen für trizyklische Antidepressiva (Clomipramin, Amitrip­tylin, Nortriptylin) oder weitere Substanzen (z. B. Mirtazapin) ausgestellt.

Die Studienautoren vermuten, dass der Langzeiteinsatz von Antidepressiva häufig unkritisch erfolgt. Um das zu vermeiden, sollten die verordnenden Ärzte Behandlungsstrategien etablieren, die vorsehen, dass eine Behandlung rechtzeitig beendet wird, wenn sie keinen Nutzen mehr bringt.

Konkrete Empfehlungen der S3-Leitlinie

In der deutschen S3-Leitlinie finden sich bereits konkrete Empfehlungen zur Behandlungsdauer. So sollte sich an eine Akutbehandlung eine psychopharmakologische Erhaltungstherapie über mindestens vier bis neun Monate anschließen, um den Patienten vor einem Rückfall zu bewahren. In dieser Erhaltungsphase empfiehlt sich die gleiche Dosierung wie in der Akutphase. Damit die Patienten keine Absetzsymptome entwickeln, sollten Antidepressiva nach der remissionsstabilisierenden Behandlung ausgeschlichen werden. |

Quelle

Huijbregts KM et al. Long-term and short-term antidepressant use in general practice: data from a large cohort in the Netherlands. Psychother Psychosom 2017;86:362–369

S3-Leitlinie/Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression, Stand 2015, www.dgppn.de

Apothekerin Dr. Claudia Bruhn

Das könnte Sie auch interessieren

Grundlagen für das Medikationsmanagement

Unipolare Depression

Absetznebenwirkungen von Antidepressiva vermeiden

Schritt für Schritt ausschleichen

Brexanolon bei postpartaler Depression

FDA lässt erstes Antidepressivum für das Wochenbett zu

Pharmakologischer Ansatz am serotonergen System

Depressionen mit SSRI behandeln

Zur Pharmakotherapie von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen

Gemeinsam aus dem Loch

Metaanalyse bescheinigt den meisten Wirkstoffen wenig Nutzen und viel Risiko

Antidepressiva für Kinder ungeeignet

aber nur, wenn sie erkannt werden

Depressive Erkrankungen sind gut behandelbar,

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.