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Diesels schöne Schwestern

Kosmetika auf Erdöl-Basis verschmutzen die Luft

cae | Erdöl und Erdgas sind die Rohstoffe der petrochemischen Industrie, die daraus eine Fülle von Produkten hervorzaubert. Die große Mehrheit sind Kunststoffe, die schon lange wegen ihrer Umweltproblematik in der Kritik stehen. Aktuell richtet sich die Kritik gegen die vielen flüchtigen Verbindungen, die die Luft verunreinigen und teilweise toxisch wirken.
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Wer schön sein will, muss leiden? – Nicht nur das: Wer viele Kosmetika anwendet, lässt auch die Mitmenschen mitleiden.

Das aus der Tiefe geförderte Erdöl und Erdgas werden größtenteils verbrannt. Nur etwa sechs Prozent dienten 2012 in den USA als chemischer Rohstoff, wovon zwei Drittel zu Plastik und ein Drittel zu organischen Lösemitteln verarbeitet wurden. Die aus den letzteren zwei Prozent hergestellten Produkte lassen sich trotz ihrer immensen Anzahl hauptsächlich vier Gruppen zuordnen: Pestizide, Lacke und Farben, Reinigungsmittel, Kosmetika. Alle diese Stoffe verdunsten großenteils und verunreinigen die ­Atmosphäre mit den in ihnen enthaltenen flüchtigen Chemikalien (VCP), von denen hier nur Methan, Aceton, Acetaldehyd, Isopren und Toluol genannt seien.

Feinstaub, Ozon und mehr

Einerseits bilden die VCP mit festen Bestandteilen der Luft Aerosole, darunter den lungengängigen und deshalb besonders gefährlichen Feinstaub mit einem Durchmesser unter 2,5 µm. Andererseits setzen die VCP Reaktionskaskaden in Gang, bei denen auch toxische Stoffe auftreten. Am bekanntesten ist das Ozon, das sich zwar in der Ozonschicht als UV-Absorber nützlich macht, aber in der Atemluft höchst unwillkommen ist.

Der Abbau der VCP ist noch längst nicht umfassend erforscht und sorgt ständig für neue Überraschungen. So sind die schon in den 1950er-Jahren theoretisch vorhergesagten Criegee-Zwitterionen erstmals im Jahr 2012 nachgewiesen worden; sie bauen SO2 und NO2 ab und mildern wahrscheinlich den Treibhauseffekt. Die vielen Zwischenprodukte, die beim Abbau der VCP zu den Endprodukten CO2 und Wasser entstehen, sind erst an wenigen Beispielen vollständig dargestellt: So werden aus Isopren in 1928 verschiedenen Reaktionsschritten immerhin 602 Zwischenprodukte gebildet. Die Gesamtzahl aller Zwischenprodukte des VCP-Abbaus in der Luft wird auf 10.000 geschätzt.

Amerikanische Umweltchemiker, die ihre Forschungsergebnisse soeben auf dem Jahreskongress der American Association for the Advancement of Science (AAAS) in Austin vorgetragen haben, prognostizieren, dass die VCP in großen Städten schon bald größere Gesundheitsprobleme ver­ursachen werden als die mit Diesel oder Benzin betriebenen Verbrennungsmotoren der Automobile.

Criegee-Zwitterionen spielen eine große Rolle bei der Luftverschmutzung durch petrochemische Produkte. Der einfachste Vertreter ist das Formaldehydoxid (CH2OO).

Duftstoffe besonders problematisch

Nachdem in Farben und Lacken erfreulicherweise der Gehalt an gesundheitsschädlichen Xylolen verringert worden ist, sind ihrer Meinung nach Reinigungsmittel (u. a. durch den Zusatz des an sich überflüssigen Duftstoffs Limonen) und Kosmetika (u. a. durch volatile Cyclosiloxane oder Cyclomethicone) problematischer geworden. Sie fordern jetzt, diejenigen Produkte, die besonders viele Aerosole und damit auch Feinstaub verursachen, vom Markt zu nehmen und durch umweltfreundlichere Produkte zu ersetzen. |

Quellen

Lewis AC. The changing face of urban air pollution. Science 2018;359(6377):744-745

McDonald BC et al. Volatile chemical products emerging as largest petrochemical source of urban organic emissions. Science 2018;359(6377):760-764

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