Digitalisierung

Das ist digital!

Wie die digitale Rezeptsammelstelle funktioniert

diz | Das ist wirklich digital: In Neidlingen, einer kleinen 1800-Seelen-Gemeinde am Fuße der Schwäbischen Alb, steht seit einem Monat eine der beiden ersten digitalen Rezeptsammelstellen von Deutschland. Und sie funktioniert! Die Adler-Apotheke und die Stadt-Apo­theke im fünf Kilometer entfernten Weilheim/Teck betreiben sie gemeinsam im Wechsel, die ersten vier Monate ist die Stadt-Apotheke dafür zuständig. Wir fragten dort nach den ersten Erfahrungen mit der digitalen Rezeptsammelstelle.

Dem Bürgermeister von Neidlingen, Klaus Däschler, war es immer ein Anliegen, dass die Bürgerinnen und Bürger seiner Gemeinde gut versorgt sind. Vor drei Jahren war es ihm gelungen, einen Hausarzt nach Neidlingen zu holen. Umgehend nahm er Kontakt mit den beiden Apotheken im benachbarten Weilheim/Teck auf, die mit Genehmigung der LAK Baden-Württemberg eine herkömmliche Rezeptsammelstelle (Briefkasten) vor der Haustür des Arztes aufhängen durften und sie gemeinsam, im viermonatigen Wechsel, betreiben. „Die Bevölkerung war froh, dass sie nun täglich ihre Rezepte dort einwerfen konnte, und die Apotheke die Arzneimittel bringt. Wir sind täglich zum Briefkasten gefahren, haben ihn geleert und die Arzneimittel am Abend zugestellt“, berichtet Apothekerin Tilla Frank-Neumeyer.

Wie die digitale Rezeptsammelstelle nach Neidlingen kam

Die Anregung, eine digitale Rezeptsammelstelle zu entwickeln, ging vom Landesapothekerverband Baden-Württemberg aus. Der Rezeptabrechner VSA, der zur Noventi Group (Awinta) gehört, entwickelte den Prototyp eines digitalen Terminals zur Rezeptsammlung, den der LAV auf der Expopharm 2017 in Düsseldorf vorstellte. Über politische Kon­takte (CDU-Gesundheitspolitiker Michael Hennrich aus Kirchheim/Teck in der Nähe von Neidlingen und Fritz Becker sowie dem aktiven Neidlinger Bürgermeister Klaus Däschler) war die kleine Gemeinde als Versuchsstandort ausgeguckt. Die beiden Apotheken standen dem Projekt sehr aufgeschlossen gegenüber.

Fotos: DAZ/diz
Apothekerin Tilla Frank-Neumeyer sieht in der digitalen Rezeptsammelstelle viele Vorteile.

Am 25. Januar 2018 war es dann so weit, großer Bahnhof in Neidlingen: Die erste digitale Rezeptsammelstelle Baden-Württembergs ging ans Netz und nahm ihren Betrieb auf. Neben Apothekerin Tilla Frank-Neumeyer (Stadt-Apotheke) und Apotheker Dr. Hansjörg Egerer (Adler-Apotheke), die sich den Betrieb der digitalen Rezeptsammelstelle teilen, waren auch Michael Hennrich, Fritz Becker in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Landesapothekerverbands Baden-Württemberg, Neidlingens Bürgermeister Klaus Däschler und Herbert Wild, Chef der VSA, zur Eröffnung gekommen. Sie alle waren froh und glücklich, das digitale Zeitalter der Arzneimittelversorgung auf dem Land einläuten zu können und die flächendeckende Versorgung zu gewährleisten. Das Terminal steht in einem öffentlich zugänglichen Raum eines Hauses, das der Gemeinde gehört. In diesem Haus hat auch die Kreisspar­kasse Neidlingen Räume von der Gemeinde angemietet.

Kommt bei Apotheken gut an

Eine aktuelle Umfrage von Apokix, dem Apothekenkonjunkturindex des IFH Köln, zeigt, dass die digitale Rezeptsammelstelle von der Hälfte der Apothekerinnen und Apotheker befürwortet wird. Gut bewertet wird vor allem, dass die digitale Rezeptsammelstelle eine schnellere und einfachere Arzneimittelversorgung ermöglicht. Positive Effekte sind vor allem: Lieferprobleme werden schneller erkannt und Patienten können die Apotheke direkt kontaktieren. Den Vorteilen stehen allerdings auch Herausforderungen wie hohe Kosten gegenüber. Und acht von zehn der Befragten sind der Meinung, dass es insbesondere für Patienten schwierig sei, die Automaten zu bedienen.

Erste Erfahrungen

Und einen Monat später? Wie wird das Terminal von der Bevölkerung angenommen? Wie gut funktioniert die digitale Rezeptsammelstelle? Apothekerin Frank-Neumeyer zeigt sich zufrieden: „Es läuft an“, meint sie, „technisch gibt es keine Probleme.“ Als kleine Startschwierigkeit sieht sie lediglich, dass ältere Leute anfangs ein wenig Scheu haben, das Gerät zu bedienen – „obwohl es so einfach ist wie einen Kontoauszug aus dem Sparkassenterminal abzurufen“. Und die Apothekerin weiß: „Der Bürgermeister von Neidlingen ist sehr aktiv, er bietet sogar immer wieder Schulungen an für seine Bürgerinnen und Bürger und führt ihnen mit Musterrezepten vor, wie einfach das digitale Terminal funktioniert.“ Und die zweite kleine Einschränkung: Früher stand der Rezeptbriefkasten vor der Tür des Hausarztes, jetzt steht das digitale Terminal rund 500 Meter weiter entfernt im Haus, das der Gemeinde gehört, in dem auch die Kreissparkasse ist – da setzt sich der eine oder andere möglicherweise dann doch gleich ins Auto und fährt selbst zur Apotheke. Dennoch, Apothekerin Frank-Neumeyer ist überzeugt davon, dass sich die digitale Rezeptsammelstelle bewähren wird.

Und so funktioniert’s

Das Terminal wird über einen Touchscreen bedient. Der Patient startet einen Vorgang, in dem er auf die große OK-Anzeige tippt. Danach steckt er sein Rezept in den vorgesehenen Schlitz. Das Terminal zieht das Rezept ein und macht ein Bild (Scan) vom Rezept, das sofort an die Apotheke gesandt wird. Unmittelbar danach druckt das Terminal eine Quittung für den Patienten aus mit allen relevanten Informationen wie Vorgangsnummer, Kontaktdaten der Apotheke und als Nachweis, dass das Rezept eingelesen, einbehalten und an die Apotheke übermittelt wurde. Wenn der Patient möchte, kann er jetzt mittels der eingeblendeten Tastatur eine Nachricht an die Apotheke senden oder weitere rezeptfreie Arzneimittel bestellen. Mit einem Fingerdruck auf „Beenden“ wird der Vorgang abgeschlossen.

Beim Startbildschirm drückt der Patient auf „OK“ und steckt das Rezept in den Schlitz unterhalb des Bildschirms.
Nach dem Einlesen des Rezepts kann der Patient noch Informationen an die Apotheke übermitteln …
… beispielsweise eine Arzneimittelbestellung aufgeben.

Auf dem separaten Rechner in der Apotheke erscheint zeitgleich die Nachricht verbunden mit einem wiederkehrenden Glockenton, dass ein Rezept eingegangen ist. Das akustische Zeichen erlischt erst, wenn die PTA oder Apothekerin das eingegangene Rezept aufgerufen hat. Vorder- und Rückseite des Rezeptscans werden ausgedruckt und die Arzneimittellieferung zusammengestellt.

Je nach Dringlichkeit (z. B. Antibiotika sofort) werden dann die eingegangenen Bestellungen noch am gleichen Tag ausgeliefert. Vor der Auslieferung fährt die pharmazeutische Mitarbeiterin allerdings zuerst zum Terminal, um die Originale der Rezepte zu entnehmen und sie mit dem Scan und der vorbereiteten Arzneilieferung zu vergleichen. So ist gewährleistet, dass keine Fälschung vorliegt und das Originalrezept vor der Auslieferung geprüft werden kann.

PTA Anna Pais von der Stadt-Apotheke Weilheim/Teck: „Nach dem Vorgang des Rezepteinlesens druckt die digitale Rezeptsammelstellung eine Quittung, die als Nachweis für das eingelesene Rezept dient.“
Auf dem Rechner in der Apotheke ertönt ein akustisches Signal. Das eingelesene Rezept wird angezeigt und kann für die Zusammenstellung der Arzneimittel ausgedruckt werden.
Bevor die Arzneimittel an die Patienten ausgeliefert werden, fährt das pharmazeutische Personal zur digitalen Rezeptsammelstelle, entnimmt die Originalrezepte, um sie mit der vorbereiteten Arzneimittellieferung zu vergleichen.

Der große Vorteil für die Apotheke liegt darin, dass der erste Weg zur Leerung der Rezeptsammelstelle entfällt und dieser Weg mit der Auslieferung verbunden werden kann. Aber auch für den Patienten ergibt sich ein wichtiger Vorteil: Er wird rascher beliefert. Unmittelbar nach dem Eingeben ins Terminal erscheint der Scan auf dem Rechner der Apotheke. Die Apotheke kann sich sofort um die benötigten Arzneimittel kümmern und fehlende Präparate bestellen. Außerdem kann die PTA oder Apothekerin bei Unklarheiten auf dem Rezept oder wenn sich Rückfragen zur Medikation ergeben sofort Kontakt mit dem Arzt aufnehmen. Eine Auslieferung und Zustellung der Präparate kann in dringenden Fällen sogar schon nach wenigen Minuten erfolgen: Apothekerin Frank-Neumeyer: „In einem dringenden Fall – es war ein wichtiges Antibiotikum verordnet – fuhr meine PTA gleich los und konnte das Arzneimittel schon 20 Minuten später beim Patienten ausliefern.“ |

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