Aus den Ländern

„Vom Molekül zum Menschen!“

Vortragsreihe der Fachgruppe WIV-Apotheker

Die Bereitstellung wirksamer und sicherer Arzneimittel umfasst viele Einzelschritte, an denen Apotheker in vielfältigen Tätigkeitsbereichen beteiligt sind. Am 21. April veranstaltete die Fachgruppe WIV-Apotheker – Apotheker in Wissenschaft, Industrie und Verwaltung – in Bonn den dritten Teil der Fort­bildungsreihe „Vom Molekül zum Menschen“, wo ausgewiesene Ex­perten spannende Facetten aus ihrer Berufspraxis vorstellten.

SGB V – apothekerliche Tätigkeiten bei der Krankenkasse

Krankenkassen müssen verschiedene Perspektiven im Blick haben, denn ihre Versicherten nehmen gleich drei Rollen ein:

  • Als Arbeitnehmer sind sie daran interessiert, dass die Beiträge nicht in den Himmel wachsen,
  • als Versicherte wünschen sie sich ein gutes Leistungsspektrum ihrer Krankenkasse, und
  • als Patienten sind sie an einer möglichst optimalen Versorgung interessiert.

Welchen Beitrag Apotheker leisten, um diese Interessen auszubalancieren, schilderte Dr. Ulf Maywald von der AOK Plus, Dresden. Neben der Vertragsentwicklung, der Abrechnungsprüfung und der Pharmakotherapie­beratung übernehmen Pharmazeuten bei den Krankenkassen viele weitere Aufgaben, insbesondere auch das ­Versorgungsmanagement.

„Wenn Patienten jahrelang mit den falschen Arzneimitteln behandelt werden und erst zu spät die richtige Diagnose gestellt wird, ist das weder im Sinne des Patienten noch der Krankenkasse“, schilderte Maywald. Wichtige Trends im Therapieverhalten zu erkennen und gegenzusteuern, spart nicht nur Kosten, sondern den Betroffenen auch viel Leid. Apotheker nehmen hier eine wichtige Aufgabe wahr: Sie analysieren und interpretieren entsprechende Daten. Außerdem sind sie an der Entwicklung von Strategien zur Änderung des Verordnungsverhaltens und der Leistungssteuerung beteiligt.

Klinische Prüfmuster – überall und jederzeit!

Klinische Prüfungen bilden das ­Fundament jeder Arzneimittel­neuzulassung. Um diese fachgerecht durchführen zu können, ist die Bereitstellung entsprechender Prüfmuster eine essenzielle Voraussetzung. Wie herausfordernd dies sein kann, schilderte Nils Landsiedel, Merck KGaA, Darmstadt, sehr anschaulich: „Manche Arzneistoffe oder Zubereitungen haben einen besonderen Geruch oder Geschmack. Um dabei die Verblindung zu gewährleisten, ist Kreativität und Fingerspitzengefühl bei der Herstellung von Verum und Placebo erforderlich.“ Auch komplexe Herausforderungen bei der Lagerung und der Logistik machen die Bereitstellung von Prüfmustern zu einer interessanten Tätigkeit für Pharmazeuten. Manchmal ist eine einzelne Injektionslösung mehrere Tausend Euro wert.

Landsiedel schilderte an Beispielen, wie es gelingen kann, nichts zu verschwenden und gerade bei internationalen Studien optimal zu planen und flexibel sowie kostengünstig zu handeln.

Unternehmensberatung – Pharmazie trifft Betriebswirtschaft

Nach zahlreichen beruflichen Stationen in der Pharmaindustrie hat Jens-Peter Schütz sich als Unternehmensberater in Ottendorf selbstständig gemacht. Aus seinem Berufsalltag hatte er viele spannende Beispiele für das Auditorium mitgebracht. Breites Interesse fanden seine lebhaften Ausführungen zur Übernahme pharmazeutischer Unternehmen: „Die Bewertung von Kennzahlen und die Rohdatensichtung sind nicht nur Sache von Betriebswirten. Pharmazeutischer Sachverstand ist auch bei der Beurteilung eines Übernahmekandidaten unerlässlich“, so Schütz. Um abzuschätzen, welchen Wert und welche Perspektive die Zulassungsunterlagen einer Firma wirklich haben, sind tiefere Kenntnisse der Herstellung von Arzneimitteln erforderlich.

Bei der ständig steigenden Komplexität in der Arzneimittelbranche bietet Schütz auch zu anderen Themen seine Dienstleistungen an. Neben Verkäufen und Käufen berät er Unternehmen z. B. bei der Strategiefindung, im Bereich Lifecycle Management, bei der Identifikation und Umsetzung von Einsparungen, im Tender- & Stakeholder-­Management und bei der Entwicklung von OTC-Produkten.

Foto: Fachgruppe WIV-Apotheker
Die Referenten des 3. WIV-Symposiums (v. l.): Nils Landsiedel, Christian Licht, Jens-Peter Schütz, Dr. Christiane Staiger (nicht auf dem Foto: Dr. Ulf Maywald).

Was können Piktogramme zur Arzneimittelsicherheit beitragen?

Nicht jeder, der auf eine Arzneimittelpackung oder den Beipackzettel schaut, kann diese lesen und ver­stehen. Zu kleine Schrift oder fremde Sprache können ein Grund sein. Auch haben manche Menschen nie lesen ­gelernt. Piktogramme sollen zu einer sichereren Arzneimittelanwendung beitragen. Welche Punkte es dabei zu beachten gilt, schilderte Dr. Christiane Staiger, Mainz: „Ein Bild sagt zwar mehr als viele Worte, aber man muss auch den kulturellen Kontext beachten und dem Patienten die Bedeutung erklären.“

Anhand vieler internationaler Beispiele zeigte sie die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen einer universellen Bildsprache auf. Den Einnahmezeitpunkt vor oder nach dem Essen oder andere arzneimittelbezogene Infor­mationen in ein Piktogramm zu übersetzen, ist nicht trivial. So verweisen Messer und Gabel nicht in allen Ländern der Welt auf eine Mahlzeit, denn dort isst man vielleicht mit Stäbchen oder mit den Fingern. Wer also Einnahmehinweise und Nebenwirkungen in eine sichere Bildsprache übersetzen und Missverständnisse vermeiden will, muss sorgfältig vorgehen. Die Entwicklung derartiger Piktogramme sollte in international abgestimmten Projekten erfolgen, denn die Illustra­tionen sind nicht selbsterklärend und auch kein Allheilmittel bei Patienten mit Leseschwächen. Sie ersetzen nicht die Beratung durch den Apotheker, sondern fordern sie im besonderen Maße!

pU – Pharmazeut im Unternehmen

Einen Überblick über die Tätigkeiten eines Apothekers in einem mittel­ständischen pharmazeutischen Unternehmen gab Christian Licht, Promedipharm GmbH, Bensheim: „Von der Gesellschaftsgründung bis hin zum Lifecycle Management der Produkte kann sich ein Apotheker einbringen“, begann er seinen Vortrag. Licht schilderte dann die verschiedenen Phasen der Firmengründung bis hin zum erstmaligen Inverkehrbringen von Arzneimitteln sowie die entsprechenden gesetzlichen Grundlagen. Dabei zeigte er die verschiedenen Tätigkeiten und Firmenfunktionen auf, bei denen typischerweise Apotheker eingesetzt werden (z. B. als Stufenplanbeauftragter, im Kontraktorenmanagement).

Eine Checkliste und Tipps zur Überwachung und Abnahme durch die ­zuständige Behörde rundeten den ­Vortrag ab.

Fortsetzung im November

Nach einer lebhaften Diskussion und der Gelegenheit zu vertiefenden Einzelgesprächen nahmen die Teilnehmer neben fünf Fortbildungspunkten auch zahlreiche Anregungen von dieser kostenfreien Veranstaltung mit nach Hause.

„Wir freuen uns auf die Fortsetzung der Veranstaltungsreihe am 17. November 2017. Nutzen Sie diese Form des Austauschs und bringen Sie gerne weitere interessierte Kolleginnen und Kollegen mit!“, ermunterte Dr. Martin Weiser, Apotheker und Hauptgeschäftsführer des BAH, die Tagungsteilnehmer und lud ein weiteres Mal nach Bonn ein. Auch der Vorsitzende der Fachgruppe WIV-Apotheker und Moderator der Veranstaltung, Carl-Ulrich Henneberg, Sanofi, lud zur nächsten Veranstaltung ein.

Weitere Informationen im Internet: wiv-apotheker.de oder 
in der WIV-Geschäftsstelle: Dr. Maria Verheesen, Tel. 0228-95745-49. |

Christiane Staiger, Mainz Christian Wilhelm Licht, Bonn

Das könnte Sie auch interessieren

WIV-Apotheker mit neuer Spitze

Berufsbild weitergestalten

WIV-Apotheker informieren den Berufsnachwuchs

Pharmazie außerhalb der Apotheke

Apothekerkammer Niedersachsen hat neues Piktogramm-Ringbuch versandt

Hilfe bei Sprech- und Sprachproblemen

Viele Betätigungsfelder und sehr gute Aussichten

Apotheker in der Industrie

Berufspolitische Diskussion in Thüringen

Ideen für 2030

0 Kommentare

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.