Arzneimittel und Therapie

Betablocker in der Tumortherapie

Nichtselektive Betaagonisten verlängern das Überleben bei Eierstockkrebs

Betablocker werden zur Behandlung einer Vielzahl von Erkrankungen, darunter Hypertonie, KHK, Glaukom oder Migräne eingesetzt. Sie unterdrücken durch Blockade adrenerger Rezeptoren den Einfluss des Sympathikus auf den Körper. Derselbe Mechanismus scheint auch Auswirkungen auf die Progression des Ovarialkarzinoms zu besitzen, wie nun eine Studie ­berichtet.

Nachdem In-vitro-Studien und präklinische Daten über eine konstitutive Expression adrenerger Rezeptoren auf ovarialen Tumorzellen berichteten und sich zeigte, dass die Aktivität dieser Rezeptoren (v. a. der β2-Subtyp) die Progression und das Wachstum des Tumors fördert, haben in der Vergangenheit einige klinische Studien die Auswirkung von Betablockern bei Krebspatienten untersucht. Die bisherigen Resultate waren jedoch zunächst uneinheitlich, was nicht zuletzt an der teilweise geringen Patientenzahl lag, aber auch an der nicht differenzierten Bewertung selektiver sowie nicht-selektiver Betablocker. Da erstere Gruppe eine relative Selektivität für den β1-Subtyp besitzt, ein positiver Effekt auf das Tumorwachstum wohl aber über den β2-Subtyp vermittelt wird, standen vor allem die nichtselektiven Vertreter nun im Fokus einer neuen Studie zur Bewertung des Effektes von Betablockern bei Patientinnen mit Eierstockkrebs [1].

Hierbei haben Forscher Daten von insgesamt 1425 Frauen mit Eierstockkrebs aus dem Zeitraum von 2000 bis 2010 retrospektiv analysiert und die Überlebensdauer der Patientinnen als Primärziel gesetzt. Dabei wurden 269 Personen identifiziert, welche während der Tumortherapie zusätzlich mit Betablockern behandelt wurden. Gemäß der pharmakodynamischen Vorteile selektiver Vertreter gegenüber nicht-selektiven Betablockern in der Therapie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, zeigte sich auch eine weitaus höhere Verschreibungsrate an β1-selektiven Substanzen (n = 193 von 269, 71,7%), sodass nur 76 Personen tatsächlich mit nicht-selektiven Betablockern therapiert wurden. Die gleichzeitige Behandlung mit Beta­blockern führte insgesamt zu einer Überlebensdauer von median 47,8 Monaten, gegenüber 42 Monaten bei Patientinnen ohne Behandlung mit Betablockern. Eine differenzierte Analyse bestätigte jedoch die Überlegenheit nicht-selektiver Vertreter, da hier eine mediane Überlebensdauer von 94,9 Monaten gezeigt werden konnte. Bei selektiven Vertretern lag diese bei nur 38 Monaten und war somit noch kürzer als bei Personen ohne Beta­blocker-Therapie.

Adrenozeptoren als Biomarker

Erstmals konnte somit ein Überlebensvorteil bei Patientinnen mit Eierstockkrebs durch die gleichzeitige Gabe von nicht-selektiven Betablockern gezeigt werden. Dadurch eröffnen sich mög­licherweise neue therapeutische Angriffsmöglichkeiten in der Behandlung des Ovarialkarzinoms. Deshalb empfehlen die Autoren der Studie die Expression von adrenergen Rezeptoren als definierten Biomarker unterschiedlicher Krebsarten zu etablieren, um die Möglichkeit einer adjuvanten Therapie mit Betablockern voll auszuschöpfen. Neben der beschriebenen Hemmung der Tumorprogression könnten zudem die psychologischen Folgen einer diagnostizierten Krebserkrankung, wie Verzweiflung, Kummer und Leid, durch die zentral beruhigenden und stabilisierenden Effekte von Betablockern gelindert werden.

Trotzdem sind weitere klinische Studien, vor allem prospektiver Art, von­nöten, um die vermutete Assoziation definitiv zu bestätigen. Für eine tatsächliche adjuvante Tumortherapie mit nicht-selektiven Betablockern ist es zudem wichtig, Patientengruppen zu definieren, die aufgrund von Komorbiditäten nicht von einer Behandlung mit Betablockern profitieren können. Die Anwendung von nicht-selektiven Betablockern ist erwiesenermaßen mit einigen signifikanten Nebenwirkungen verbunden, die eine weitverbreitete adjuvante Behandlung von Krebspatienten verhindern können.

Es bleibt daher abzuwarten, ob der hier beschriebene Effekt auch in prospektiven Studien bestätigt wird. Die 5-Jahres-Überlebensrate von Eierstockkrebs liegt derzeit bei nur 30 bis 40%, was an der oft späten Diagnosestellung und dem hohen Rezidivrisiko liegt. Eine adjuvante Therapie zur Erhöhung der Überlebensdauer wäre ­daher von enormer Bedeutung und es wäre zu hoffen, dass hier tatsächlich eine Option gefunden wurde. Betablocker sind bereits seit vielen Jahren in der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Einsatz und ihre pharmakologischen Eigenschaften sehr gut dokumentiert, sodass ihr ­Einsatz als Adjuvanz in der Tumor­therapie unter Berücksichtigung patientenindividueller Komorbiditäten ­effektiv und sicher durchzuführen sein sollte. |

Quelle:

Watkins JL, Thaker PH, Nick AM et al. Clinical impact of selective and non-selective beta blockers on survival in ovarian cancer patients. Cancer 2015. doi:10.1002/cncr.29392

Apotheker Dr. André Said

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