Dermatologie

Arzt fragt Apotheker

„Keine neue Rezeptur ohne Rücksprache mit dem Apotheker!“

DAZ-Redaktion | Wer hat es nicht schon erlebt: Im Rahmen der Plausibilitätsprüfung wurde eine Inkompatibilität entdeckt. Nach langwieriger Diskussion mit der Sprechstundenhilfe, warum man den verordnenden Arzt sprechen muss, wird man schließlich durchgestellt, um dann mit den Worten „Das haben wir schon immer so verordnet!“ abgebügelt zu werden. Dass diese Verhaltensmuster nicht in Stein gemeißelt sind, zeigt ein Modell aus dem Bayerischen Wald, das neue Wege der Apotheker-Arzt-Kommunikation beschreitet und beispielgebend sein könnte für das neue Rollenverständnis der Apotheker bei der Bewertung und Herstellung von Rezepturen.

Während viele Apotheker sich durch die (mit der Novellierung der ApBetrO 2012 eingeführten) Plausibilitätsprüfung für Rezepturarzneimittel erstmals veranlasst sahen, die Zusammensetzung einzelner Rezepturen mit den Verordnern zu diskutieren, hat sich an der Kommunikation zwischen dem Offizinapotheker Dr. Dominic Kram und der Ärztin Dr. Irina Läbe dadurch nichts geändert. Schon vorher standen die beiden Heilberufler im Landkreis Cham (Oberpfalz) in regem Austausch, sodass die Allgemeinmedizinerin lange Zeit gar nichts von der Änderung der rechtlichen Lage bemerkte.

Die Vorbehalte einiger ihrer Kollegen gegenüber der pharmazeutischen Überprüfung der verordneten Rezepturen kann Dr. Läbe nicht nachvollziehen und meint: „Ich bin froh, wenn mir jemand hilft, der von galenischen Fragen mehr versteht als ich. Jeder sollte das tun, was er am besten kann: Ich stelle die Diagnose und lege Wirkstoff und Dosis fest, und der Apotheker entwickelt das Arzneimittel. So erreichen wir gemeinsam das Beste für den Patienten!“

Rücksprache mal „umgekehrt“

Fotos: Kram
Mit neuem Labor und großen Mischgeräten produziert die Marien-Apotheke in Neukirchen beim Hl. Blut Salben im Kilogramm-Maßstab.

In aller Regel bedürfen die Verordnungen von Dr. Läbe aber gar keiner Plausibilitätsprüfung, denn die Kommunikation zwischen Arzt und Apotheker setzt für sie bereits viel früher ein. Noch während der Patient im Sprechzimmer sitzt, klingelt Dr. Krams Telefon in der Marien-Apotheke in Neukirchen beim Hl. Blut. Gemeinsam diskutieren sie, welche Grundlage sowohl für das Beschwerdebild des Patienten als auch für den Wirkstoff geeignet ist.

„Bei mir kommt keine Rezeptur, die ich erstmalig verordne, ohne Rücksprache mit dem Apotheker auf den Rezeptblock“, bekennt Dr. Läbe freimütig. Und das ist bei der experimentierfreudigen Medizinerin, die fünf Jahre in einer großen Hautklinik gearbeitet hat, gar nicht so selten. Häufig sei die Problemstellung so individuell, dass sie mit den industriell hergestellten Fertigarzneimitteln nur unzureichend adressiert werden kann, so Läbe. Diese Lücke lässt sich nur mit Individualrezepturen schließen, die genau auf die Bedürfnisse des jeweiligen Patienten abgestimmt sind. Das bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass Dr. Läbe nicht eine Handvoll Standardrezepturen in ihrem Repertoire hat, die sie immer wieder verordnet; stattdessen wird für jeden Patienten ein ganz individuelles Rezepturarzneimittel entwickelt.

Individuelle Kompositionen sind kein Problem

Vorgefertigte Rezepturensammlungen nutzen ihr daher nach eigener Aussage wenig, wenngleich sie den Wunsch nach einer gewissen Standardisierung durchaus nachvollziehen kann. Apotheker Kram sieht in der Vielzahl individueller Rezepturkompositionen indes kein Standardisierungsproblem. „Nicht die Zusammensetzung muss standardisiert sein, sondern die Abläufe. Die gewährleisten die Qualität!“ So lautet das Credo des galenisch versierten Apothekers.

Der Erfolg gibt dem Modell der beiden Heilberufler Recht. Die gerade im ländlichen Raum gut funktionierende Mundpropaganda führt zu einer stetig steigenden Nachfrage nach individuell angefertigten Dermatika in Dr. Läbes Praxis und in der Apotheke. Letztere hat sich darauf eingestellt und im Bereich der Arzneimittelherstellung erheblich expandiert. Die Einrichtung eines neuen Labors und die Anschaffung von Mischgeräten für die Salbenherstellung im Kilogramm-Maßstab sprechen für sich.

Zusammenarbeit zwischen Arzt und Apotheker macht Schule

Für manchen eine lästige Pflicht, für Dr. Dominic Kram eine Leidenschaft: die offizinelle Arzneimittelherstellung.

Dabei haben Dr. Läbe und Dr. Kram nicht nur im Duett gute Erfahrungen gesammelt. Immer mehr Kollegen haben sich dem Konzept der offenen Kommunikation angeschlossen, was von den beiden durchaus erwünscht ist. Die konkrete Ausgestaltung ist mitunter jedoch recht unterschiedlich. „Nicht alle Dermatologen nehmen sich die Zeit, vorher in der Apotheke anzurufen, um eine neue Rezeptur gemeinsam durchzusprechen, dafür erhalten wir dann Rezepte auf denen beispielsweise steht ‚1 g Wirkstoff XY in 50 g hydrophiler Grundlage ad libitum‘; das zeigt welch hohes Vertrauen mittlerweile in unsere pharmazeutische Kompetenz gesetzt wird“, so Kram, der sich an keinen Fall erinnern kann, in dem es nicht gelungen wäre, zum Wohle der Patienten eine einvernehmliche Lösung mit den Verordnern zu finden.

Aber auch Kram weiß, dass die Zusammenarbeit nicht überall so reibungslos klappt, und hat einige Tipps parat. Zunächst einmal versucht er so viele Probleme wie möglich in der Apotheke selbst zu lösen, z.B. durch entsprechenden Hilfsstoffzusatz o.ä. Die Gesprächsbereitschaft bei den Ärzten sei wesentlich größer, wenn sie nicht wegen „jeder Kleinigkeit“ angerufen werden, so Krams Wahrnehmung. Auch habe es sich ausgezahlt, das Gespräch mit den Rezepturverordnern mal abends nach Dienstschluss zu suchen. In entspannter Atmosphäre diskutiert es sich ganz anders als zwischen Tür und Angel, zumal wenn ein volles Wartezimmer zur Eile drängt. Damit hat Kram die meisten Ärzte auf seine Seite gebracht: „Seither haben wir, was die Plausibilität von Rezepturen angeht überhaupt kein Problem mehr, und wir begegnen uns absolut auf Augenhöhe!“

Kompetenz in der Rezeptur als Teil eines neuen Leitbilds

Während anderswo über das neue Leitbild des Apothekers 2.0 räsoniert wird, ist man „in der Provinz“, tief im Bayerischen Wald offenbar schon einen Schritt weiter. Hier ist es einem Apotheker gelungen, sich dank seiner profunden Ausbildung einen eigenen Kompetenzbereich zu erarbeiten, in dem er anerkannt und als Berater geschätzt wird, von Ärzten wie Patienten gleichermaßen.

Und ein Weiteres zeigt dieses Beispiel: Bei allen neuen Aufgaben, denen sich der pharmazeutische Berufsstand künftig zu Recht stellen muss, wenn er seinen Stellenwert im Gesundheitswesen erhalten will, darf die berufsbildprägende Bedeutung der traditionellen Betätigungsfelder des Apothekers nicht ins Hintertreffen geraten. Denn offenbar gibt es auch im 21. Jahrhundert bei der Arzneimittelherstellung noch immer, ja vielleicht sogar immer mehr Potenzial, das gehoben werden will. 

Schenken Sie gute Zusammenarbeit!

Die Zusammensetzung einzelner Rezepturen mit dem verordnenden Hautarzt oder Allgemeinmediziner zu diskutieren, kann manchmal recht mühsam sein. Nicht jeder Arzt möchte sich auf die Standard-Rezepturen beschränken – sei es, weil er seinem Patienten bestmögliche Hilfe zukommen lassen will, oder schlichtweg aus Gründen der Patientenbindung. Doch die individuelle Komposition birgt Probleme, wenn Stabilitäts- und Kompatibilitäts-Aspekte nicht ausreichend berücksichtigt werden. Die Diskussion mit dem Apotheker ist dann vorprogrammiert, und nicht immer verläuft sie befriedigend. Wäre es da nicht schön, wenn der Arzt dieselben Daten zur Verfügung hätte, die bei den Apothekern schon im täglichen Gebrauch sind? Praxisnah aufbereitet und auf seine Bedürfnisse zugeschnitten, in gemeinschaftlicher Arbeit von einem Dermatologen und einem Apotheker?

Sie können sich freuen, denn soeben ist das aporello „Dermatologische Rezepturen für Ärzte“ erschienen. Darin finden sich zu 56 Wirkstoffen alle relevanten Informationen, um plausible und stabile Rezepturen individuell zusammenzustellen – auch mit industriell gefertigten Grundlagen. Das ideale Weihnachtsgeschenk also: Ihr Arzt freut sich, und Sie selbst profitieren von problemlosen Rezepturen.

Tobias Plaza und Andreas S. Ziegler:

aporello Dermatologische Rezepturen für Ärzte

61 Karten, Format 10,5 x 17,0 cm, Spiralbindung. 24,80 €

Subskriptionspreis bis 01.03.2014: 19,80 €

Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart 2014

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