Arzneimittel und Therapie

Ibuprofen oder Paracetamol?

Studie zeigt gleiche Effektivität bei Atemwegsinfekten

Eine akute Atemwegsinfektion entwickelt sich in der Regel über mehrere Tage. Beginnend mit Halsschmerzen und verstopfter Nase, zeigen sich später weitere Beschwerden wie Kopfschmerzen und leichtes Fieber. Zur Linderung der symptomatischen Beschwerden werden in der Primärversorgung häufig Ibuprofen oder Paracetamol verordnet. Die Frage, welches dieser Analgetika bzw. Antipyretika in der symptomatischen Kurzzeitbehandlung von Atemwegsinfektionen die höhere Wirksamkeit besitzt, wurde jetzt in einer praxisnahen Studie untersucht.

Akute Atemwegsinfektionen gehören zu den häufigsten Erkrankungen weltweit. Sie zeigen in der Regel einen milden Verlauf und heilen nach etwa vier bis zehn Tagen von selbst aus. Unter akuten oberen Atemwegsinfektionen versteht man Pharyngitis, Rhinosinusitis, Otitis media sowie das Krupp-Syndrom. Untere bzw. tiefe Atemwegsinfektionen schließen auch akute Bronchitis mit ein [1].

Die oberen Atemwege stellen die erste Barriere dar, in denen mittels aktiver Immunabwehr im Bereich der Schleimhäute das Eindringen und Ausbreiten inhalierter Mikroorganismen verhindert wird. Lokale Entzündungen im Rahmen einer Virusinfektion können jedoch zu Schleimhautschwellung mit einhergehendem Sekretverhalt führen. Obwohl die potenziell pathogene kommensale Mund- und Rachenflora dann eine eitrige Komplikation hervorrufen kann, sind Antibiotika in der Zeit bis zum Abklingen der Entzündung oftmals nicht indiziert. Die Behandlung ist daher rein symptomatischer Natur. Zur Linderung der akuten Beschwerden wie Kopf- und Gliederschmerzen sowie Fieber, werden vorzugsweise Ibuprofen, Paracetamol oder entsprechende Kombinationen verschrieben. Positive Wirkungen wurden auch von Kopfdampfbädern solehaltiger Lösungen berichtet.

Inhalieren oder schmerz- bzw. fiebersenkende Wirkstoffe?

Bisher sind nur begrenzte Daten zur Anwendung von Ibuprofen und Paracetamol bei akuten Atemwegsinfektionen vorhanden [2, 3]. Die meisten klinischen Studien wurden unter kontrollierten Bedingungen, inklusive festem Therapieregime bzw. ärztlicher Überwachung durchgeführt, sodass deren Ergebnisse ggf. über die praxisnahe Wirksamkeit und Unbedenklichkeit in der ärztlichen Primärversorgung nur begrenzte Aussagekraft besitzen. Um nun die Effektivität einer unabhängigen und kurzzeitigen schmerz- und fiebersenkenden Behandlung im Rahmen einer Atemwegsinfektion zu vergleichen, wurde von März 2010 bis 2012 eine pragmatische, randomisierte klinische Studie durchgeführt und nun im British Medical Journal (BMJ) veröffentlicht [4]. Die Studie wurde firmenunabhängig mit Unterstützung des National Institute for Health Research (NIHR) durchgeführt. Hierfür wurden insgesamt 889 Patienten mit akutem Atemwegsinfekt in verschiedene Therapieregime eingeteilt, die sich durch drei unterschiedliche Faktoren definierten. Einerseits die Art der analgetisch-antipyretischen Behandlung (Ibuprofen, Paracetamol bzw. Ibuprofen und Paracetamol abwechselnd), zum anderen das auserwählte Dosierungsregime (festgelegt oder bei Bedarf) und weiterhin, ob die zusätzliche Inhalation mit heißem Wasserdampf empfohlen wurde oder nicht. Als Primärziel galt der jeweilige Beschwerdegrad nach zwei und vier Tagen, welcher durch patientenspezifische Bewertungsskalen dokumentiert wurde (0 = keine Beschwerden, 7 = höchster Beschwerdegrad).

Individuelle Gegenanzeigen bei der Auswahl beachten!

Die unterschiedlichen Therapiegruppen zeigten nur sehr geringe bzw. keine signifikanten Unterschiede in der Regression der jeweiligen Beschwerden. Auch ein festes Dosierungsregime hatte dementsprechend keinen Vorteil gegenüber einer Bedarfsbehandlung. Ausschließlich eine Bewertung einzelner Subpopulationen zeigte nach Behandlung mit Ibuprofen leicht verbesserte Resultate bei Personen mit bereits bestehender Brustkorbinfektion sowie bei Personen unter 16 Jahren (-0,40, 95% KI: -0,78 bis -0,01). Da diese Studie zwar randomisiert, jedoch nicht verblindet verlief, war eine subjektive Beeinflussung in der Bewertung der Symptomatik nicht auszuschließen. Daher wurden auch definierte Sekundärziele zur endgültigen Bewertung hinzugezogen. Dazu gehörten u.a. die Senkung der Körpertemperatur sowie die Menge an Neukonsultationen, resultierend aus der Progression der Symptomatik sowie neuartiger Beschwerden aufgrund vorhandener UAW (12% Paracetamol, 20% Ibuprofen, 17% Kombination). Diese gingen mit den individuell beurteilten Beschwerdegraden einher und bestätigten somit die primär erhobenen Bewertungen. Bezüglich der Effektivität einer zusätzlichen Dampfbehandlung wurde bereits zuvor eine umfassende Metaanalyse durchgeführt, in der sich ein signifikanter Zusatznutzen ergab [5]. Die nun durchgeführte, pragmatisch orientierte Studie konnte dieses Ergebnis jedoch nicht bestätigen. Im Gegenteil, es erlitten vier Patienten leichte Verbrennungen, vermutlich aufgrund unsachgemäßer Durchführung.

Obwohl vorangegangene Studien auf eine leicht höhere Wirksamkeit einer Behandlung mit Ibuprofen gegenüber Paracetamol hinwiesen und auch für eine Inhalationstherapie einen Zusatznutzen zeigten, wurden die Vorteile in dieser praxisnahen Studie ausschließlich bei Personen mit bereits vorhandener Brustkorbinfektion sowie einem Alter bis 16 Jahren bestätigt, wobei auch hier dem dokumentierten Nutzen eine Zunahme der Neukonsultationen entgegenstand.

Eine analgetisch-antipyretische Behandlung kann sich in den meisten Fällen bezüglich einer Ibuprofen- bzw. Paracetamol-Therapie an den individuellen Gegenanzeigen orientieren (Schwangerschaft, Stillzeit, bekannte Überempfindlichkeit, gastrointestinale Beschwerden usw.). Auch bei kurzzeitiger Behandlung muss auf Kontraindikationen und potenzielle unerwünschte Wirkungen geachtet werden [6]. 

Quelle

[1] Empfehlungen zur Therapie akuter Atemwegsinfektionen und der ambulant erworbenen Pneumonie. 3. Auflage 2013 Arzneiverordnung in der Praxis, Band 40 Sonderheft 1 (Therapieempfehlungen), Januar 2013, www.akdae.de.

[2] Eccles R: Efficacy and safety of over-the counter analgesics in the treatment of common cold and flu. J Clin Pharm Ther 2006; 31: 309–319.

[3] Kim SY, Chang YJ, Cho HM et al. Non-steroidal anti-inflammatory drugs for the common cold. Cochrane Database Syst Rev 2009; Issue 3: CD006362.

[4] Little P, Moore M, Kelly J. et al. Ibuprofen, paracetamol, and steam for patients with respiratory tract infections in primary care: pragmatic randomised factorial trial BMJ 2013; 347: f6041.

[5] Singh M. Heated, humidified air for the common cold. Cochrane library 2004; 2: CD001728.

[6] Scottish Intercollegiate Guidelines Network (SIGN): Management of sore throat and indications for tonsillectomy. Edingburg: SIGN, 1999.

 

Apotheker André Said

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