Arzneimittel und Therapie

Viren erfolgreich abgewehrt?

Ein Blick auf die Datenlage der viel beworbenen Erkältungssprays

cst | Als Medizinprodukte sollen Erkältungssprays wie Algovir®, Viru­Protect® und Wick® Erste Abwehr den Viren primär auf physikalischem Weg begegnen – im Gegensatz zu Arzneimitteln, die bekanntlich pharmakologisch, immunologisch oder metabolisch wirken. Damit ein Medizinprodukt in den Handel kommen kann, ist kein Zulassungsverfahren sondern ein Konformitätsbewertungsverfahren durchzuführen. Die Anforderungen daran sind jedoch nicht mit denen einer Arzneimittelzulassung zu vergleichen. Dennoch gibt es auch hier Studien, die zumindest eine gewisse Evidenz liefern sollen.

Erkältungssprays werden in Mund oder Nase gesprüht und entweder präventiv oder bei den ersten Anzeichen einer Erkältung eingesetzt (s. Tabelle). Indem sie einen Schutzfilm auf der Nasenschleimhaut bilden bzw. die Viren einkapseln, inaktivieren und wegspülen, sollen die Erreger am Eindringen gehindert werden. So sollen die Viruslast gemindert und Erkältungen vermieden oder die Symptome zumindest gelindert werden.

Tab.: Erkältungssprays zum Schutz vor viralen Infektionen nach Herstellerinformationen (eine Auswahl)
Wick Erste Abwehr® Mikrogel-Spray
ViruProtect® Erkältungsspray
Algovir® Effekt Erkältungsspray/Algovir® Kinder Erkältungsspray
Inhaltsstoffe
Hydroxypropylmethylcellulose, Wasser, Bernsteinsäure, Dinatriumsuccinat, Pyroglutaminsäure, Phenethylalkohol, Zink EDTA, Zinkacetat, Polysorbat 80, Aroma (Menthol, Kampfer, Eucalyptol), Saccharin-Natrium
Glycerin, Wasser, Trypsin (Kabeljau), Ethanol (< 1 %), Calciumchlorid, Trometamol, Menthol
Iota-Carrageen, Kappa-Carrageen, Natriumchlorid, Wasser
Iota-Carrageen, Natriumchlorid, Wasser
Anwendungs-gebiet
Bekämpfung von Erkältungserregern im Nasen-Rachen-Raum bei den ersten Erkältungsanzeichen
Vorbeugung einer Ansteckung und Verkürzung einer Erkältung
unterstützende Behandlung viraler Erkältungskrankheiten, Nasenpflege
Wann einsetzen
bei den ersten Erkältungsanzeichen, sinnvoll in den ersten zwei Tagen
bei Gefahr einer Ansteckung mit Erkältungsviren oder beim Auftreten von Symptomen
vorbeugend bei den ersten Erkältungsanzeichen, auch während der Erkältung
Darreichung
Nasenspray/Dosierspray
Mundspray/Dosierspray mit Flasche, Pumpe, Düse und Schutzkappe
Nasenspray, Sterilfilterflasche
Gebrauchs-anleitung
viermal täglich zwei bis drei Sprühstöße in jedes Nasenloch, ohne den Kopf nach hinten zu beugen, dabei normal weiter­atmen; zwischen den Anwendungen vier Stunden Abstand
bis zu sechsmal täglich
alle zwei Stunden jeweils zwei Sprühstöße (eine Dosis)
mindestens dreimal täglich ein Sprühstoß pro Nasenloch
Beachten
vorübergehende Nasenschleimhaut­reizung (Teil des Wirkprinzips)
keine Nebenwirkungen berichtet
keine Nebenwirkungen berichtet
Alter/Eignung
nicht für Kinder unter 12 Jahren
Erwachsene und Kinder ab vier Jahre;
für Schwangere, Stillende nach Rücksprache mit Arzt
Erwachsene bzw. Kinder ab einem Jahr; für Schwangere, Stillende geeignet

Auch wenn es sich um Medizinprodukte handelt, wurde versucht, die Wirksamkeit in klinischen Studien zu belegen. Allerdings ist die Datenlage insgesamt als dünn zu bewerten, eine Einschätzung, die auch das arznei-telegramm teilt. ViruProtect® wurde zwar in mehreren Studien untersucht, allerdings in nur einer randomisierten placebokontrollierten Doppelblindstudie. Bei 46 gesunden Studienteilnehmern, die mit einem Rhinovirus infiziert wurden, zeigte sich eine signifikante Reduktion der Viruslast im Mund-Rachen-Raum durch Behandlung mit dem Erkältungsspray im Vergleich zu Placebo. Auch konnte in dieser kleinen Studie die Erkältungsdauer bei Patienten mit Symptomen von 6,5 Tagen im Median unter Placebo auf 3,0 Tage unter ViruProtect® verkürzt werden. Weitere Studien unterstützen dieses Ergebnis: Allerdings beruhen diese auf unverblindeten Untersuchungen und nutzen historische Daten, wodurch ihre Aussagekraft begrenzt ist.

Viruslast wird verringert

Zu Algovir® sieht die Datenlage etwas besser aus: Immerhin existieren hier mehrere randomisierte placebokontrollierte Doppelblindstudien. In einer kleinen Studie verringerte das Nasenspray bei 35 Probanden mit frühen Erkältungssymptomen die Beschwerden signifikant und reduzierte nachweislich die Viruslast. Zwei größere Studien mit 200 erkälteten Erwachsenen bzw. 213 Kindern und Jugendlichen (1 – 18 Jahre) lieferten hingegen keine überzeugenden Wirksamkeitsbelege. Bei den Erwachsenen konnten die Symptome während des zweiten bis vierten Tages der Erkältung durch das Medizinprodukt gegenüber Placebo nicht verringert werden. Eine nachträglich durchgeführte Analyse weist jedoch auf eine mögliche Linderung der Beschwerden an den ersten vier Erkältungstagen hin, an denen die Beschwerden am größten sind. Bei den Kindern und Jugendlichen zeigte sich ebenfalls keine signifikante Linderung der Symptome durch das Erkältungsspray. Weitere untersuchte Endpunkte ergaben hingegen, dass immerhin die Erkältungsdauer, die Viruslast sowie Sekundärinfektionen mit anderen Atemwegsviren reduziert werden könnten.

Foto: psdesign1 – stock.adobe.com

Widersprüchliche Daten zur Erkältungsdauer

In einer weiteren Untersuchung mit 211 Erwachsenen verkürzte die Behandlung mit dem Nasenspray die Erkältungsdauer gegenüber Placebo signifikant. Allerdings konnte dieser Effekt nur bei einer Subgruppe von Patienten, die Prüfplan-konform behandelt wurden und bei denen eine bestätigte Virusinfektion vorlag, nachgewiesen werden. Üblicherweise wird bei randomisierten kontrollierten Doppelblindstudien jedoch die Intent-to-Treat-Population, also die Gesamtpopulation, ausgewertet: Hier ergab sich hinsichtlich der Erkältungsdauer jedoch kein Unterschied zwischen dem Medizinprodukt und Placebo.

Auch zu Wick® Erste Abwehr gibt es publizierte Daten einer randomisierten placebokontrollierten Doppelblindstudie bei Erwachsenen mit frühen Erkältungssymptomen. Während der ersten sieben Erkältungstage konnte die Schwere dieser Symptome bei 91 Probanden, die 130 µl des Hydroxypropylmethylcellulose (HPMC)-haltigen Erkältungssprays anwendeten, im Vergleich zu 85 Teilnehmern mit einem Placebo-Spray um 17% reduziert werden. Allerdings erfolgte die Auswertung der Studie nur explorativ, was die Aussagekraft einschränkt. Symptomfreiheit konnte mit dem HPMC-Spray schneller erreicht werden, allerdings nur nachdem die Definition des Endpunktes modifiziert wurde. In einem Symposiumsbericht des Herstellers werden zwar weitere Studien aufgeführt, aufgrund der fehlenden Beschreibung der Methodik sind diese jedoch schwer interpretierbar.

Fazit

Ein möglicher Nutzen der physikalisch wirksamen Medizinprodukte zur Vorbeugung oder der Linderung von Erkältungsbeschwerden kann zwar nicht ausgeschlossen werden, eine kritische Betrachtung der Evidenz lässt jedoch Fragen hinsichtlich der Wirksamkeit offen. |

Quelle

Im Überblick: Inverkehrbringen von Medizinprodukten. Webseite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. www.bfarm.de/DE/Medizinprodukte/RechtlicherRahmen/inverk/_node.html (abgerufen am 07. Februar 2018)

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Lauer-Fischer-Taxe www.lauer-fischer.de, abgerufen am 7. Februar 2018

Gelbe Liste www.gelbe-liste.de, abgerufen am 7. Februar 2018

Rote Liste www.online.rote-liste.de, abgerufen am 7. Februar 2018

Produktseite Wick® Erste Abwehr Mikro-Gel Spray www.wick.de, abgerufen am 7. Februar 2018

Produktseite Algovir® www.algovir.de, abgerufen am 7. Februar 2018

a-t 12/2017;48:116 https://www.arznei-telegramm.de/html/htmlcontainer.php3?produktid=116_01&artikel=1712116_01k, abgerufen am 7. Februar 2018

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