Aus den Ländern

Niedersächsischer Apothekertag

Apotheken: Flächendeckende Leistungen, Patientenorientierung und neue Honoraransätze

Etwa 550 Teilnehmer besuchten den 7. Niedersächsischen Apothekertag am 8. und 9. Juni in Wolfsburg. Das vielfältige Programm, der angenehme Rahmen im geräumigen CongressPark und das schöne Frühsommerwetter sorgten für gute Stimmung. Vielleicht trug dazu auch der Eindruck bei, dass die Apotheker zunehmend als wichtige Leistungsträger beim demografischen Wandel anerkannt werden und sich langfristig Hoffnung auf neue Honorierungsformen für patientenorientierten Leistungen machen können. Der demografische Wandel und die Patientenorientierung der Apotheken waren zentrale Themen des Apothekertages.
Kammerpräsidentin Magdalene Linz (links), Gesundheits- und Sozialministerin Cornelia Rundt, LAV-Vorsitzender Heinz-Günter Wolf.
Fotos: DAZ/tmb

Bei der Begrüßung dankte Magdalene Linz, Präsidentin der Apothekerkammer Niedersachsen, der niedersächsischen Gesundheits- und Sozialministerin, Cornelia Rundt, für den Besuch des Apothekertages und die Wertschätzung der Arbeit der Apotheker. Heinz-Günter Wolf, Vorsitzender des Landesapothekerverbandes Niedersachsen, würdigte das ANSG als "Schritt in die richtige Richtung".

Ministerin: viel Verständnis

Ministerin Rundt zeigte sich in ihrem Grußwort verständnisvoll für die Belange der Apotheker. Sie nehme das große Engagement der Apotheker wahr, das nicht immer unter einfachen Bedingungen stattfinde. Denn mancher Unmut über das schwierige Gesundheitssystem treffe die Apotheker, so die Ministerin. Zur aktuellen Entwicklung erklärte Rundt, sie begrüße das ANSG als weiteren Schritt zum Erhalt der flächendeckenden Arzneimittelversorgung. Zur praktischen Umsetzung verwies sie auf die Forderung der Länder, nach einem Jahr einen Erfahrungsbericht vorzulegen. Das Interesse an der Versorgungssicherheit war der Ministerin anzumerken, denn sie zog das Fazit: "Ich denke, dass die Zeit im ländlichen Raum davonläuft."

Auch Hiltrud Jeworrek, Bürgermeisterin in Wolfsburg, betonte die Bedeutung der Versorgung und machte deutlich, dass dies bereits in einer flächenmäßig ausgedehnten Stadt mit großen Außenbereichen ein wichtiges Thema sei.

Apotheken: unübertroffen preiswert

BAK-Präsident Dr. Andreas Kiefer

Nach Ansicht von Dr. Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekerkammer, zeigt das ANSG, dass die Apotheker mit sachlicher Argumentation Gehör gefunden haben und es nun eine differenzierte dienstleistungsorientierte Anerkennung der Leistungen gebe. Die Abwicklung der Zahlungen solle als lernendes System verstanden werden. Das Verbot von Boni auf verschreibungspflichtige Arzneimittel habe zwei Aspekte. Aus Verbrauchersicht sollte es nicht darum gehen, Umsätze in bestimmte Betriebsstätten zu locken, sondern den Qualitätswettbewerb zu fördern. Außerdem seien die berufliche Selbstverwaltung und das Berufsrecht gestärkt worden, indem der Bundestag den Berufsgerichten gefolgt sei. "Berufsrecht ist geltendes Recht", so Kiefer.

Mit Blick auf die Zukunft erklärte Kiefer: "Den Weg der Hinwendung zum Patienten werden wir nicht mehr verlassen." Dahin werde auch die Honorierung gehen, die sich nicht nur an Packungen orientieren dürfe. Bei der Versorgung der Bevölkerung bieten die Apotheken transparente und hochwertige Leistungen. Da die Apotheken inhabergeführt sind, seien sie "unübertroffen preiswert", so Kiefer.

Festvortrag: Demografischer Wandel

Dr. Harald Michel

Im Mittelpunkt des ersten Veranstaltungstages stand der Festvortrag von Dr. Harald Michel, Berlin, zum demografischen Wandel. Michel zeigte die langfristigen Trends der Bevölkerungsentwicklung auf und machte deutlich, dass dieser Prozess unumkehrbar ist. In allen entwickelten Ländern geht die Zahl der Kinder pro Frau langfristig zurück. Daran könnten sozialpolitische Leistungen wie Elterngeld nichts ändern. Auch zusätzliche Einwanderung könne den Trend nicht umkehren, weil so viele potenzielle Migranten langfristig nicht vorhanden seien und nicht integriert werden könnten.

Michel wandte sich auch gegen die These, Deutschland sei kinderfeindlich – es sei nur "kinderentwöhnt". Eine Familie mit Kindern sei nur noch eine, aber nicht die einzige Option für das Leben. Die Politik müsse sich an diese Fakten anpassen. "Der erste Schritt ist Wahrhaftigkeit in der Analyse", so Michel. Er warnte vor der Illusion, die schrumpfende Bevölkerung senke die öffentlichen Ausgaben – vielmehr koste der Strukturwandel Geld. Da eine schrumpfende Gesellschaft Neuland sei, gebe es dafür keine Blaupause. Es seien Subsidiarität und flexible Lösungen auf regionaler Ebene nötig. So sollte beispielsweise das Rentenalter nicht pauschal, sondern tarifvertraglich aufgrund der jeweiligen Situation in den unterschiedlichen Berufen festgelegt werden.

Nach dem Festvortrag diskutierte Michel mit den Gastgebern des Apothekertages über die Konsequenzen für die Apotheken. Linz hob die Leistungen der Landapotheken hervor. Sie betonte, dass wichtige Leistungen zur Versorgung in der Fläche wie der Botendienst ohne zusätzliche Honorierung erfolgen, und regte ein Honorar dafür an.

Wolf erklärte, die Infrastruktur in der Fläche dürfe nicht zurückgebaut werden, denn die Leute haben Anspruch auf eine Apotheke. Dazu gehöre auch eine Versorgung in "Puschen-Entfernung", zumal ältere Patienten oft nicht mehr Auto fahren können. In solchen Fällen müsse die Apotheke zum Patienten kommen, eine Honorierung sei dafür aber bisher nicht vorgesehen, gab Wolf zu bedenken.

Roter Faden: Honorare für neue Leistungen

Als Konsequenz aus dieser Diskussion lässt sich ableiten, die Apotheker sollten angesichts des demografischen Wandels spezielle Leistungen für die Versorgung von Patienten außerhalb der Apotheke definieren und dafür ein Honorar einfordern. Zuvor hatte auch Kiefer gefordert, sich dem Patienten zuzuwenden und die Honorierung daran zu orientieren.

Ein solches Konzept würde auch zur Rede des ABDA-Präsidenten Friedemann Schmidt passen, die den herausragenden Tagesordnungspunkt am zweiten Veranstaltungstag bildete (siehe Bericht auf S. 16). Schmidt erklärte darin die Honorarrunde 2012/13 für beendet und gab zugleich die Richtung für künftige Honorardebatten vor. Er forderte eine breitere Vergütungsbasis, also neue Vergütungen für definierte Leistungen.

Schwerpunkt: Patientenorientierung

Auch bei der Auswahl des Fortbildungsprogramms war ein berufspolitischer Hintergrund erkennbar, denn es ging mehr um Methoden für patientenorientierte Leistungen und weniger um spezielle Fakten zu ausgewählten Indikationen. Prof. Dr. Martin Schulz, Berlin, stellte die "Grenzen der Selbstmedikation" dar und verdeutlichte, wie wichtig die pharmazeutische Beratung bei nicht verordneten Arzneimitteln ist. Dies seien fast 40 Prozent aller in Apotheken abgegebenen Packungen. In einer Studie mit über 12.500 OTC-Wünschen sei mit etwa jedem fünften Wunsch ein Problem verbunden gewesen. Bei drei Vierteln aller OTC-Wünsche sei ein Präparat genannt worden, und dabei seien 80 Prozent der Probleme aufgetreten. Außerdem stellte Schulz das Vorgehen bei Meldungen von unerwünschten Arzneimittelwirkungen sowie bei Verdacht auf Missbrauch vor und appellierte an die Apotheker, das Meldesystem der Arzneimittelkommission zu nutzen.

Prof. Dr. Kurt Hersberger, Basel, beschrieb Maßnahmen zur Förderung der Compliance, insbesondere Therapievereinfachungen, klar strukturierte Einnahmezeitpunkte und den Einsatz von Applikationshilfen. Das größte Problem sei die Persistenz, denn es gibt viel mehr Patienten, die ganz mit einer Arzneitherapie aufhören, als Patienten, die sie nur schlecht ausführen.

Weiter als einzelne Maßnahmen zur Förderung der Compliance reicht das systematische und prospektiv angelegte Medikationsmanagement, das Karin Berger, Berlin, präsentierte. Als werthaltige Dienstleistung müsse das Medikationsmanagement honoriert werden, forderte Berger.

BAK-Präsident Dr. Andreas Kiefer beschrieb die Herstellung von Rezepturarzneimitteln unter Berücksichtigung der Apothekenbetriebsordnung. Er machte deutlich, dass die Plausibilitätsprüfung primär kein Auftrag zur Optimierung der Rezeptur sei, sondern nur "no-gos", also pharmazeutisch nicht verantwortbare Rezepturen, ausfiltern solle. Kiefer riet den Apothekern, die Umsetzung der neuen Regeln für die Rezepturherstellung und die Einführung eines QMS parallel anzugehen, weil beides zusammengehört.

In weiteren Vorträgen berichtete Prof. Dr. Ulrich Schwabe, Heidelberg, über die Nutzenbewertung neuer Arzneimittel, und Dr. Stephan Böhmen, Oldenburg, beschrieb das "Gesundheitsrisiko Bildungsdefizit".

Im einzigen indikationsbezogenen Vortrag gab der Tropenmediziner Prof. Dr. Christian Schönfeld ein Update zu Fernreiseimpfungen und zur Malariaprophylaxe.

Rahmenprogramm: vielfältig

Wie immer gehörten zum Niedersächsischen Apothekertag auch eine umfangreiche pharmazeutische Ausstellung, diesmal mit etwa 50 Ständen, und ein buntes Rahmenprogramm mit einer gemeinsamen Abendveranstaltung. Begleitpersonen konnten das Planetarium oder das Kunstmuseum Wolfsburg besuchen. Bereits am Freitag vor dem Apothekertag nutzten einige Teilnehmer die Gelegenheit zu einer besonderen Führung durch das Volkswagenwerk mit einer etwa 80-minütigen, sehr beeindruckenden Fahrt durch die riesigen Hallen des Werkes.


tmb

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