Aus der Hochschule

Studierende besuchten das Europäische Parlament

Mit den Worten "this is your house" begrüßte Marisa Matias, Abgeordnete des Europäischen Parlaments aus Portugal, am 21. Februar 2013 die Gäste zum Jahresempfang der European Pharmaceutical Students‘ Association (EPSA) im Europäischen Parlament. Außer Pharmaziestudierenden nahmen auch Vertreter der European Medical Students‘ Association (EMSA) und der European Law Students‘ Association (ELSA) daran teil.

Die EPSA Annual Reception ist die wichtigste Veranstaltung zur Außendarstellung der EPSA und zugleich eine gute Gelegenheit, den in den EU-Gesundheitsausschüssen tätigen Parlamentarier Anregungen zu geben. Kaum eine andere Studierendenorganisation ist diesbezüglich so erfolgreich wie die EPSA.

Soziale Ungleichheit und Klassenmedizin

Zum Einstieg in das Thema "Health Inequalities – Access to Medicines” erörterte Matias die Auswirkungen der Gesundheitspolitik auf die soziale (Un-)Gerechtigkeit. Zunächst stellte sie fest, dass soziale Ungleichheit und medizinische Ungleichbehandlung eng zusammenhängen. Dann erörterte sie den Einfluss der wirtschaftlichen Situation. Sie fragte, warum in Europa, einer der reichsten Regionen der Welt, die Ungleichbehandlung im Gesundheitswesen noch weiter zunehme. Sie betonte, dass es sich bei Gesundheit um eine Ressource handelt, die keine Einsparungen verträgt. Denn letztlich wirken sich finanzielle Kürzungen und strukturelle Verschlechterungen in der Gesundheitspolitik negativ auf den Lebensstandard eines Landes aus.

Probleme einer gerechten Arzneiversorgung

In der Diskussion um die ausreichende Versorgung mit Arzneimitteln waren sich die anwesenden Vertreter der verschiedenen Fachverbände in vielen Punkten einig. Es sprachen Vertreter von Verbänden der pharmazeutischen Industrie (B. Barnes, EFPIA; M. Rizovski, EIPG), des pharmazeutischen Großhandels (M. Derecque-Pois, GIRP), der Krankenhausapotheker (R. Frontini, EAHP), des Europäischen Apothekerverbandes (J. Chave, PGEU) und des Dachverbandes der Patientenverbände (K. Immonen-Charalambous, EPF). Uneinigkeit herrschte bei der Bewertung der unterschiedlichen Gesundheitssysteme in Europa.

Aus Sicht der pharmazeutischen Hersteller hängt die Arzneiversorgung wesentlich von der Bezahlbarkeit und der pharmazeutischen Infrastruktur ab (Apothekendichte in städtischen und ländlichen Gegenden sowie Nacht- und Notdienst). Die Gesundheit der Bevölkerung ist umso besser, je höher der Beschäftigungsgrad ist, und je mehr Bürger krankenversichert sind. Das Gesundheitswesen ist somit ein Teil der Volkswirtschaft. Die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens in dieser Branche wird ebenso wie in anderen Branchen durch den Absatz und die Konkurrenz beeinflusst.

Aspekte der Diskussion waren

  • der Widerspruch zwischen der Wirtschaftlichkeit eines Arzneimittels aus Sicht der Patienten und der Versicherungen bzw. aus Sicht der Hersteller und
  • der Widerspruch von möglichst hohem Qualitätsanspruch bei einer möglichst niedrigen Kostenerstattung ("The Regulator‘s Dilemma").

Beim Generikamarkt ist die Konkurrenz sehr groß; daher gilt ein möglichst niedriger Preis hier also als Marktvorteil. Bei der Zulassung eines neuen Präparates strebt der Hersteller jedoch einen möglichst hohen Preis an. Um Kosten zu sparen, verlagert er häufig die Produktion in Regionen mit geringen Löhnen und Lohnnebenkosten, was aber wegen Qualitätsmängeln, Naturkatastrophen oder schlechten Infrastrukturen problematisch sein kann. Im Ernstfall kommt es zu Produktionsausfällen und Lieferengpässen.

Als Gründe für Ausfälle und Engpässe in der Arzneimittelversorgung nannten die Verbandsvertreter:

  • Zu wenige Anbieter am Markt (zu wenig Konkurrenz),
  • zu hohe Auflagen und Anforderungen an die Hersteller bei zu geringen finanziellen Anreizen und
  • die zeitaufwendige internationale Verflechtung bei der Zulassung und Preisbildung neuer Arzneimittel.

Trotz seiner ökonomischen Grundlagen und Zwänge hat das Gesundheitssystem eine soziale Komponente, die der Staat sichern muss. Bei seinen Entscheidungen muss er aber auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Konsequenzen für die pharmazeutischen Unternehmen so weit wie möglich berücksichtigen. Dies ist keine einfache Aufgabe, doch trägt der Staat beim Gesundheitssystem wegen dessen sozialer Komponente mehr Verantwortung als in anderen Branchen. Zur künftigen Sicherung der Arzneimitteltherapie bedarf es der politischen Intervention und einer tiefergehenden, europaweiten Dokumentation über Engpässe in der Arzneiversorgung.

Lieferengpässe

Von solchen Lieferengpässen sollen 99% der Krankenhausapotheken in der EU im letzten Jahr betroffen gewesen sein, davon 63% sogar wöchentlich, berichtete der Krankenhausapotheker Frontini (EAHP). Meist handelte es sich hierbei um in der Onkologie eingesetzte Medikamente (71%), aber auch um Arzneimittel, die in der Notfall- oder kardiovaskulären Therapie eingesetzt werden (44% bzw. 35%). Aber selbstverständlich seien auch Orphan Drugs davon betroffen, so lautete ein Beitrag aus dem studentischen Publikum. Da unter diesen Umständen nicht nur die Arzneimitteltherapiesicherheit, sondern letztlich auch die Compliance des Patienten leiden, gewinnt das Thema zunehmend an Bedeutung in pharmazeutischen Fachkreisen. Denn hier steht die Gesundheit des Patienten im Mittelpunkt.


Literatur

PGEU Statement on Medicine Shortages in European Community Pharmacies, 20.11.2012.

Jensen V, Rappaport BA. The reality of Drug Shortages – The case of injectible Propofol. New England Journal of Medicine, 26.08.2010.

Schweim JK, Schweim HG. Lieferengpässe – eine Folge von Sparpolitik und Preiswettbewerb bei Arzneimitteln? Dtsch Apoth Ztg 2013;153:844 – 848.


David Reiner, Präsident des BPhD

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