Arzneimittel und Therapie

Tiotropium für Asthmapatienten

Signifikant weniger Exazerbationen

Patienten mit schwer kontrollierbarem Asthma sind trotz einer leitliniengerechten Therapie mit inhalativen Glucocorticoiden und langwirksamen Beta-Agonisten von Exazerbationen und eingeschränktem Atemzugsvolumen betroffen. Boehringer Ingelheim und Pfizer haben nun parallel zwei Studien mit Asthmapatienten zum Einsatz des langwirksamen und bisher nur für die Behandlung der chronisch obstruktiven Lungenerkrankung zugelassenen Anticholinergikums Tiotropium (Spiriva®) durchgeführt. Es besserte sich nicht nur wie erwartet die Lungenfunktion, sondern es verringerte sich auch die Zahl an Exazerbationen.
In Studien mit Asthmapatienten verringerte der langwirksame, spezifische Muskarinrezeptor-Antagonist Tiotropium die Anzahl der Exazerbationen. Tiotropium bewirkt eine nahezu 24 Stunden anhaltende Bronchodilatation und muss nur einmal täglich appliziert werden. Foto: Boehringer Ingelheim

In zwei gleich ablaufenden randomisierten Studien erhielten insgesamt 921 Patienten mit Asthma zu ihrer Standardtherapie aus inhalativem Glucocorticoid und Long-acting beta-agonists (LABA) über 48 Wochen zusätzlich entweder 5 µg Tiotropium oder Placebo. Als Device wurde der Respimat® eingesetzt, ein strom- und treibgasunabhängiger Flüssigkeitsvernebler, der mittels der Kraft einer gespannten Feder aus der Wirkstofflösung einen feinen Nebel erzeugt. Die Patienten waren zwischen 18 und 75 Jahre alt und seit mindestens fünf Jahren wegen Asthma in Behandlung. Sie waren durchweg symptomatisch, hatten ein FEV1 von 80% oder weniger und in den vergangenen zwölf Monaten mindestens eine schwere Exazerbation. Ausschlusskriterien waren die Diagnose chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) in der Anamnese, die Einnahme anderer Anticholinergika sowie weitere schwere chronische Erkrankungen. Erlaubt war neben der Therapie von inhalativem Glucocorticoid und LABA die Anwendung von oralen Glucocorticoiden von bis zu 5 mg/Tag, Theophyllin, Immunmodulatoren sowie als Notfallmedikament Salbutamol oder Albuterol als Inhalativum. Wichtig war jedoch, dass die Dosierung der Dauermedikation einen Monat vor und während der gesamten Studienlaufzeit unverändert blieb. Die Behandlung im Fall einer Exazerbation – hier wird kurzfristig meist die Glucocorticoiddosis erhöht – war kein Ausschlusskriterium.

Weniger Exazerbationen

Die Verbesserung des forcierten expiratorischen Volumens (forcierte Einsekundenkapazität, FEV1) nach 24 Wochen in Bezug zum jeweils individuellen FEV1 während der Randomisierungsphase war primärer Endpunkt. Es zeigte sich eine signifikante Verbesserung des FEV1 bei der mit Tiotropium behandelten Patientengruppe im Vergleich zur Placebogruppe. Dieser Effekt konnte auch nach 48 Wochen beobachtet werden. Zusätzlich wurde als primärer Endpunkt das Auftreten einer schweren Exazerbation erfasst. Als Kriterium wurde die Verdopplung der systemischen Glucocorticoiddosis zugrunde gelegt. Es verringerte sich signifikant um 21% das Auftreten einer schweren Exazerbation in der Tiotropiumgruppe. Auch die Dauer eines erneuten Auftretens konnte verlängert werden; so vergingen durchschnittlich 282 Tage in der Tiotropiumgruppe, während in der Placebogruppe bereits nach 226 Tagen eine Exazerbation auftrat.

Als sekundäre Endpunkte wurden die durch die Patienten täglich notierten Peak-Flow-Werte und die Ergebnisse aus der Beantwortung des Asthma Quality of Life-Fragebogens (AQLQ) ausgewertet. Die Häufigkeit von Nebenwirkungen war in beiden Gruppen vergleichbar. Die aufgetretenen Nebenwirkungen unter Tiotropium deckten sich mit den aus der Anwendung von Tiotropium zur Behandlung von COPD bekannten. Die typische anticholinerge Nebenwirkung Mundtrockenheit wurde bei der inhalativen Anwendung von Tiotropium lediglich von 2% der Studienteilnehmer berichtet.

Kritische Expertensicht

Die Studie wird in Expertenkreisen jedoch nicht ganz unkritisch gesehen. In einem Kommentar zur Studie wird unter anderem auf Adherence-Probleme (die im vorliegenden Studiendesign durch sorgfältige Auswahl der Probanden weitgehend vermieden werden konnten), die sehr spezielle Auswahl der in die Studie eingeschlossenen Patienten bezüglich ihrer FEV1 , die vergleichbar mit COPD-Patienten sei, und auf die möglichen kardiovaskulären Risiken wegen systemischer Effekte bei der Anwendung von Tiotropium mit dem Respimat® hingewiesen. Es bleibt abzuwarten, ob weitere Studien unter Abwägung möglicher Risiken einen Vorteil für das Vorbeugen von Exazerbationen bei Asthmapatienten unter Anwendung von Tiotropium belegen.


Quelle

Kerstjens, H. A. M. et al.: Tiotropium in Asthma Poorly Controlled with Standard Combination Therapie. NEMJ (2012) 367; 1198-1207.

Bel, E. H.: Tiotropium for Asthma – Promise and Caution. NEMJ (2012) 367; 1257 – 1259.


Apothekerin Dr. Constanze Schäfer MHA



DAZ 2012, Nr. 43, S. 49

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