Ernährung aktuell

Ernährung in der Stillzeit

Das Stillen gilt heute unumstritten als beste Anfangsnahrung für Säuglinge. Es bietet nicht nur nutritive Vorteile, sondern wird auch mit anderen positiven gesundheitsrelevanten Aspekten für Mutter und Kind in Verbindung gebracht. In dieser Folge unserer Serie "Ernährungs-Update 2011" setzen wir uns mit der Ernährung in der Stillzeit auseinander und beleuchten weitere interessante Aspekte, die in diesem Lebensabschnitt von Bedeutung sind.

Ein gesundes, reifes Neugeborenes ist auf die Umstellung auf orale Ernährung nach der Geburt eingestellt. Dafür sorgen der Warzensuchreflex sowie die Saug- und Schluckreflexe, die den Zugang zur natürlichen Nahrungsquelle, der mütterlichen Brust, ermöglichen. Der Saugreiz bewirkt, dass die mütterliche Prolaktin- und Oxytocinsekretion in Gang gebracht wird und sich die verfügbare Milchmenge an den Nahrungsbedarf des Kindes anpasst [1].

Stillen hat viele Vorteile

Muttermilch ist in ihrer Zusammensetzung die beste Nahrung für das Kind. Wichtige Inhaltsstoffe der Muttermilch sind in Tabelle 1 dargestellt. Daneben sind rund weitere 100 Substanzen wie Enzyme, Hormone, Immunglobuline, Leukozyten und Wachstumsfaktoren enthalten, wobei für viele Verbindungen die genaue Funktion noch nicht abschließend geklärt ist [2].

Tab. 1: Mittlere Gehalte wichtiger Nährstoffe in reifer Frauenmilch (Souci et al. 2000)

Nährstoff (%)
Muttermilch
Energie (kcal/100 g)
69
Wasser
87,5
Protein
1,13
Fett
4,0
Verfügbare Kohlenhydrate
7,0
Mineralien
0,21
Quelle: [14]

Neben nutritiven Vorteilen hat das Stillen weitere positive Effekte: So ist Muttermilch hygienisch einwandfrei und richtig temperiert. Zudem ist sie stets verfügbar und kostet nichts. Außerdem konnte gezeigt werden, dass Stillen das Risiko für Durchfall, Mittelohrentzündung und Übergewicht beim Kind senkt [3]. Letzteres wird u. a. durch physiologische Faktoren gestützt, etwa die selbstständige Regulierung der Nahrungsaufnahme und die bedarfsgerechte Zusammensetzung der Muttermilch [4].

Auch wirkt sich das Stillen auf die Mutter vorteilhaft aus. So wird die Uterusrückbildung nach der Geburt gefördert. Zudem weisen Frauen, die gestillt haben, ein niedrigeres Risiko für Brust- und Eierstockkrebs auf. Schließlich fördert das Stillen auch die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind [3]. Weitere Vorteile sind im Kasten "Vorteile des Stillens" zusammengefasst.

Vorteile des Stillens


Für das Kind (Auswahl):

  • Rascher Stressabbau nach der Geburt durch intensiven Hautkontakt und Stärkung der Bindungsfähigkeit.

  • Genaue Abstimmung der Muttermilch-Menge, und -Qualität auf den Bedarf des Säuglings.

  • Stärkung des Immunsystems und Unterstützung der Reifung des Magen-Darm-Traktes.

  • Schutz gegen Infektionskrankheiten (geringere Morbidität und Mortalität).

  • Reduzierung der Prävalenz chronischer Krankheiten (Übergewicht/Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Hypercholesterinämie, arterielle Hypertonie etc.) in späteren Lebensphasen.


Für die Mutter (Auswahl):

  • Schneller Stressabbau und emotionale Bindung durch erhöhte Oxytocin-Ausschüttung.

  • Geringerer Blutverlust nach der Entbindung.

  • Raschere Rückbildung der Gebärmutter auf Normalgröße.

  • Synchronisation des Schlafrhythmus zwischen Mutter und Kind.

  • Gewichtsreduzierung/-normalisierung (vor allem bei ausschließlichem und längerem Stillen).

  • Verbesserter (für die Knochenstabilität förderlicher) Calcium-Metabolismus.

  • Reduzierung der Prävalenz von Endometrium-, Eierstock- und Brustkrebs sowie des Risikos von Diabetes mellitus und koronarer Herzerkrankung.


Quelle: [4]

Empfohlene Stilldauer: Mindestens sechs Monate

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und verschiedene Kinderfacharztgesellschaften empfehlen das ausschließliche Stillen ohne Zufuhr anderer Nahrung während der ersten sechs Lebensmonate. Im Anschluss, nach dem sechsten Lebensmonat, sollte nach und nach – zunächst zusätzlich zum Stillen – die Beikost eingeführt werden, bis schließlich ab ca. dem vollendeten ersten Lebensjahr der Übergang auf die Familienkost geschafft ist. Diese Empfehlung gilt nicht nur in Deutschland, sondern ist international gültig und unabhängig davon, ob Ressourcen für Flaschennahrungen verfügbar sind oder nicht. Die erste Alternative zum Stillen ist nicht Flaschennahrung, sondern abgepumpte Milch oder Spenderfrauenmilch. Dies begründet sich durch die optimale Zusammensetzung der Muttermilch [2].

Auch kürzeres ausschließliches Stillen oder teilweises Stillen wirken aber positiv auf Mutter und Kind. Gemäß der Nationalen Stillkommission sollten daher auch Mütter, denen es nicht möglich ist, sechs Monate ausschließlich zu stillen, dazu ermutigt werden [5].

Auch muss darauf hingewiesen werden, dass auch Frauen nach einem Kaiserschnitt stillen können, sofern sie dazu physisch und psychisch in der Lage sind [6].

In Deutschland wird gestillt

In einer Studie zum Stillen in Deutschland, der SuSe-Studie, konnte gezeigt werden, dass zunächst 91% der Mütter ihre Kinder stillen, doch nach vier Monaten lag der Anteil der voll gestillten Kinder nur noch bei 33% und nach sechs Monaten bei 10% [7]. Hier ist also noch Handlungsbedarf, um die Stillleistung zu verbessern.

Empfehlungen zur Förderung der Stillleistung


  • Frühzeitige Stillberatung,

  • frühes und regelmäßiges Anlegen unmittelbar post partum,
  • kontinuierlicher Mutter-Kind-Kontakt bereits in den ersten Lebenstagen ("Rooming-in"),

  • Vermeidung psychischer und physischer Stressoren

  • ausreichende Flüssigkeitszufuhr


Quelle: [15]

Nährstoffbedarf von Stillenden

Genauso wie die Schwangerschaft gilt auch die Stillzeit als spezielle Lebenssituation, die sich durch Besonderheiten in der Ernährung auszeichnet. Um diesen Besonderheiten Rechnung zu tragen, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) entsprechende Zuschläge [8].

Energiezufuhr: Es darf etwas mehr sein

Während der Stillzeit muss neben dem eigenen Energiebedarf auch der Energiegehalt der Muttermilch berücksichtigt werden. Dieser errechnet sich aus dem Energiegehalt der Frauenmilch, der konstant bei ca. 70 kcal/100 ml liegt. Daneben nimmt in den ersten vier Lebensmonaten des Kindes die Trinkmenge kontinuierlich zu und liegt im Mittel bei 750 ml/Tag, so dass sich die Gesamtenergiezufuhr mit zunehmender Stilldauer erhöht.

Unter Berücksichtigung des Energiebedarfs für die Milchbildung und einer Sicherheitsspanne ergibt sich daraus ein Zuschlag von 650 kcal/Tag. Allerdings muss berücksichtigt werden, dass bei diesem Energiezuschlag Fettdepots, die in der Schwangerschaft angelegt wurden, erhalten bleiben. Wird dagegen eine leichte Gewichtsabnahme angestrebt und gleichzeitig die Einschränkung von körperlicher Aktivität berücksichtigt, so verbleibt ein Mehrbedarf von 400 kcal/Tag.

Auf keinen Fall sollten während der Stillzeit Reduktionsdiäten durchgeführt werden, da dies nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität der Muttermilch ungünstig beeinflusst [9].Des Weiteren haben Untersuchungen gezeigt, dass sich eine kalorisch unzureichende Ernährung negativ auf die Dauer der Stillzeit auswirkt. Dabei wurden Frauen aufgefordert während der Stillzeit "für zwei" zu essen und mit einer Kontrollgruppe verglichen. Nach den ersten drei Lebensmonaten war der Anteil der Mütter, die abgestillt hatten, in der Kontrollgruppe doppelt so hoch wie in der Untersuchungsgruppe. Zwar berichteten stillende Mütter über einen größeren Appetit, doch trotz der Aufforderung, die Nährstoffzufuhr erheblich zu steigern, wiesen sie größere Gewichtsabnahmen auf als diejenigen, die bereits auf Säuglingsnahrung umgestellt hatten [10].

Maßnahmen zum Abbau von Stillhemmnissen


Zusätzlich empfohlene Maßnahmen zum Abbau von Stillhemmnissen

  • umfassende Aufklärung bereits während der Schwangerschaft

  • Verbesserung des Stillmanagements und professionelle Unterstützung auch nach Entlassung aus der Klinik

  • flexible Arbeitszeit für berufstätige stillende Mütter

  • Stillpause ohne Verdienstausfall

  • geeignete Räumlichkeiten, die in öffentlichen Einrichtungen das Stillen erleichtern

  • Freistellung von Mehr-/Nachtarbeit, Arbeit an Sonn-/Feiertagen

  • Förderung der Akzeptanz des Stillens in der Öffentlichkeit


Quelle: [4]

Makronährstoffe: Bitte reichlich Proteine essen

Für Proteine liegt der Bedarf für Stillende bei 63 g/Tag und ist damit rund 15 g höher als bei Frauen im Allgemeinen und 5 g höher als bei Schwangeren (siehe Tab. 2). Dieser Mehrbedarf von durchschnittlich 7 bis 9 g/Tag begründet sich durch die Menge an sezerniertem Protein in der Muttermilch: Für die Synthese von 1 g Milchprotein bedarf es 2 g verfügbarem Protein [8; 10]. Nehmen Stillende größere Proteinmengen zu sich, wird dadurch der Proteingehalt in der Milch aber nicht gesteigert [8]. Gute Proteinquellen sind sowohl pflanzlicher als auch tierischer Herkunft. Dazu zählen Getreide, Hülsenfrüchte und Kartoffeln sowie Eier, Milch, Fleisch und Fisch [11].

Tab. 2: Empfohlene Nährstoffzufuhr in der Stillzeit

Nährstoff
Zufuhr in der
Schwangerschaft
Anmerkungen
Zufuhr für Frauen
allgemein
Protein
63 g/Tag*
ca. 2 g Protein-Zulage pro 100 g sezernierte Milch
46 g/ Tag
Fett
30 – 35% der Energie
30% der Energie
Kohlenhydrate
Kein Mehrbedarf
> 50% der Energie
Vitamin A
1,5 mg-Äquivalent/Tag
ca. 70 µg Retinol-Äquivalente-Zulage pro 100 g sezernierte Milch
0,8 mg-Äquivalent/
Tag
Vitamin D
Kein Mehrbedarf
5 µg/Tag
Vitamin E
17 mg-Äquivalent/Tag
ca. 260 µg RRR-α-Tocopherol-Äquivalente-Zulage pro 100 g sezernierte Milch
12 mg-Äquivalent/Tag*
Vitamin K
Kein Mehrbedarf
60 µg/Tag
Vitamin B1
1,4 mg/Tag
1,0 Tag
Vitamin B2
1,6 mg/Tag
1,2 mg/Tag
Niacin
17 mg Äquivalent/Tag
13 mg Äquivalent/Tag
Vitamin B6
1,9 mg/Tag
1,2 mg/d
Folat
600 µg Äquivalent/Tag
400 µg Äquivalent/Tag
Pantothensäure
Kein Mehrbedarf
6 mg/Tag
Biotin
Kein Mehrbedarf
30 – 60 µg/Tag
Vitamin B12
4 µg/Tag
ca. 0,13 µg Vitamin B12-Zulage pro 100 g sezernierte Milch
3 µg/Tag
Vitamin C
150 mg/Tag
Unter Berücksichtigung der mit 750 ml Frauenmilch sezernierten Vitamin C-Menge
100 mg/Tag
Natrium
Kein Mehrbedarf
550 mg/Tag
Chlorid
Kein Mehrbedarf
830 mg/Tag
Kalium
Kein Mehrbedarf
2000 mg/Tag
Calcium
Kein Mehrbedarf
Stillende < 19 Jahre 1200 mg
1000 mg/Tag
Phosphor
900 mg/Tag
Stillende < 19 Jahre 1250 mg
700 mg/Tag
Magnesium
390 mg/Tag
300 – 310 mg/Tag
Eisen
20 mg/Tag
Die Angabe gilt für stillende und nicht stillende Frauen nach der Geburt zum Ausgleich der Verluste während der Schwangerschaft
15 mg/Tag
Jod
260 µg/Tag
200 µg/Tag
Fluorid
Kein Mehrbedarf
3,1 mg/Tag
Zink
11 mg/Tag
7 mg/ Tag
Quelle: [8]

Fett: Docosahexaensäure ist wichtig

Der Bedarf an Fett ist ebenfalls erhöht, doch weichen die Werte vom Mehrbedarf einer Schwangeren nicht ab. In der reifen Muttermilch schwankt der Fettgehalt zwischen 13 g/l und 83 g/l. Im Mittel liegen die Werte aber zwischen 35 g/l und 45 g/l. Während die Fettzusammensetzung in der Muttermilch nahrungsbedingt ist, scheint der Fettgehalt in der Muttermilch nicht im Zusammenhang mit der aufgenommenen Fettmenge zu stehen [10].

In Hinblick auf essenzielle Fettsäuren besteht ebenfalls quantitativ kein Mehrbedarf, doch sollten Stillende im Durchschnitt mindestens 200 mg Docosahexaensäure pro Tag zuführen, damit die Frauenmilch ausreichende Mengen dieser Fettsäure enthält [8]. Docosahexaensäure benötigt der Säugling wachstumsbedingt. Außerdem konnte gezeigt werden, dass diese Fettsäure relevant für die visuelle, motorische und kognitive Entwicklung des Kindes ist [12]. Der Bedarf kann z. B. mit ein bis zwei Portionen Fisch pro Woche gedeckt werden.

Kein Mehrbedarf an Kohlenhydraten

Für Kohlenhydrate und im Speziellen für Ballaststoffe wird kein Mehrbedarf für Stillende ausgewiesen [8]. Insgesamt enthält Frauenmilch aber mindestens 25 verschiedene Oligo- und Polysaccharide. Es wird angenommen, dass in Zukunft noch weitere Verbindungen identifiziert werden können. Dabei scheinen einige Saccharide zusammen mit Lactose als Wachstumsfaktor für Lactobacillus bifidus der kindlichen Intestinalflora zu dienen. Durch diesen Mikroorganismus wird das saure intestinale Milieu gestillter Säuglinge gefördert, das Schutz vor einer Überwucherung durch pathogene Bakterien bietet [10]. Dabei zählen besonders Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte zu den geeigneten Kohlenhydrat- und Ballaststoffquellen [11].

Tab. 3: Lebensmittel (Auswahl und Mengen), die Schwangeren und Stillenden helfen, den Tagesbedarf zu decken (Beispiele)

Nährstoff
Lebensmittel (Beispiele)
Protein
0,25 l Milch, 150 g Quark, 60 g Gouda, 200 g Kartoffeln und 60 g Kochschinken
Calcium
0,25 l Milch, 150 g Joghurt, 150 g Quark, 60 g Gouda, 150 g Brokkoli und 100 g Fenchel
Eisen
150 g Rindfleisch, 80 g Kochschinken, 200 g Vollkornbrot, 80 g Linsen, 150 g Brokkoli, 150 g Johannisbeeren und 30 g Haselnüsse
Jod
150 g Seefisch (Schellfisch, Kabeljau, Seelachs), Jodsalz ist empfehlenswert (4 Messerspitzen entsprechen etwa 20 μg Jod)
Folsäure
50 g Feldsalat, 100 g Paprikaschote, 150 g Brokkoli, 50 g Linsen, 200 g Erdbeeren, 30 g Haselnüsse, 20 g Weizenkeime und 150 ml Orangensaft
Quelle: [11]

Bedarf an Mikronährstoffen

Neben dem erhöhten Bedarf an Makronährstoffen verändert sich auch der Bedarf für einige Mikronährstoffe (siehe Tab. 2). In der Gruppe der Vitamine gilt dies für die Vitamine A, E, B1, B2, Niacin, B6, Folat, B12 sowie Vitamin C.


Vitamin A

Vitamin A ist für das Wachstum, das Immunsystem und die Entwicklung von Zellen und Geweben von Bedeutung. Es ist vor allem in Leber oder als Provitamin in pflanzlichen Lebensmitteln enthalten. Säuglinge nehmen über die Muttermilch rund 0,5 mg Retinol-Äquivalent/Tag auf [8]. Zudem verfügen Säuglinge über Reserven in der Leber [10]. Der Vitamin-A-Gehalt sinkt jedoch im Zeitablauf, wobei gleichzeitig der Bedarf des Kindes steigt. Um diesen decken zu können und Defizite zu vermeiden, sollten besonders Frauen, die länger als vier Monate stillen die Vitamin-A-Aufnahme um 0,7 mg/Tag erhöhen [8].


Vitamin E

Die erhöhten Schätzwerte für Vitamin E, das Bestandteil von biologischen Membranen ist und als Antioxidans wirkt, orientieren sich an dem erhöhten Energiebedarf und den darin enthaltenen Fettsäuren [8; 9]. Geeignete Lebensmittel sind beispielsweise Sonnenblumenöl, Rapsöl oder Maiskeimöl.


Vitamin B1

Vitamin B1 bzw. Thiamin ist besonders im Energiestoffwechsel als Coenzym von Bedeutung. Da Stillende einen erhöhten Energieumsatz vorweisen, liegt der Bedarf um 0,4 mg/Tag höher als bei nicht stillenden Frauen. Gute Quellen sind Vollkornerzeugnisse, Hülsenfrüchte und Kartoffeln sowie Schweinefleisch und einige Fischarten wie Scholle und Thunfisch [8].


Vitamin B2

Der Mehrbedarf für Vitamin B2 bzw. Riboflavin liegt bei 0,4 mg/Tag. Dieses B-Vitamin ist Baustein der Coenzyme Flavinadenindinucleotid (FAD) und Flavinmononucleotid (FMN). Diese Coenzyme sind wiederum Bestandteile von Dehydrogenasen und Oxidasen und spielen eine wichtige Rolle im oxidativen Stoffwechsel. In der Muttermilch sind 38 µg Riboflavin/100 ml enthalten. Die Zulage ergibt sich aus dem Vitamin-B2-Gehalt von 750 ml Frauenmilch, die Kinder im Durchschnitt pro Tag erhalten und unter Berücksichtigung einer Verwertungsrate von 70%. Geeignete Lieferanten sind Milch und Milchprodukte, Muskelfleisch, Fisch, Eier, einige Gemüsearten und Vollkornprodukte.


Niacin

Auch Niacin ist Bestandteil von Coenzymen und zwar von Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid (NAD) und Nicotinamid-Adenin-Dinukleotid-Phosphat (NADP). Diese Coenzyme wirken als Wasserstoffdonatoren und -akzeptoren und sind auf diese Weise am Ab- und Aufbau von Kohlenhydraten, Fett- und Aminosäuren beteiligt. Zudem sind sie an der DNA-Replikation und -Reparatur sowie der Calciummobilisation beteiligt. Über die Muttermilch erhält der Säugling täglich 1,3 mg vorgebildetes Niacin sowie 2,8 mg Niacin-Äquivalente in Form von Tryptophan, dessen Umsetzungsrate nicht bekannt ist. Daraus resultiert ein Aufschlag von 4 mg/d. Zur Niacinversorgung tragen mageres Fleisch, Innereien, Fisch, Milch und Eier, die sowohl hohe Mengen von Niacin als auch von Tryptophan enthalten, bei. Doch auch pflanzliche Lebensmittel, etwa Brot, Backwaren und Kartoffeln, können zur Versorgung beitragen. Allerdings muss hier eine eingeschränkte Bioverfügbarkeit berücksichtigt werden.


Vitamin B6

Stillende weisen auch für Pyridoxin bzw. Vitamin B6 einen Mehrbedarf auf. Pyridoxin ist in seinen Coenzymformen Pyridoxalphosphat (PLP) und Pyridoxaminphosphat (PMP) an mehr als 50 enzymatischen Reaktionen, insbesondere im Aminosäurestoffwechsel, beteiligt. Zudem beeinflusst das Vitamin Funktionen des Immunsystems, des Nervensystems und der Hämoglobinsynthese. Da über die Muttermilch täglich 0,1 mg Vitamin B6 sezerniert werden und die eigenen Körperbestände nach den hohen Anforderungen während der Schwangerschaft wieder aufgefüllt werden sollen, liegt der Mehrbedarf bei 0,7 mg/Tag.


Folat

Auch für das in der Schwangerschaft besonders wichtige Folat besteht in der Stillzeit ein Mehrbedarf von 600 µg Äquivalenten/Tag. Dieser ergibt sich durch die Abgabe mit der Milch in Höhe von 80 µg/l. Zudem werden die erhöhten Anforderungen an den Stoffwechsel sowie ein Zuschlag einbezogen, woraus sich ein Mehrbedarf von 200 µg Nahrungsfolat ergibt. Folatderivate sind im Intermediärstoffwechsel insbesondere an Prozessen der Zellteilung und Zellneubildung beteiligt. Gute Quellen sind bestimmte Gemüsearten wie Spinat, Kohlarten, Tomaten und Gurken, aber auch Orangen, Weintrauben und Vollkornbackwaren.


Vitamin B12

Weiterhin sollten Cobalamine bzw. Vitamin B12 vermehrt zugeführt werden. Der Mehrbedarf von 1 µg/Tag ergibt sich aus der täglichen Abgabe von 0,4 µg über die Muttermilch und unter Berücksichtigung eines mittleren Absorptionsverlustes von 50%. Cobalamine werden vom Organismus in die aktiven Coenzyme Adenosyl- und Methylcobalamin umgebaut. Diese sind für die intramolekulare Umlagerung von Alkylresten beim Abbau ungeradzahliger und verzweigtkettiger Fettsäuren sowie für die Übertragung von Methylgruppen verantwortlich, so dass Vitamin B12 auch eine wesentliche Rolle im Folatstoffwechsel spielt. Höchste Vitamin B12-Konzentrationen sind in der Leber enthalten, doch auch Muskelfleisch, Eier, Fisch, Milch und Käse sind gute Lieferanten. Dagegen enthalten pflanzliche Lebensmittel nur Spuren des Vitamins.


Vitamin C

Schließlich besteht ein um 50% erhöhter Vitamin-C-Bedarf in der Stillzeit. L-Ascorbinsäure ist ein starkes Reduktionsmittel und ist an vielen intra- und extrazellulären Reaktionen beteiligt. Der Mehrbedarf von Stillenden berücksichtigt, dass ca. 50 mg Vitamin C /750 ml Frauenmilch sezerniert werden.

Neben dem erhöhten Bedarf an Vitaminen, sollten auch Phosphor, Magnesium, Eisen, Jod und Zink in höheren Mengen zugeführt werden.


Phosphor

Für Phosphor ist der Bedarf von 700 auf 900 mg/Tag erhöht. Dabei müssen täglich 90 bis 120 mg bereitgestellt werden. Durch die Berücksichtigung der intestinalen Absorptionsrate ergibt sich ein Aufschlag von 200 mg. In der Frauenmilch ist der Phosphorgehalt gering und entspricht der alterstypisch relativ niedrigen Nierenfunktionskapazität des Kindes. Insgesamt ist Phosphor in Form von organischen Verbindungen Teil von Membranen und Nukleinsäuren und steuert Stoffwechselprozesse durch Phosphorylierungsprozesse. Zudem ist anorganisches Phosphor als Puffersystem an der Aufrechterhaltung des pH-Wertes beteiligt [8].

Der Mineralstoff ist besonders in Weizenkeimen, Walnüssen, Linsen, Sojabohnen oder weißen Bohnen enthalten [9].


Magnesium

Magnesium aktiviert eine Reihe von Enzymen, besonders im Energiestoffwechsel, wirkt als Cofaktor der phosphorylierten Nukleotide, ist beteiligt an der neuromuskulären Reizübertragung an den Synapsen und an der Muskelkontraktion etc. Stillende benötigen zusätzlich ca. 90 mg/d Magnesium, da 24 mg/750 ml Frauenmilch sezerniert werden und die Absorptionsrate zwischen 20 und 30% liegt. Der Bedarf kann durch Vollkornprodukte, Milch und Milchprodukte, Geflügel, Fisch, Gemüse, Sojabohnen, Beerenobst, Orangen und Bananen gedeckt werden.


Eisen

Nachdem in der Schwangerschaft der tägliche Eisenbedarf bei 30 mg lag, beträgt er nun 20 mg. Es muss betont werden, dass dieser Wert auch für nicht stillende Frauen gilt, um Eisenverluste, die während der Schwangerschaft aufgetreten sind, ausgleichen zu können. Gute Quellen für Eisen sind Brot, Fleisch, Wurstwaren und Gemüse [8].

Zudem sollte eine Kost gewählt werden, die günstig für die Eisenresorption ist und z. B. ausreichend Vitamin C und geringe Mengen an Phytaten und Polyphenolen enthält [11].


Jod

Der Jodbedarf steigt nach der Schwangerschaft auf 260 µg/Tag, da die über die Muttermilch sezernierte Jodmenge ersetzt werden muss. Jod ist Bestandteil der Schilddrüsenhormone. Um den Mehrbedarf zu decken und eine ausreichende Versorgung zu gewährleisten, sollten in Rücksprache mit dem behandelnden Arzt Jodtabletten eingenommen werden.

Des Weiteren kann allgemein die Verwendung von Jodsalz und der Verzehr von Seefisch empfohlen werden.

Andere Lebensmittel weisen schwankende Jodkonzentrationen in Abhängigkeit des Jodgehalts im Boden bzw. der Fütterung der Tiere auf.


Zink

Schließlich wird für Zink ein Aufschlag von 4,0 mg/Tag angegeben. Über die Muttermilch erhalten Säuglinge täglich 1,0 mg Zink. Die Absorptionsrate von Zink beträgt 30%. Dieser Mineralstoff ist Bestandteil oder Aktivator von Enzymen im Protein-, Kohlenhydrat-, Fett- und Nukleinsäurestoffwechsel, von Hormonen und Rezeptoren sowie der Insulinspeicherung und im Immunsystem. Gute Quellen für Zink sind Fleisch, Ei, Milch und Käse.


Calcium

Für Calcium wird dagegen nur bei Stillenden, die jünger als 19 Jahre sind, ein Mehrbedarf angegeben. Zwar werden durch das Stillen 220 mg Calcium/Tag abgegeben, doch kann eine hohe Calciumaufnahme den durch hormonelle Umstellungen bedingten Knochenmineralverlust nicht aufhalten.

Dennoch stellen weder eine größere Anzahl von Geburten noch lange Stillzeiten Risikofaktoren für eine Osteoporose dar, denn der vorübergehende Verlust an Knochenmasse kann durch hormonelle Anpassungsprozesse nach dem Abstillen wieder ausgeglichen werden [8].

Allgemeine Ernährungsempfehlungen

Für Stillende gelten die allgemeinen Ernährungsempfehlungen: eine abwechslungsreiche und ausgewogene Ernährung sollte angestrebt werden. Die Mahlzeiten sollten regelmäßig über den Tag verteilt werden. Reduktionsdiäten sollten Stillende vermeiden, wie bereits eingangs erwähnt wurde. Abgesehen davon haben diätetische Einschränkungen der Mutter in Hinblick auf die Allergieprävention laut Koletzko et al. [3] keinen erkennbaren Nutzen für das Kind. Sie erhöhen seiner Aussage nach nur das Risiko einer unzureichenden Nährstoffzufuhr.

Des Weiteren sollte Seefisch möglichst zweimal pro Woche verzehrt werden, wobei einmal wöchentlich fettreiche Sorten wie Hering, Lachs, Makrele oder ähnliche konsumiert werden sollten. Auch muss auf ausreichendes Trinken geachtet werden, dies kann beispielsweise durch ein Glas Wasser zu jeder Stillmahlzeit umgesetzt werden [3].

Genussmittelkonsum

Stillende sollten Alkohol vermeiden, denn dieser geht in die Milch über. Anders als oft angenommen, regen alkoholische Getränke die Milchbildung nicht an, möglicherweise wird diese sogar verringert. Auch auf das Rauchen sollte unbedingt verzichtet werden, nicht zuletzt weil Rauchen einen Risikofaktor für den plötzlichen Kindstod darstellt [3; 13].


Literatur:

[1] Heine, W. (2004): Ernährung vom Säuglings- bis ins Jugendalter. In Biesalski H.-K.; Fürst, P; Kasper, H.; Kluthe, R.; Pölert, W.; Puchstein, C.; Stähelin, B. (Hrsg.): Ernährungsmedizin. Thieme, Stuttgart 3., erweiterte Auflage, 201 – 211.

[2] Karall, D. et al. (2010): Pädiatrie – Ernährung des gesunden Säuglings und Kindes. In: Ledochowski, Maximilian (Hrsg.): Klinische Ernährungsmedizin. Springer, 764 – 912.

[3] Koletzko, B. et al. (2010): Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter. Handlungsempfehlungen – Ein Konsensuspapier im Auftrag des bundesweiten Netzwerk Junge Familie. Monatsschrift Kinderheilkunde 158:679 – 689.

[4] Scherbaum, V. und Bellows, C. (2009): Förderung des Stillens – ein Beitrag zur Prävention von Übergewicht. Ernährungsumschau 7/09, 388 – 394.

[5] Nationale Stillkommission (2004): Stilldauer: www.bfr.bund.de/cm/343/stilldauer.pdf Status Juni 2011.

[6] Deckart, M. und Funk, W. (1999): Stillen nach Kaiserschnitt. Anaesthesist. 48: 337

[7] KerstingKersting, M. und Dulon, M. (2002): Fakten zum Stillen in Deutschland. Ergebnisse der SuSe-Studie. Monatsschrift Kinderheilkunde 150:1196 – 1201.

[8] Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE); Österreichische Gesellschaft für Ernährung (ÖGE); Schweizerische Gesellschaft für Ernährungsforschung (SGE) (Hrsg.) (2008): Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr. Frankfurt/Main 1. Auflage, 3., vollständig durchgesehener und korrigierter Nachdruck.

[9] Biesalski, H.-K. und Grimm, P. (2001): Taschenatlas der Ernährung. Thieme, Stuttgart 2., aktualisierte Auflage.

[10] Quaas, L. (2004): Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit. In Biesalski H.-K.; Fürst, P; Kasper, H.; Kluthe, R.; Pölert, W.; Puchstein, C.; Stähelin, B. (Hrsg.): Ernährungsmedizin. Thieme, Stuttgart 3., erweiterte Auflage, 224 – 228.

[11] Toeller, M. und Scherbaum, W. (2007): Beratung zur gesunden Ernährung und Nahrungsergänzungsmitteln. Gynäkologe 40:604 – 610.

[12] Koletzko et al. (2001): Long chain polyunsaturated fatty acids (LC-PUFA) and perinatal development. Acta Pediatr. 90, 460 – 464.

[13] Nationale Stillkommission (2001): Stillen und Rauchen: www.bfr.bund.de/cm/343/stillen_und_rauchen_ratgeber_fuer_muetter_bzw_eltern.pdf Status Juni 2011.

[14] Elmadfa, I. und Leitzmann, C. (2004): Ernährung des Menschen. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart, 4., korrigierte und aktualisierte Auflage.

[15] Holzgreve et al. (2007): Normale Schwangerschaft und Geburt: In: Diedrich, K. et al. (Hrsg): Gynäkologie und Geburtshilfe. 2. Auflage, Springer Medizin Verlag: 327 – 437.


Autorin

Katja Aue, M. Sc. Ökotrophologie, E-Mail: katja_aue@web.de



DAZ 2011, Nr. 25, S. 58