Gesundheitspolitik

Zollkriminalamt: Verbraucher zu blauäugig

Dramatischer Anstieg bei illegalen Arzneimitteln – Mafia im lukrativen Spiel

Berlin (lk). Beim Schmuggel von Arzneimitteln und bei Arzneimittelfälschungen hat das Zollkriminalamt in den letzten fünf Jahren eine "dramatische Steigerung" festgestellt. Seien im Jahr 2003 nur 350.000 geschmuggelte oder gefälschte Präparate durch die Zollbehörden sichergestellt worden, so waren es im vergangenen Jahr bereits über fünf Millionen, berichtete der Pressesprecher des Zollkriminalamtes Wolfgang Schmitz auf dem Berliner Kongress des Bundesverbandes Deutscher Versandapotheken (BVDVA): "Die internationale Mafia macht sich in der Arzneimittelkriminalität breit."

Ein Trend, der auch europaweit bei den Ermittlungsbehörden Sorgen auslöst: Bei einer EU-weit abgestimmten Aktion stellten die Ermittler Anfang dieses Jahres während einer nur 14-tägigen Aktion 34 Millionen geschmuggelte oder gefälschte Arzneimittelpackungen sicher. Nicht eingerechnet in diesen Zahlen seien zusätzlich sichergestellte Grundstoffe zur illegalen Arzneimittelproduktion, sagte Schmitz: "Es geht hier nicht nur um Kriminalität, es geht um gesundheitliche Risiken für die Bevölkerung." Laut Zollkriminalamt sind 80 Prozent der über das Internet außerhalb des legalen Apothekensegmentes vertriebenen Arzneimittel gefälscht, gepanscht und gesundheitlich bedenklich. "Es handelt sich hier um organisierte Kriminalität", sagte Schmitz.

Die Haupttäter und Hintermänner säßen sehr oft im Ausland. Die meiste Ware komme aus Asien, aber auch zunehmend über Umwege aus den USA. Die internationale Mafia sei im illegalen Arzneimittelmarkt überaus aktiv, die Gewinnspanne höher als im Drogenhandel. "Da hat sich eine ganze Schattenwirtschaft mit Groß- und Zwischenhandel und eigenem Vertrieb mit Fahrzeugen etabliert", berichtete der Pressesprecher des Zollkriminalamtes: "Die Gewinne sind höher als bei Kokain." Im Kampf gegen die boomende Arzneimittelkriminalität seien beim Zollkriminalamt inzwischen 400 spezialisierte Ermittler im Einsatz. Es gebe Verbindungsleute in Peking, Dubai, Istanbul, Moskau und weiteren elf Ländern. Die Bekämpfung von Arzneimittelschmuggel und -fälschungen sei neben Drogenhandel, Geldwäsche und Zigarettenschmuggel inzwischen eine der Hauptaufgaben des Zollkriminalamtes.

Die gut organisierten Täter gingen immer cleverer vor. Gefälscht würden nicht mehr ausschließlich "Lifestyle"-Arzneien wie Potenzmittel und Diätpräparate. Immer häufiger stießen die Ermittler auf "Lifesafe"-Präparate wie Schmerzmittel, Impfstoffe, Insulin, Herz-Kreislauf-Mittel und Blutdrucksenker. Die Täter führten regelrechte "Marktanalysen" durch und könnten ihre Produkte teilweise schneller liefern als die Originalhersteller. In größerem Umfang sei dies erstmals bei den Impfstoffen gegen die Schweinegrippe aufgefallen.

Vor allem der Internethandel mit geschmuggelten und gefälschten Arzneimitteln bereite große Sorgen. "Was die Verbraucher dort kaufen und bestellen, ist eine Wundertüte", warnte Schmitz. So habe man Arzneimittel gefunden, in denen fünf Mal mehr Wirkstoff enthalten gewesen sei als im Originalprodukt. Es sei für die Ermittler immer wieder erstaunlich, "wie blauäugig" die Verbraucher mit Arzneimittelkäufen im Internet umgingen.

Besondere Probleme bereitet den Zollfahndern laut Schmitz ein neuer Trend: Um die Risiken bei der Arzneimitteleinfuhr in die EU zu verringern, würden immer mehr illegale Präparate im Inland hergestellt und nur noch die Grundstoffe importiert. So hätten Zollfahnder Anfang 2010 in einer angemieteten Kellerwohnung in Hessen ein Arzneimittellabor ausgehoben, in dem 500.000 Präparate hergestellt worden seien. Dort hätten 23 Personen Arzneimittel gefälscht und vertrieben. Dabei seien die Kriminellen mit einfachsten Mitteln vorgegangen. Zur Einfärbung eines gängigen Potenzmittels sei etwa die gelbe Farbe für Straßenmarkierungen verwendet worden. Die Ermittler hätten Vermögenswerte in Höhe von Millionen Euro sichergestellt.

Schmitz forderte Arzneimittelhersteller, Großhandel und Apotheken auf, noch enger und besser mit dem Zollkriminalamt bei der Bekämpfung der Arzneimittelkriminalität zu kooperieren. "Die Zusammenarbeit ist dringend notwendig", sagte Schmitz. Die Ermittler stünden mit ihrer Arbeit erst am Anfang. Anders als im Kampf gegen den internationalen Drogenhandel müssten Datenbanken über verdächtige Schiffsbewegungen und andere Schmuggelrouten erst noch aufgebaut werden.