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Qualität im Mittelpunkt

HAMBURG (tmb). Der onkologisch-pharmazeutische Fachkongress NZW (als Abkürzung des früheren Titels Norddeutscher Zytostatika Workshop) fand vom 23. bis 25. Januar zum 17. Mal in Hamburg-Harburg statt. Die Tagung bot ein breites Spektrum an Vorträgen, Workshops und Diskussionen zu den verschiedensten Aspekten der Krebstherapie. Aus politischer Sicht stand das Bekenntnis zur Qualität im Mittelpunkt.
Vertrauensbasis nicht zerstören Prof. Dr. Hans Helge Bartsch warnte davor, das Arzt-Patienten­verhältnis durch ein bürokratisches ­Regelwerk zu ersetzen.
Foto: Tmb

Bei der Eröffnung hob Dr. Angelika Kempfert, Hamburger Staatsrätin für Soziales, Familie, Gesundheit und Jugend, die große gesellschaftspolitische und menschliche Bedeutung von Krebserkrankungen hervor. Sie würdigte die entscheidende Rolle der qualitativ hochwertigen, individuell in Apotheken hergestellten Arzneimittel für die Krebstherapie. Antonie Marqwardt, Vorstandsmitglied der Apothekerkammer Hamburg, beschrieb den NZW angesichts des großen Zuspruchs zu der Tagung als Erfolgsgeschichte. Schon lange bevor die klinische Pharmazie in der Approbationsordnung stand, sei damit ein klinisch pharmazeutischer Fachkongress etabliert worden. Hier werde "patientenorientierte Pharmazie im besten Wortsinn" betrieben. Die optimale Zusammenarbeit aller Beteiligten stehe im Vordergrund – und dies sei gerade in der Onkologie eine besondere Herausforderung. Denn die Zytostatikazubereitung müsse einerseits auf relativ wenige Apotheken konzentriert werden, andererseits müsse die dezentrale Versorgung der Patienten sichergestellt sein.

QUAPOS in der 4. Auflage

Auch Klaus Meier, Vorsitzender der Deutschen und der Europäischen Gesellschaft für Onkologische Pharmazie, hob die Bedeutung der Qualität für die Arzneimittelversorgung hervor. Als wichtiges Instrument für die Qualitätssicherung präsentierte er die Qualitätsstandards für den pharmazeutisch-onkologischen Service (QUAPOS) in ihrer neuen vierten Auflage. Diese dienen als Grundlage für die Zertifizierung zytostatikazubereitender Apotheken. Außerdem betonte Meier die Bedeutung der Unabhängigkeit der Apotheken. Die fachlichen und nicht die ökonomischen Aspekte müssten bei der Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten der Therapie entscheiden.

Mehr Diskretion gefordert

Meier stellte die Ergebnisse einer schriftlichen Befragung zur Kommunikation zwischen Patienten und Apothekern vor. Daran hatten 318 Krebspatienten in 31 Apotheken teilgenommen. Die Patienten bescheinigten den Apothekern überwiegend gutes oder sehr gutes Zuhören und kompetente Antworten, bemängelten aber vielfach Schwächen bei der Diskretion in der Apotheke. So hätten wichtige Fragen wegen des Mangels an Privatsphäre nicht besprochen werden können. Hinsichtlich der Themen seien die Beratungen zur Ernährung von Krebspatienten und zu Therapiealternativen verbesserungsfähig. Die Befragung zeigte, dass sich viele Krebspatienten in ihrer Stammapotheke am Wohnort und nicht nur bei zytostatikaherstellenden Apotheken beraten lassen und manche auch auf ein aktives Beratungsangebot warten. Grundlegende Beratungen zur Krebstherapie sollten daher in allen Apotheken möglich sein. Dafür kündigte Meier eine Kampagne unter dem Titel "Leichte Antworten auf leichte Fragen" an, die bundesweit durchgeführt werden soll, um die Beratungskompetenz zu onkologischen Themen in Apotheken auszubauen.

Ethik oder DRG?

Ein anderes Problem im Zusammenhang mit der oft hochpreisigen onkologischen Therapie ist der Stellenwert der ärztlichen Ethik im Versorgungsalltag. Prof. Dr. Hans Helge Bartsch, Freiburg, befürchtet, dass ein rein ökonomisch gesteuertes Gesundheitswesen zum Risikofaktor für die Therapie wird. Die Orientierung an ökonomischen Kategorien werde zu Versorgungsproblemen führen und damit letztlich sogar die Kosten erhöhen, insbesondere durch die aufwendige administrative Überregulierung, die den ärztlichen Alltag zunehmend präge. Diese Entwicklung führe zu Frustration und ethischen Konflikten bei den Ärzten und damit langfristig zu Abwanderung und Ärztemangel. Bartsch wandte sich gegen Tendenzen, die persönliche Vertrauensbasis zwischen Arzt und Patient durch ein bürokratisches Regelwerk zu ersetzen.

Als Beispiele für diese Entwicklungen beschrieb Bartsch Fehlanreize durch das DRG-System der diagnosebezogenen Fallpauschalen für die Krankenhausentgelte, die sich auf den Versorgungsalltag auswirken. So könne die gestaffelte Honorierung für die Intubation einen Anreiz schaffen, Patienten länger als nötig künstlich zu beatmen. Andererseits fehle für viele schwer Kranke eine angemessene Abbildung in diesem Honorarsystem. Das Krankenhausfinanzierungsgesetz sehe vor, die Folgen der neuen Honorierung bis 2005 zu untersuchen, doch erst 2008 seien erste Projekte mit einem gewissen ethischen Hintergrund aufgelegt worden. Weitere Probleme seien die Leistungsausweitung und die "Drehtür-Medizin", die durch Fehlanreize im System gefördert würden. In anderen Ländern mit einer DRG-ähnlichen Krankenhausfinanzierung, insbesondere in der Schweiz, werde diese Problematik viel differenzierter als in Deutschland diskutiert.

Wenn der Patient als Kunde einer Dienstleistungsbeziehung gesehen werde, blende dies den menschlichen Aspekt der Arzt-Patienten-Beziehung und die ärztliche Sorge um den Patienten aus. Um den Schwächen einer ökonomisch geprägten Dienstleistungsbeziehung zu begegnen, sei wiederum ein großer Apparat der Qualitätssicherung etabliert worden. Doch "wer kontrolliert die Kontrolleure", meinte Bartsch dazu.

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