Arzneimittel und Therapie

Herzerkrankungen und Psyche hängen zusammen

Dem Einfluss psychosozialer Faktoren auf die Entstehung und den Verlauf kardiovaskulärer Erkrankungen wird in den letzten Jahren verstärkt Bedeutung zugemessen. Zahlreiche Studien haben interessante Zusammenhänge aufgezeigt.

Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Übergewicht, ungesunde Ernährung, körperliche Inaktivität, Nicotinabhängigkeit, hoher Alkoholkonsum, hoher Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes und erbliche Vorbelastungen sind gut bekannt. Auch psychosozialer Stress wird seit längerem als eigenständiger Risikofaktor betrachtet. Damit ist nicht nur chronischer Stress im Berufsleben gemeint; auch Faktoren wie soziale Isolation, Depressivität und Angst sowie bestimmte Persönlichkeitsfaktoren und Charaktereigenschaften können für Herz-Kreislauf-Erkrankungen prädisponieren. Die zugrunde liegenden pathophysiologischen Zusammenhänge lassen sich mithilfe von Modellen veranschaulichen (s. Abb. 1). Zahlreiche Studien haben mittlerweile Daten zum Einfluss psychosozialer Faktoren auf kardiale Ereignisse geliefert.

Einfluss von Depressivität

Eine Studie fand beispielsweise, dass Patienten, die nach einem Myokardinfarkt in der stationären Behandlungsphase depressiv waren, innerhalb der folgenden 18 Monate eine signifikant erhöhte Mortalität aufwiesen. Am ausgeprägtesten war dieser Zusammenhang während der ersten sechs Monate. Eine andere Untersuchung fand einen Langzeit-Zusammenhang zwischen Depressivität und Mortalität. Von 1250 untersuchten KHK-Patienten hatten diejenigen mit erhöhten Ausgangs-Depressionswerten fünf bis zehn Jahre später eine 84 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit eines kardialen Todes und nach über zehn Jahren ein immer noch 72 Prozent höheres Risiko, verglichen mit den nicht depressiven Patienten. Die zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen scheinen sehr komplex zu sein: zum einen wurde gefunden, dass die Depression mit Hypercortisolämie und einer verstärkten Thrombozytenfunktion verbunden ist. Man schreibt dem Zusammenwirken dieser Faktoren eine proatherogene Wirkung zu. Darüber hinaus fördert Depressivität häufig einen ungesunden Lebensstil wie z. B. Rauchen, Bewegungsmangel und verminderte Compliance.

Einfluss sozialer Isolation

Großangelegte Studien haben gezeigt, dass ein Single-Dasein oder ein Leben ohne soziales Netzwerk die Lebenserwartung von Patienten mit koronarer Herzkrankheit verkürzen kann, unabhängig davon, wie schwer die Grunderkrankung war und welche sonstigen Risikofaktoren vorlagen. So zeigte sich beispielsweise bei einem 15-Jahres-Follow-up an 1368 meist männlichen KHK-Patienten bei den unverheiratet und ohne andere Vertrauensperson lebenden Betroffenen innerhalb von fünf Jahren ein dreifach erhöhtes Mortalitätsrisiko. Im Gegenzug haben Studien gezeigt, dass soziale Unterstützung einen Schutzfaktor sowohl für die Entstehung als auch den Verlauf einer koronaren Herzkrankheit darstellt.

Einfluss des sozialen Status

Die Hypothese, dass die KHK als "Managerkrankheit" vorwiegend in höheren sozialen Schichten auftritt, kann aufgrund neuer Studiendaten nicht mehr aufrechterhalten werden. Im Gegenteil: in Industrieländern ist die KHK überwiegend eine Krankheit unterer sozialer Schichten. Interessante Ergebnisse erbrachte auch die sogenannte Stockholm-Studie, die das relative Risiko einer KHK bei berufstätigen Frauen in Abhängigkeit von der beruflichen Stellung untersucht hatte. Frauen in Ausbildungsberufen bzw. Un- und Angelernte wiesen zum Teil ein fast doppelt so hohes KHK-Risiko auf wie Managerinnen, Akademikerinnen und leitende Angestellte (s. Abb. 2). Diese Ergebnisse erklärt man sich damit, dass beruflicher Stress bei solchen Tätigkeiten besonders hoch ist, die einerseits hohe Anforderungen stellen, andererseits aber geringe Kontrollmöglichkeiten über die Tätigkeit bieten. Berufstätige in solchen Konstellationen entwickeln besonders häufig Angstgefühle, sind stärker erschöpft und überfordert. Daraus resultieren physiologische Veränderungen, die zu einer Erhöhung des KHK-Risikos führen.

Konsequenzen für die Praxis

Nach Ansicht von Experten sollten diese Daten dazu anregen, bei der Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen psychosoziale Faktoren stärker zu berücksichtigen. Bereits bei der Patientenanamnese sollten sie mit in Betracht gezogen werden. Bei Patienten mit ungünstiger psychischer Situation empfiehlt es sich, neben den bewährten interventionellen und medikamentösen Maßnahmen im Rahmen eines "individualisierten Stress-Managements" zusätzliche Therapieverfahren wie beispielsweise autogenes Training, Biofeedbackmethoden oder Einzelpsychotherapie einzusetzen.

 

Quelle

 Dr. Winfried Haerer, Ulm, Dr. Simone Münkel, Essen: Pressegespräch "Volkskrankheit Herzinfarkt: auch Frauensache", Weimar, 11. Juli 2009, veranstaltet von der ratiopharm GmbH, Ulm.

 Titscher, G.: Psyche und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, J. Kardiol. 2009; 7(6), 237-241.

 

 

Apothekerin Dr. Claudia Bruhn

 

 

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