Fortbildungskongress

Therapie der Neurodermitis bei Kindern

"Wenn ich nicht schlafe, schläft keiner"

Die Neurodermitis im Kindesalter stellt eine ganz besondere Herausforderung dar, denn gerade der extreme nächtliche Juckreiz kann die ganze Familie stark belasten. Ganz individuell für die kleinen Patienten gilt es zum einen, Provokationsfaktoren zu finden und zum anderen eine symptomorientierte Basis- und Ekzemtherapie konsequent durchzuführen, wie Priv.-Doz. Dr. Doris Staab, Helios Kinderklinik, Berlin, ausführte.

Eine Neurodermitis manifestiert sich häufig in den ersten zehn Jahren, etwa 15% der dreijährigen Kinder leiden unter dieser belastenden chronisch entzündlichen Erkrankung der Haut, die zum allergischen Formenkreis gehört. Die Erkrankung geht mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung weiterer atopischer Erkrankungen wie Asthma oder allergische Rhinitis einher.Wer als Kleinkind eine Neurodermitis gehabt hat, kann das Glück haben, dass in der Pubertät die Symptome deutlich schwächer werden oder ganz verschwinden.

Neben der genetischen Disposition scheinen auch Umweltfaktoren für die Entstehung der Erkrankung eine Rolle zu spielen. Und genau hier sieht Staab auch ein großes Problem für die Eltern: Es gibt unendlich viele Hypothesen über die Entstehung der Erkrankung, diese kursieren ebenso wie die vielen teils sehr kruden Theorien über therapeutische Möglichkeiten, die häufig die Angehörigen verunsichern. Staab betonte, dass es keine kausale Therapie der Neurodermitis gibt.

Basispflege der Haut

Mögliche Auslöser vermeiden und die Haut mit einer guten Basispflege behandeln – darin sieht Staab die beiden wichtigsten Ansatzpunkte für eine Therapie der leichten bis mittelschweren Ekzeme mit einzelnen Schüben, dazwischen aber mit weitgehend symptomfreien Intervallen. So einfach "Auslöser vermeiden" auch klingt, so schwer ist dies, denn eine Neurodermitis ist in der Regel multifaktoriell bedingt. Es werden sehr viele Einflüsse mit einem erneuten Schub in Verbindung gebracht. So können Stress, das Kratzen selbst, Infektionen, das Klima, Nahrungsmittel oder andere Reizstoffe eine Neurodermitis auslösen beziehungsweise positiv oder negativ beeinflussen. Hier gilt es, ganz individuell auszuprobieren, welche Faktoren es im ganz speziellen Fall sein könnten. Ziel sollte es sein, dass die Schübe leichter werden und seltener auftreten. Insbesondere unter den neuen Bedingungen mit der eingeschränkten Verordnungsfähigkeit durch die Kassen ist eine konsequente Basispflege für viele Familien kaum mehr bezahlbar. Doch eine gute Basispflege – besonders auch zwischen den Schüben – ist das A und O in der Neurodermitisbehandlung. Arzt und Familie müssen sich hier viel Zeit nehmen, um eine geeignete wirkstofffreie Grundlage zu finden: Das Kind muss die Creme mögen, denn ein Kind einzucremen, das die Creme nicht will, endet meist in einer Katastrophe. Aber auch die Mutter muss die Pflege im wahrsten Sinne des Wortes riechen können, damit sie ihr Kind noch gern in den Arm nimmt.

Gegen die weit verbreitete Cortisonphobie angehen

Die Eltern werden oft zu regelrechten Ko-Therapeuten ausgebildet, da oft ein neuer Schub am Wochenende einsetzt, wo kein Arzt zu erreichen ist. Mit den zur Verfügung stehenden Wirkstoffen für die topische Anwendung (siehe Tabelle 1) ist es möglich, eine leichte bis mittelschwere Neurodermitis zu behandeln. Von einer Therapie mit Omega-3-Fettsäuren, Antihistaminika oder der Bioresonanz rät Staab ab, hier ist kein Effekt nachzuweisen.

Schwieriger ist die Behandlung der schweren atopischen Dermatitis mit chronischen Entzündungen größerer Körperareale. Reicht die Basispflege bzw. eine intensivierte Basispflege oder spezifische Wirkstoffe wie Antiseptika oder Gerbstoffe nicht mehr aus, um die entzündete Haut in den Griff zu bekommen, so müssen antiinflammatorische Substanzen wie Steroide oder die Calcineurininhibitoren eingesetzt werden, gegebenenfalls kommen Antibiotika oder systemische Immunsuppressiva zum Einsatz. Werden Steroide gezielt und bewusst und vor allem kurzzeitig eingesetzt, so sind die modernen Präparate absolut harmlos, wie Staab betonte. Wichtig ist hierbei auch das Ausschleichen zum Ende einer Therapie, damit es zu keinem Rebound-Effekt kommt. Da eine Langzeitanwendung höher dosierter topischer Steroide zur Atrophie der Haut führen kann und zudem oft auch die Symptome nicht ausreichend kontrolliert werden, wurde nach einer Ausweitung des therapeutischen Spektrums gesucht: In den neuen Calcineurininhibitoren sieht Staab eine gute Alternative. Pimecrolimus und Tacrolimus sind beide als Langzeittherapie gedacht, nicht zur akuten Intervention bei einem auftretenden Schub. Als wichtigste lokale Nebenwirkung wird – insbesondere von Erwachsenen – ein Brennen nach dem Auftragen beschrieben, Wirksamkeit und Sicherheit sind jedoch auch bei Kindern belegt. Zur Sicherheit in der Langzeitanwendung sind aber noch einige Fragen offen. Bei beiden Arzneistoffen kann noch nicht mit endgültiger Sicherheit gesagt werden, dass sie nicht phototoxisch sind. Auch ist ihr Platz in der Stufentherapie der Neurodermitis noch nicht endgültig geklärt. Doch Staab empfiehlt den Einsatz vom schwächeren Pimecrolimus möglichst früh, vor den Steroiden (siehe Tab. 2: Unterschiede zwischen den Calcineurininhibitoren). Hier sollte erst ein erneuter Schub mit Steroiden behandelt werden. Tacrolimus ist für Schulkinder mit einer schwereren Neurodermitis geeignet, hier kann so die systemische Therapie verzögert werden.

Frühe Schulung ist effektiver als jeder Arzneistoff

Staab wies darauf hin, dass auf den Verlauf und die Schwere der Erkrankung eine konsequente frühzeitige Schulung der Familien Sicherheit im Umgang mit der Erkrankung gibt, soziale Ängste abbaut und insgesamt einen weitaus größeren Effekt hat, als jedes zur Verfügung stehende Arzneimittel. Dies ist das Ergebnis eines standardisierten Schulungsprogramms, das im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit und Soziale Sicherung entwickelt wurde. Im Rahmen der GADIS-Studie (German Atopic Dermatitis Intervention Study) wurden die Ergebnisse einer Neurodermitisschulung ausgewertet. In einem intensiven und interdisziplinären Therapiemanagement wurden die Eltern mit dem Krankheitsbild und dem Umgang mit der Erkrankung ihres Kindes auf der Basis medizinischen und psychologischen Wissens vertraut gemacht. Es wurden ihnen Entspannungstechniken vermittelt und sie zugleich über den richtigen Umgang mit Stress, mit Juckreiz und Schlafstörungen informiert. Erkennung und Vermeidung von Faktoren, die einen Schub auslösen können, wurde ebenso geschult wie die tägliche Hautpflege und die Behandlung von spezifischen Symptomen. Die Auswertung nach Ende der Schulung ergab, dass nicht nur die Kinder gelernt haben, den charakteristischen Juckreiz besser zu beherrschen und damit die Kratz-Attacken zu verringern, sondern auch die Lebensqualität der Eltern hatte sich erhöht.

ck

Tab. 1: Spezifische Wirkstoffe für die topische Anwendung bei leichter bis mittelschwerer Neurodermitis
Wirkstoff
Einsatz
Polidocanol
Juckreiz dämpfend
synthetische Gerbstoffe (z. B. Tannin)
nässende Ekzeme, intertriginös
Antiseptica (z. B. Eosin, Triclosan)
nässende, superinfizierte Ekzeme
Antibiotika
lokale Superinfektion
Antimykotika
lokale Superinfektion
Salicylsäure
Hyperkeratose
Tab. 2: Unterschiede zwischen den Calcineurininhibitoren
Pimecrolimus (Elidel®)
Tacrolimus (Protopic®)
Wirksamkeit
schwächer
stärker
Sicherheit
weniger Resorption
mehr Resorption
lokale
Verträglichkeit
bei ausgeprägter Inflammation besser, da es als Creme vorliegt
initial bei Erythem verstärktes Brennen, da es als Salbe vorliegt
"Wer behauptet, er kann die Neurodermitis heilen, der lügt. "

Priv.-Doz. Dr. Doris Staab
Priv.-Doz. Dr. Doris Staab

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