Aus Kammern und Verbänden

Traditionelle Chinesische Medizin schafft sich rationale Basis

Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) erfreut sich in der westlichen Welt zunehmender Beliebtheit. Parallel dazu wird weltweit die Grundlagenforschung zur TCM, insbesondere die Analytik, Chemie, Pharmakologie und Klinik der spezifischen Arzneidrogen und ihrer Zubereitungen, intensiviert. Allein in den USA geht ein Drittel der erheblichen Forschungsgelder, die die National Institutes of Health (NIH) für die komplementäre Medizin bereitstellen, in die TCM-Forschung. 14000 TCM-Kliniken praktizieren in der westlichen Welt (die meisten in den USA, Kanada, Australien und Großbritannien) und beteiligen sich an klinischen Studien.

Die TCM kennt etwa 5000 arzneilich verwendete Pflanzen, von denen erst "die Spitze des Eisberges" nach westlichen Maßstäben erforscht ist. Trotz dieses Mangels sind sich die Experten einig, dass es sich bei den Heilwirkungen der TCM nicht nur um Plazeboeffekte handelt.

Drehscheibe Hongkong

Hongkong ist heute die Drehscheibe des chinesischen Drogenhandels; 10000 t Arzneipflanzenmaterial gehen von hier jährlich in alle Welt. In Hongkong wurde angeregt, dass auch in China die inzwischen weltweit akzeptierten Regularien im Drogenhandel Eingang finden. Inwieweit die Good Agricultural, Good Manufacturing oder Good Laboratory Practices in China befolgt und eingehalten werden, ist fraglich, doch haben sich die Verhältnisse gerade in den letzten Jahren gebessert. Nachdem tödliche Pflanzenverwechslungen in den USA und Belgien vorgekommen waren, fordern verantwortungsbewusste Importeure Identitätsnachweise und eine lückenlose Dokumentation, mit der sich die Droge bis an den Ursprungsort zurückverfolgen lässt.

Identifizierung oft problematisch

Die vielen verschiedenen Sprachen und Dialekte im großen China begünstigen die Drogenverwechslungen. Besonders fatal war die Verwechslung mit aristolochiasäurehaltigen Drogen, die in England bereits zu den medizinischen Termini "Aristolochic acid nephropathy" oder "Chinese herb nephrology" führte, nicht gerade zur Freude von TCM-Anhängern. Es wurden auch tödliche Vergiftungen durch Drogenverwechslungen mit Datura-Arten oder durch ungenügend vorbehandelte Aconitum-Wurzeln registriert.

In einem groß angelegten Forschungsprojekt wird in Kew Gardens die weltweit größte Musterbank chinesischer Drogen angelegt, die die exakte Identifizierung der Handelsware sichern soll. 1700 Specimina, jeweils aus sechs Provenienzen, sind bereits mit allen analytischen Raffinessen (MS-gekoppelte chromatographische Methoden, DNA-Sequenzierung u.a.) katalogisiert und abrufbar. Am Wiener Institut für Pharmakognosie (Prof. R. Länger) erarbeitete man für bestimmte Drogen der Chinesischen Pharmakopöe, die immer wieder mit aristolochiasäurehaltigen Arten verwechselt werden, neue mikroskopische Differenzierungsmethoden.

Mehr Fachwissen nötig

Da die TCM nicht nur von Experten praktiziert wird, chinesische Drogen auf langen Wegen durch viele unsachgemäßen Hände gehen und aus Profitgier viele schlechte und verfälschte chinesische Medikamente auf den Markt kommen, ist die TCM als "unsicher" und "giftig" in Verruf gekommen. Verunreinigungen durch Pestizide, Schwermetalle oder Aflatoxine können bei Langzeitbehandlungen Schäden hervorrufen. Zudem sind auch bei einwandfreien Präparaten Überempfindlichkeitsreaktionen oder Wechselwirkungen mit westlichen Medikamenten (z.B. mit Warfarin oder Steroiden) möglich.

Bei sachgemäßer und gewissenhafter Handhabung auf allen Ebenen weist die TCM dieselbe Sicherheit auf wie die westliche Medizin, denn auch in chinesischen Schriften steht bereits: Die Dosis macht das Gift. Qualitätskontrolle, geschulter und verlässlicher Drogenhandel und mehr Information für Therapeuten und Patienten könnten eventuelle Risiken wieder auf ein Mindestmaß zurückschrauben.

Aufarbeitung nach westlichen Standards

Gerade weil die TCM auf eine tausend Jahre alte, gut dokumentierte Erfahrung und auf einen logischen und rationalen gedanklichen Überbau schauen kann und sich besonders bei chronischen Krankheiten bewährt, wo die westliche Medizin oft versagt, erfreut sie sich auch im Westen so großer Beliebtheit. Dennoch sollte sie hier an westlichen Standards gemessen werden, was mehr klinische Studien und Daten zu Sicherheit und Wirkung erforderlich macht.

1318 chinesischen Pflanzen werden, oft in blumiger Sprache, antirheumatische und antiinflammatorische Wirkungen zugeschrieben; bei vielen konnten die Wirkungen in entsprechenden Testmodellen (Cyclooxygenase- und Lipoxygenase-Hemmung) bestätigt werden, wobei ganz neuartige Wirkstrukturen aufgedeckt wurden. Wie bei anderen Phytopharmaka auch zeigen die isolierten Wirkstoffe sehr oft eine geringere Wirksamkeit als ein Gesamtextrakt, was auf Synergismen vieler Einzelstoffe beruht. Andererseits beobacht man immer wieder, dass In-vitro-Wirkungen nicht in vivo bestätigt werden.

Ob viele chinesische Fertigpräparate den neuen EU-Gesetzesanforderungen standhalten können, wird von Behördenvertretern angezweifelt. Das liegt auch daran, dass viele Studien aus China mangels Qualität oder wegen sprachlicher Unklarheiten nicht zur Qualifizierung herangezogen werden können.

Quelle

Prof. Kelvin Chan, Hong Kong Baptist University; Prof. Paul But, Chinese University of Hong Kong; Prof. Rudolf Bauer, Universität Graz: Symposium "Traditional Chinese Medicines" am 11. und 12. Juni 2004 in Kew Gardens, London, veranstaltet von Royal Pharmaceutical Society, Academy of Pharmaceutical Sciences, Gesellschaft für Arzneipflanzenforschung (GA) und Internationale Gesellschaft für Ethnopharmakologie.

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