Feuilleton

Arzneitherapie nach den fünf Wandlungsphasen

Chinesische Medizin im Grassi Museum Leipzig

Ein Arzneischrank mit Pharmaka der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) zählt zu den herausragenden Exponaten des Grassi Museums für Völkerkunde in Leipzig. Er gibt den Besuchern eine Vorstellung von der TCM und ihrer Geschichte.
TCM-Präparate im Grassi Museum, Leipzig.Foto: Wylegalla

Der Daoismus, der Konfuzianismus und der Buddhismus ergänzen einander als die drei großen Lehren Chinas, die die Politik und Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft und andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens prägen. Der Daoismus spielt dabei eine große Rolle als Naturphilosophie; er bestimmt die chinesischen Vorstellungen von Gesundheit, Krankheit und Heilung, bildet also auch die Grundlage der TCM und der Diätetik.

 

Medizin auf der Grundlage einer Naturphilosophie

Nach der daoistischen Philosophie wirkt die Vitalenergie qi auf die fünf Wandlungsphasen (auch: Elemente) Holz, Feuer, Metall, Wasser und Erde ein und verursacht dadurch den permanenten Zyklus von Werden, Wandlung und Vergehen. Zugleich gewährleistet der Fluss des qi das Wirken der gegensätzlichen und zugleich komplementären Prinzipien yin und yang. Dabei ist yin die Ordnungskraft (außerdem charakterisiert durch die Eigenschaften kalt, schwach, dunkel) und yang die dynamische Kraft (warm, stark, hell).

Den fünf Elementen sind im menschlichen Organismus fünf Funktionskreise (lat. orbis) zugeordnet, die nach den fünf Hauptorganen benannt sind; es gehören zusammen: Holz und Leber, Feuer und Herz, Metall und Lunge, Wasser und Nieren, Erde und Milz. Auch die Lebens- und Arzneimittel werden jeweils einem der fünf Elemente und den Prinzipien yin und yang zugeordnet und dadurch charakterisiert.

Geraten die Energieflüsse und Wandlungen im Organismus aus dem Lot, wird der Mensch krank. Um die Krankheitsursache zu erkennen, befragt der Arzt den Patienten gründlich nach seinen Lebens- und Ernährungsgewohnheiten und seiner Befindlichkeit. Er begutachtet die Augen, die Zunge und die Gesichtsfarbe des Patienten, beurteilt die Ausscheidungen und untersucht den Puls, um Rückschlüsse auf die Beschaffenheit der qi-Leitbahnen zu ziehen.


Einige TCM-Drogen


Ginseng (Panax ginseng) reguliert die Körperflüssigkeiten und wird zur allgemeinen Stärkung und Beruhigung der Nerven sowie gegen Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Reizhusten, Schweißausbrüche, Herzrasen, Schwindel, Vergesslichkeit, Kopfschmerzen, Impotenz, Harndrang, Diabetes und Blutungen verordnet.

Rhabarber (Rheum rhabarbarum) verdünnt das Blut ("Entschlackung") und entzieht dem Körper Hitze. Er dient der Behandlung von Durchfall, Verstopfung, schmerzhaftem Stuhlgang, Fieber, Erbrechen von Blut, Nasenbluten, Ödemen und akuten Verbrennungen.

Seepferdchen (Hippocampus spp.) gelten in der TCM als Universalheilmittel; sie werden bei Impotenz, Magenbeschwerden, Atemwegserkrankungen, Arteriosklerose und vielen anderen Leiden empfohlen. Auch in Deutschland wurden sie bis ins 18. Jahrhundert arzneilich verwendet.

N.B.: Die deutschen TCM-Gesellschaften sprechen sich gegen die Verwendung geschützter Arten des Tier- und des Pflanzenreichs aus, und deutsche Apotheken führen nur TCM-Arzneimittel, die keine Bestandteile geschützter Arten enthalten.


Bei der Regulierung des qi spielt der Patient eine aktive Rolle, während der Arzt vor allem eine anleitende Funktion hat. Die Therapie ist ein Prozess, dessen Ziel es ist, die Wurzel der Krankheit zu beseitigen; so heilt der Arzt den Patienten, anstatt nur seine Symptome zu kurieren.

Ein wichtiger Bestandteil der Gesunderhaltung und Therapie ist eine diätetische Ernährung nach der Fünf-Elemente-Lehre, um überflüssiges yin oder yang abzuleiten bzw. die mangelnde Kraft zuzuführen und die Polarität der beiden Prinzipien wiederherzustellen. Eine ebenfalls auf dieser Grundlage zusammengestellte Medikation mit pflanzlichen, tierischen oder mineralischen Drogen soll den Heilungsprozess unterstützen.

Auch manuelle Methoden wie die Akupunktur (Lösung von Blockaden in den fünf Funktionskreisen), die Akupressur (Fingerdruckmassage bestimmter Akupunkturpunkte und -meridiane) sowie die Moxibustion (Verbrennung von Kegeln aus getrockneten Beifußblättern an Akupunktur- und Akupressurpunkten), Schröpfungen und Qigong-Übungen werden angewandt.


Die Chinesische Nasenotter (Deinagkistrodon acutus) hat in der TCM die Eigenschaften süß, salzig, warm und giftig und ist der Leber zugeordnet. Sie wurde u. a. bei Erkältungen mit rheumatischen Beschwerden, Spasmen, Lähmungen und Hemiplegie nach einem Infarkt sowie Skrofulose verordnet. Das Gift wirkt proteolytisch und wurde in der westlichen Medizin als Mittel gegen Krebs und zur Thrombolyse nach Infarkt untersucht – jedoch ohne positive Ergebnisse.

Tradition: 2000 Jahre plus …

Dass die TCM eine fast 5000-jährige Geschichte hat, ist ein Mythos aus der sagenhaften Frühgeschichte Chinas. Demnach soll der "Kaiser" und Kulturheros Shen Nong ("Göttlicher Bauer", † 2675 v. Chr.) systematisch alle Pflanzen auf ihren Nutzen geprüft und die Chinesen den Ackerbau gelehrt haben. Seine Erkenntnisse über Arzneidrogen ("Wurzeln und Kräuter", chin. ben-cao) sollen dann in einem gleichnamigen Werk niedergelegt worden sein, das aber tatsächlich erst vor etwa 2000 Jahren geschrieben sein dürfte.

Unhistorisch ist auch Shen Nongs angeblicher Nachfolger Huang Di ("Gelber Kaiser"), dem ein Buch über Medizin ("nei-jing") zugeschrieben wird. Eine Ausgabe aus dem 1. vorchristlichen Jahrhundert galt lange Zeit als ältestes medizinisches Werk Chinas.

Ein spektakulärer Fund im Jahr 1973 warf ein neues Licht auf die frühe chinesische Medizingeschichte: In einer Grabstätte östlich von Changsha (Hauptstadt der Provinz Hunan) aus der Zeit der Westlichen Han-Dynastie (2. – 1. Jh. v. Chr.) fand sich ein Seidenmanuskript mit Arzneirezepten für über hundert Krankheitsbilder, einer Abhandlung über die Bedeutung der Blutgefäße, einem Verzeichnis von 365 Arzneidrogen sowie Texten über magische Heilpraktiken.

Holzkästchen für "orange peel" oder Mandarinenschale (Citri reticulatae pericarpium, chin. chen-pi). Laut TCM fördert sie die Verdauung, beseitigt Blähungen und Völlegefühl in Brust und Bauch, wirkt schleimlösend und auswurffördernd. Fotos: Wylegalla

Im Verlauf der Jahrhunderte importierte China über die Seidenstraße und auf den Seewegen immer wieder neue Arzneimittel aus anderen Kulturen – das von den Kaisern heiß ersehnte Kraut der Unsterblichkeit war jedoch nicht dabei. Im Gegenzug breitete sich mit der chinesischen Kultur auch das Wissen um chinesische Heilverfahren in den Nachbarländern aus, insbesondere in Korea, Vietnam und – ab dem 7. Jh. n. Chr. – in Japan. Dort verfasste der Hofarzt Tanba no Yasuyori (912 – 995) zwischen 982 und 994 das "Ishinpô", das älteste medizinische Werk Japans. Es beruht auf chinesischen Texten aus dem 7. und 8. nachchristlichen Jahrhundert und schildert die Ursachen und den Verlauf von Krankheiten. Die chinesische Arzneitherapie ist in Japan noch heute unter dem Begriff "kanpô" bekannt.

Archäologische Funde belegen, dass man in China schon früh mechanische Hilfsmittel wie Bruchbänder kannte. Schriftstücke aus dem 10. Jahrhundert n. Chr. berichten sogar über Variolationen, d. h. Schutzimpfungen mit dem Sekret von Pockenkranken.

In Europa wurde die chinesische Heilkunde erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ansatzweise bekannt. Der polnische Jesuit Michael Boym (1612 – 1659), der als Diplomat in China wirkte, beschrieb in seiner "Flora Sinensis" (Wien 1656) auch einige chinesische Arzneipflanzen. Über manuelle Behandlungsmethoden wie die Akupunktur und das Pulsmessen berichtet Boym in der "Clavis medica ad Chinarum doctrinam de pulsibus". Auch andere Ostasien-Reisende wie der Arzt Andreas Cleyer (1634 – 1698, "Specimen medicinae Sinicae sive Opuscula medica ad mentem Sinensium", Frankfurt 1682) publizierten über die Heilverfahren Chinas; sie missdeuteten die Akupunktur jedoch meistens als chirurgisches Verfahren.

Nach den Opiumkriegen (1839 – 1842 und 1856 – 1860) konnte China seine selbstgewählte Isolation nicht länger aufrecht erhalten und geriet in die politische und wirtschaftliche Abhängigkeit der damaligen Weltmächte. Dabei lernten die Chinesen auch die westliche Heilkunst kennen und schätzen, die sich neben der TCM etablierte.

Barfußärzte – TCM für die Armen

In der Volksrepublik China erlebte die TCM ab Mitte der 1960er Jahre eine Aufwertung, als der 1. Vorsitzende Mao Zedong (1893 – 1976) sogenannte Barfußärzte ausbilden ließ, die neben dem Grundwissen der westlichen Medizin vor allem die TCM erlernten und, von Dorf zu Dorf ziehend, mit einfachen Mitteln die medizinische Versorgung der ländlichen Bevölkerung verbessern sollten.

Auch heute gibt es in China ein Mit- und Nebeneinander von westlicher Medizin und TCM, allerdings ist die TCM an den Universitäten nur schwach vertreten. <


Museum


Grassi Museum für Völkerkunde

Johannisplatz 5 – 11, 04103 Leipzig

Tel. (03 41) 9 73 19 00, Fax 9 73 19 09

www.ses-sachsen.de > Museen > Leipzig

Geöffnet: dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr


Literatur

Stöger EA. Arzneibuch der Chinesischen Medizin – Monographien des Arzneibuchs der Volksrepublik China 2000 und 2005. Mit 13. Akt.-Lfg. 2012. Stuttgart.

Hecker H-U, Englert S, Mühlhoff D. Praxis Chinesische Arzneimitteltherapie. Stuttgart 2010.

Körfers A, Sun Y. Traditionelle Chinesische Medizin – Arzneidrogen und Therapie. Stuttgart 2009.

Martin J, Stöger EA. Praxisleitfaden TCM-Drogen. Stuttgart 2008.


Reinhard Wylegalla



DAZ 2012, Nr. 38, S. 88