Berichte

Hamburg: Klinische Pharmazie – Von der Theorie zur Praxis

Was sollen Forschung und Lehre in Klinischer Pharmazie leisten? Was bedeuten die Vorgaben der novellierten Approbationsordnung für das künftige Pharmaziestudium? Was leisten die Universitäten bereits für die Klinische Pharmazie? Ų Mit diesen Fragen beschäftigte sich ein Symposium der Apothekerkammer Hamburg am 23. Juni 2001 in der Universität Hamburg. Neben den grundsätzlichen Fragen ging es dabei besonders um die Konzepte der Freien Universität Berlin und der Universität Hamburg.

In Hamburg werden die Konzeptionen für die Umsetzung des neuen Faches seit Mai 2000 durch einen Arbeitsausschuss der Apothekerkammer koordiniert. Dieser sollen allen Berufsgruppen ein Forum für den Aufbau der neuen Disziplin bieten. Der Ausschussvorsitzende Dr. Michael Baehr, Leiter der Apotheke des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, moderierte das Symposium.

Dr. Charlotte Kloft, Leiterin der Abteilung für Klinische Pharmazie der Freien Universität Berlin, stellte zunächst die Vorgaben der geänderten Approbationsordnung für das neue Fach vor und berichtete anschließend über den Stand der Umsetzung an der FU Berlin. Gemäß Definition der DPhG und der ABDA befasst sich die Klinische Pharmazie mit der Optimierung der Arzneimitteltherapie am Patienten. Kloft betonte, dass dies sowohl die ambulante als auch die stationäre Therapie betrifft und dass Apotheker bei diesem Vorgang Verantwortung übernehmen müssten.

Für die dauerhafte Anerkennung als pharmazeutisches Fach sei die Etablierung im Hochschulkontext mit Hochschullehrern und Prüfungen unverzichtbar. Neben die Grundausbildung für alle Pharmazeuten müsse die Forschung mit Promotions- und Habilitationsmöglichkeit treten.

Vorgaben der Approbationsordnung

Mit der geänderten Approbationsordnung, die im Oktober 2001 in Kraft tritt, wird die Klinische Pharmazie als fünftes pharmazeutisches Fach eingeführt. Außerdem wird künftig ein Wahlpflichtfach zum Studium gehören. Als weitere Neuerung können im Rahmen des praktischen Jahres drei Monate auf einer Krankenhausstation verbracht werden.

Das Lehrangebot in Klinischer Pharmazie soll sich in vier Veranstaltungen gliedern. In der Vorlesung "Krankheitslehre" mit 56 Stunden sollen insbesondere chronische Krankheitsbilder in Diagnose und Verlauf vorgestellt werden. Die Vorlesung und Übung "Pharmakotherapie" mit 56 Stunden soll neben zusätzlichen allgemein-pharmakologischen Inhalten die Arzneimitteltherapie krankheitsbezogen darstellen und die Besonderheiten in der Therapie einzelner Patientengruppen vermitteln.

Das Seminar "Klinische Pharmazie" (hier als einzelne Lehrveranstaltung im Rahmen des gleichnamigen Faches zu verstehen) mit 84 Stunden gliedert sich in die Themengebiete Arzneimittelinformation, klinische Studien, Dosisindividualisierung, Therapeutisches Drug Monitoring, Ernährungstherapie und Pharmazeutische Betreuung. Diese Inhalte sollen anhand von Patientenfällen vermittelt werden. Schließlich sind zur Pharmakoepidemiologie und -ökonomie eine Vorlesung und ein Seminar mit zusammen 28 Stunden vorgesehen.

Als Lehrpersonal sollen neben Professoren auch Praxis-Dozenten tätig werden, die sich in Großbritannien unter der Bezeichnung "teacher/practitioner" bewährt haben. Hinzu kommen Tutoren und Klinische Pharmazeuten aus der Praxis mit Lehraufträgen. An den Universitäten müssten Abteilungen für Klinische Pharmazie eingerichtet werden, um Lehre und Forschung zu etablieren. Mittelfristig könnten vakante Professuren ganz oder teilweise umgewidmet werden, doch sollte ein Basis-Lehrangebot möglichst sofort angeboten werden.

Angebot an der FU Berlin

An der FU Berlin leitet Kloft eine eigenständige Abteilung für Klinische Pharmazie, die von Prof. Dr. Dr. Walter Schunack als Pate aus der Pharmazeutischen Chemie betreut wird. Eine eigene Professur für die Klinische Pharmazie sei geplant.

Als Lehrveranstaltungen werden dort bisher eine Einführungsvorlesung im Rahmen der Pharmazeutischen Technologie sowie Veranstaltungen zur Krankenhauspharmazie und zur Pharmakoepidemiologie angeboten. Das inhaltsreichste Angebot ist ein siebentägiger Intensivkurs über 64 Stunden, der alle Aspekte der Klinischen Pharmazie außer der Pharmakoökonomie behandelt. Dieser Kurs wird von allen Beteiligten freiwillig durchgeführt und auch von den Studierenden freiwillig besucht, bietet aber nur 16 Plätze pro Semester.

Die klinisch-pharmazeutische Forschung bezieht ihre Fragestellungen aus der Praxis und soll praxisgerechte Ergebnisse liefern, benutzt aber wissenschaftliche Methoden. Als Beispiele nannte Kloft die Bioanalytik zur Messung von Arzneistoffkonzentrationen am Wirkort, klinische Studien und statistische Verfahren der Datenauswertung. Ziel ist zumeist eine maßgeschneiderte Arzneimitteltherapie, für die Beziehungen zwischen Dosis, Konzentration und Effekt im Zeitablauf ermittelt werden müssen.

Die Perspektive der Krankenhausapotheken...

Priv.-Doz. Dr. Irene Krämer, ADKA-Präsidentin und Chefapothekerin der Uniklinik Mainz, betonte den praktischen Nutzen der Klinischen Pharmazie. Diese sei kein Luxus, sondern Notwendigkeit aus Sicht der Patienten. Die Apotheker sollten geldwerte Inhalte liefern und begründen können, wofür sie bezahlt werden. So könne die Klinische Pharmazie helfen, die Vielzahl der Medikationsirrtümer und arzneimittelbezogenen Probleme zu reduzieren und damit Leiden und Kosten sparen.

Die Klinische Pharmazie stelle das Ende der Beliebigkeit und der Bequemlichkeit in der Arzneimitteltherapie dar. Sie sichere die systematische Anwendung pharmazeutischer Kenntnisse auf die Arzneimitteltherapie und stütze sich auf evidenzbasierte Aussagen. Außerdem würden mit der Klinischen Pharmazie arzneimittelbezogene Probleme identifiziert und gelöst.

Nach Auffassung von Krämer liegt der Schwerpunkt der Klinischen Pharmazie im Krankenhaus und dies werde auch künftig so bleiben. Denn gerade dort seien gehäuft multimorbide und schwer erkrankte Patienten anzutreffen, die eine besonders durchdachte Medikation benötigen.

... und der öffentlichen Apotheken

Dem setzte Peggy Münch, Mitarbeiterin der Adler-Apotheke Hamburg-Wandsbek, vielfältige Anwendungsmöglichkeiten der Klinischen Pharmazie in öffentlichen Apotheken entgegen. Hintergrund sei eine veränderte Betrachtungsweise der Apotheker, bei der nicht mehr das Arzneimittel, sondern der Mensch und seine Lebensqualität im Vordergrund stehe. Dies erfordere beispielsweise individuelle Beratung, die den Patienten mit den Sachinformationen nicht allein lasse, und individuelle Dosierungsstrategien. Auch für verschiedene Dienstleistungen öffentlicher Apotheken biete die Klinische Pharmazie den nötigen Hintergrund.

Im Einklang mit der Definition der Klinischen Pharmazie sei auch in der Offizin die Optimierung der Arzneimitteltherapie gefragt. Dabei schaffe die Klinische Pharmazie eine Verbindung der bisherigen pharmazeutischen Fächer und biete wissenschaftlich fundierte Möglichkeiten, deren Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Angesichts der wachsenden Informationsflut müsse die Klinische Pharmazie auch das nötige Wissensmanagement für die Arzneimittelinformation vermitteln. Außerdem sei die Kommunikation sehr wichtig. Einerseits sollte es bereits im Studium engere Kontakte mit Medizinern geben, um eine gemeinsame Sprache zu finden, andererseits müsse auch die Kommunikation mit Patienten gelernt werden.

Parallelen zu Klinischen Pharmakologie

Einen bemerkenswerten Einblick in die Sichtweise der Mediziner vermittelte Prof. Dr. Rainer Böger, Institut für experimentelle und klinische Pharmakologie und Toxikologie der Universität Hamburg. Er verglich die Klinische Pharmazie mit der Klinischen Pharmakologie der Mediziner. Beide Fächer streben an, die Arzneimitteltherapie der Patienten in der Praxis zu verbessern und stützen sich auf Forschungsergebnisse aus realen Versorgungssituationen. Neben dem gleichen Ziel und sehr ähnlichen Inhalten verbindet die beiden Fächer eine vergleichbare Geschichte. Die Klinische Pharmakologie wird seit etwa zehn Jahren als Facharztausbildung angeboten und ist als kleines Fach noch keineswegs an allen medizinischen Hochschulstandorten vertreten. Sie gehört noch nicht zur Medizinerausbildung, soll aber demnächst in der Approbationsordnung verankert werden.

Die Klinische Pharmakologie soll anwendungsorientiert und zielgruppenspezifisch den Nutzen und das Risiko der Arzneimitteltherapie untersuchen und letztlich zu einer individualisierten Arzneimitteltherapie führen. Böger sieht derzeit einen großen Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit der medikamentösen Therapie. Nach seinen Studien werden anerkannte und evidenzbasierte Konzepte beispielsweise in der Therapie der koronaren Herzerkrankung nur unzureichend in der Praxis genutzt. Dies gelte sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich. Entsprechendes gelte für die Beachtung von Wechselwirkungen und Besonderheiten einzelner Patientengruppen. So gebe es ein reichhaltiges Aufgabenfeld für die Klinische Pharmakologie und die Klinische Pharmazie. Damit biete sich eine Partnerschaft der beiden Fächer an.

Angebot und Pläne der Universität Hamburg

Dr. Andreas Link, Pharmazeutisches Institut der Universität Hamburg, beschrieb den Entwicklungsstand der Klinischen Pharmazie in Hamburg. Die Universität bietet seit dem Wintersemester 2000/2001 ein freiwilliges Seminar "Clinical Pharmacy" an, das sich weitgehend auf externe Referenten stützt, die ohne Honorar arbeiten. Hinzu kommen ein eintägiger pharmakologisch-toxikologischer Demonstrationskurs am Uni-Klinikum Eppendorf und die Teilnahme an der dortigen therapeutischen Konferenz der Medizinstudenten. Zudem werden in Lehrveranstaltungen der Pharmazeutischen Chemie nach Möglichkeit patientenorientierte Fragestellungen einbezogen. Wie zuvor Kloft betonte auch Link, wie wichtig ein wissenschaftliches Fundament der Klinischen Pharmazie für ihre Anerkennung ist. Dazu gehörten Promotionen und Forschungsaufenthalte im Ausland.

Am Beispiel Hamburgs demonstrierte Link, dass die Umwidmung bestehender Professuren für kleine Pharmaziestandorte nicht praktikabel ist. Doch hoffe das Institut, eine neue W1-Juniorprofessur nach neuem Hochschulrecht für die Klinische Pharmazie schaffen zu können. Daneben wird ein externer Lehrauftrag für Pharmakoökonomie angestrebt.

Theorie und Praxis verbinden

In der weiteren Diskussion wurde insbesondere der Praxisbezug des neuen Faches thematisiert. Mediziner und Krankenhausapotheker forderten einen engen Kontakt zur Klinik und den Patienten; dafür sollten Dozenten parallel in der Lehre und als Krankenhausapotheker arbeiten. Andere Stimmen forderten, auch die öffentlichen Apotheken und die ambulanten Patienten zu berücksichtigen.

Die wissenschaftliche Forschung in dem neuen pharmazeutischen Fach solle an den pharmazeutischen Instituten stattfinden. Zur Zukunft in Hamburg stellte Prof. Dr. Jobst B. Mielck, stellvertretender Direktor des Instituts für Pharmazie der Universität Hamburg, klar, dass nur der Fachbereich die angestrebte Juniorprofessur schaffen könne und diese Stelle dann selbstverständlich nur am pharmazeutischen Institut angesiedelt werden könne.

Für die praktischen Aspekte verwiesen verschiedene Diskussionsteilnehmer auf den dritten Ausbildungsabschnitt. Auch hier sollten Inhalte der Klinischen Pharmazie vermittelt werden, insbesondere die praxisorientierte Kommunikation mit Patienten, die im wissenschaftlichen Studium schwer unterzubringen sei. Eine weitere Möglichkeit biete das Praktikum auf Station, doch sei dies nur sinnvoll, wenn die Praktikanten von Apothekern angeleitet werden, die mit ihnen gemeinsam auf der Station tätig sind. Dafür ergeben sich zwangsläufig nur sehr begrenzte Kapazitäten.

Daneben wurden die finanziellen Probleme bei der Etablierung des neuen Faches diskutiert. Dabei wurde auch an die Standesorganisationen appelliert, die Universitäten insbesondere bei der erforderlichen Ausrüstung zu unterstützen. tmb

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.