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Klinische Pharmazie als eigenes Prüfungsfach?

TÜBINGEN (daz). Nach der neuen Approbationsordnung für Apotheker ist vorgesehen, klinisch pharmazeutische Lehrinhalte in das Studium einzuführen und diese in einer eigenen Prüfung auch abzuprüfen. Wir sprachen hierüber mit Prof. Dr. H. P. T. Ammon, Altpräsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft (DPhG) und Mitglied der Arbeitsgruppe Apothekerausbildung zur Änderung der Approbationsordnung für Apotheker am Bundesgesundheitsministerium.

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Herr Professor Ammon, was bringt die neue Approbationsordnung an Lehrinhalten in der medizinischen Fächergruppe gegenüber der Approbationsordnung von 1989?

Ammon:

Zunächst einmal sollten Lehrinhalte über die Grundlagen der Anatomie und Physiologie durch eine erhöhte Stundenzahl vertieft und in den ersten Prüfungsabschnitt verlegt werden, um rechtzeitig bessere Voraussetzungen für weitere Lehrveranstaltungen medizinischen Charakters zu schaffen. Wir haben weiter eine verstärkte Ausbildung in Pathophysiologie/Pathobiochemie in Form einer Vorlesung sowie neu eine Vorlesung über Krankheitslehre. Zusätzlich zu der bisherigen Vorlesung Pharmakologie und Toxikologie kommt eine Vorlesung über Pharmakotherapie wichtiger Erkrankungen sowie ein Seminar über Toxikologie der Hilfs- und Schadstoffe. Es bleiben weiterhin der pharmakologisch/toxikologische Demonstrationskurs sowie Vorlesungen über Ernährungslehre beim Gesunden und beim Kranken. Neu ist jetzt auch ein Seminar für klinische Pharmazie, dessen Lehrinhalte genau definiert sind, sowie eine Lehrveranstaltung Pharmakoepidemiologie und Pharmakoökonomie. Der Gesamtanteil der Fächergruppe Medizin (IV) erhöht sich von derzeit ca. 12 % nach der alten Approbationsordnung auf jetzt etwa 20%.

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Wie sehen Sie die Durchführung der Lehre? Welche Personen sollen sie durchführen?

Ammon:

Es ist klar, dass die medizinisch geprägten Lehrinhalte und Lehrveranstaltungen in die Hand des Pharmakologen gehören, der dafür zu sorgen hat, dass sie entweder durch ihn selbst oder durch medizinisch-akademisch wissenschaftlich ausgewiesenes Personal getragen werden.

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Welche Veranstaltungen meinen Sie damit?

Ammon:

Es sind quasi die anatomisch/physiologischen Grundlagen, die Pathophysiologie/ Pathobiochemie, Ernährungslehre, Krankheitslehre, Pharmakotherapie sowie natürlich die typisch pharmakologischen Lehrveranstaltungen.

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Sind denn dafür an allen deutschen pharmazeutischen Fakultäten und Instituten die Voraussetzungen vorhanden?

Ammon:

Dies ist leider nicht überall der Fall. Es gibt Institute, die über eine C4-Professur für Pharmakologie verfügen, Institute, bei denen die Pharmakologie durch eine C3-Professur vertreten wird, und Institute, bei denen die genannten Lehrveranstaltungen importiert werden.

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Angesichts des neueren Umfangs an Lehrinhalten der medizinischen Fächergruppe - ist diese Situation da nicht unbefriedigend?

Ammon:

Da stimme ich Ihnen zu. Ich glaube wir müssen jetzt ernsthaft daran gehen, an den Instituten und Fakultäten, bei denen die Pharmakologie nicht durch eine C4-Professur vertreten ist, dieses schleunigst nachzuholen. Ich habe dies immer wieder öffentlich gefordert. Von seiner fachlichen Qualifikation ist da nur ein wissenschaftlich ausgewiesener Pharmakologe in der Lage, für eine wissenschaftlich fundierte Durchführung der genannten Lehrveranstaltungen zu sorgen.

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Herr Professor Ammon, ist es richtig, dass Sie sich in der Bonner Kommission sehr für die klinische Pharmazie eingesetzt haben?

Ammon:

Das ist richtig und nicht nur dort, ich habe auch innerhalb der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft eine Arbeitsgemeinschaft "Klinische Pharmazie" ins Leben gerufen, die sich insbesondere damit beschäftigen sollte, ihre Inhalte, wie sie an die Universität, auch nach der neuen AO, gebracht werden, zu definieren.

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Was verstehen Sie eigentlich unter "Klinischer Pharmazie"? Inwieweit gehört die Krankenhauspharmazie dazu?

Ammon:

Krankenhauspharmazie ist sicher ein Teil davon, aber der Begriff "Klinische Pharmazie" geht an dem vorbei, was wir letztlich bezwecken wollen. Bezwecken wollen wir nämlich das, was man auch unter "patientenorientierter Pharmazie" verstehen kann. Und hier steht die Offizinapotheke im Vordergrund, die ja den Großteil de pharmazeutischen Betreuung des Patienten zu leisten hat.

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Könnten Sie hier noch ein wenig konkreter werden?

Ammon:

Ich verstehe darunter, dass der Pharmazeut ein Medikament nicht nur einfach an den Patienten weiter leitet, sei es in der Klinik, sei es in der Apotheke, sondern dass er diese Weiterleitung mit seinem Fachwissen begleitet, um eine rationelle, effektive und sichere Anwendung zu gewährleisten und um Schäden durch Neben- und Wechselwirkungen vom Patienten fern zu halten. Um dies zu erreichen, gibt es viele Maßnahmen, die spezifisch pharmazeutischer Natur sind und nicht in die ärztliche Kompetenz eingreifen. Geübt werden muss m. E. die Umsetzung der theoretisch erworbenen Kenntnisse in der Praxis an Hand von Fallbeispielen, oder - in anderen Worten - wie der Apotheker im Einzelfall seine Kompetenz in der pharmazeutischen Betreuung zum Ausdruck bringen muss.

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Wie ist denn nun die klinische Pharmazie letztlich in der Ausbildung vertreten?

Ammon:

Ich sagte schon, sie ist vertreten durch ein 78-stündiges Seminar, dessen Lehrinhalte in der Approbationsordnung festgehalten sind und die letztlich die anderen Veranstaltungen der Fächergruppe Medizin/Pharmakologie zur Voraussetzung haben. Pharmakoepidemiologie und Pharmakoökonomie gehören ebenfalls dazu. Neu an der Approbationsordnung sind auch die so genannten Wahlpflichtfächer in Höhe von 104 Stunden, bei denen jeder Student sich aussuchen kann, ob er mehr im Bereich der Chemie, der Technologie, der Biologie oder im medizinisch/pharmakologisch, klinisch/pharmazeutischen Bereich seine Akzente setzen möchte. Gerade hier sehe ich auch die Möglichkeit, medizinisch/klinisch pharmazeutische Aspekte patientenorientiert noch weiter zu vertiefen.

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Es ist bekanntlich ein eigenständiges Prüfungsfach "Klinische Pharmazie" vorgesehen. Was halten Sie davon?

Ammon:

Ich habe wiederholt betont, dass klinisch-pharmazeutische Inhalte im Staatsexamen abgeprüft werden müssen. Wenn man sich jedoch den Umfang klinisch-pharmazeutischer Lehrinhalte anschaut, so beträgt dieser einen wesentlich kleineren Anteil als der Lehrinhalt, der sich aus den medizinrelevanten Lehrveranstaltungen bis hin zur Krankheitslehre und Pharmakotherapie ergibt. Meines Erachtens gibt dies schon quantitativ kein eigenständiges pharmazeutisches Prüfungsfach im klassischen Sinn her.

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Sehen Sie eine Konkurrenz zwischen dem pharmakologischen Prüfungsstoff und dem Prüfungsstoff in klinischer Pharmazie?

Ammon:

Nein, den sehe ich nicht. Wenn man sich den Prüfungsstoffkatalog ansieht, dann geht klar daraus hervor, dass die Lehrinhalte patientenorientiert, also anwendungsorientiert sind. Wenn es dort heißt "spezielle Pharmakotherapie", so kann sich diese nur auf die jeweilige Einzelsituation beziehen, nämlich auf den einzelnen Kranken, allerdings unter der Berücksichtigung, ob vielleicht eine Schwangerschaft, eine Stillzeit oder bestimmte Erkrankungen vorliegen, ob es sich um einen geriatrischen Patienten handelt, um einen Patienten mit Multimorbidität, ob es sich um Kinder handelt. Diesen Dingen muss die patientenorientierte Pharmazie jeweils speziell Rechnung tragen. Dagegen ist der Prüfungsstoff für das Fach Pharmakologie und Toxikologie ausdrücklich auf die pathophysiologischen und pathobiochemischen Veränderungen an Organen und Organsystemen orientiert, befasst sich mit Epidemiologie, Entstehung, Symptomatik, Verlauf Prognose, Prävention von wichtigen Krankheiten einschließlich solcher, die der Selbstmedikation zugänglich sind. Sie befasst sich weiter mit der Beurteilung von klinischen Messergebnissen, Ernährungsmaßnahmen bei wichtigen Erkrankungen. Dies alles vorausgesetzt schafft zunächst die Grundlagen für die eigentlichen pharmakologischen Eigenschaften von Arzneistoffen sowie ihren unerwünschten Wirkungen. In diesem Zusammenhang ist auch das Abprüfen allgemeiner Pharmakotherapie bei wichtigen Erkrankungen wichtig einschließlich solcher, die der Selbstmedikation zugänglich sind. Eingeschlossen sind auch Methoden zur Ermittlung von pharmakologischen/toxikologischen Wirkungen sowie Methoden der klinischen Prüfung und biometrischen Methoden.

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Hat die klinische Pharmazie auch noch andere Prüfungsinhalte?

Ammon:

Ja, es handelt sich hier im wesentlichen um Nutzen- und Risikobewertung einer Arzneimitteltherapie, die jeweilig geeignete Darreichungsform, das drug-monitoring, die Herstellung bestimmter Medizinalprodukte im Einzelfall, den Bezug zwischen Pharmakodynamik und Pharmakokinetik, epidemiologische Fragen und ökonomische Fragen, um einige wichtige zu nennen. Die Hauptlast der Ausbildung sowie beim Prüfungsstoff liegt also nach wie vor in der Kompetenz der Pharmakologie.

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Gibt es denn schon genügend wissenschaftlich ausgewiesenes Personal, das die klinische Pharmazie akademisch vertreten könnte?

Ammon:

Dies ist derzeit nicht der Fall. Es sind einige Ansätze vorhanden, durch Einführung von C3-Professuren an einigen deutschen Universitäten dieses Fach zu etablieren, was sehr zu begrüßen ist. Um als klassisches Fach in Zukunft zu gelten, müssen sich natürlich erst konkrete Inhalte definieren, und vor allen Dingen muss das Fach eine eigenständige wissenschaftliche Qualität nachweisen, wie man sie auch von anderen klassischen pharmazeutischen Fächern verlangt. Um es anders zu formulieren, es geht derzeit nicht an, dass ein solches Fach eigenständig von wissenschaftlich nicht qualifizieren Personen (im Sinne einer wissenschaftlichen Hochschulqualifikation) abgeprüft wird.

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Wer soll also prüfen?

Ammon:

Nach meiner Auffassung sollte das Abprüfen klinisch/pharmazeutischer Inhalte in die Prüfung Pharmakologie/ Toxikologie integriert werden, wobei es durchaus möglich ist, dass neben den Prüfungsinhalten, die vom Pharmakologen zu vertreten sind, Fragen aus dem Gebiet der klinischen Pharmazie gestellt werden.

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Sie sind also gegen ein eigenständiges Prüfungsfach "Klinische Pharmazie"?

Ammon:

Im Moment schon, da ich zur Zeit die personellen und wissenschaftlichen Voraussetzungen nicht sehe. Wir müssen sehr aufpassen, dass die Pharmazie, wenn ein wichtiger Teil ihres Lehrprogramms durch nicht-wissenschaftliches Personal abgehandelt bzw. geprüft wird, möglicherweise gewissen Gefahren entgegensieht.

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Wie würden Sie die Dinge langfristig sehen?

Ammon:

Langfristig würde ich meinen, dass man in einem gesunden Wachstum an jedem Institut die Klinische Pharmazie auf hohem wissenschaftlichem Niveau etablieren sollte, wobei die Kompetenzen gegenüber der Medizin/Pharmakologie abzugrenzen sind. Dies setzt allerdings voraus, dass man erst einmal an allen Instituten eine eigene, gut funktionierende Pharmakologie hat.

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Was halten Sie von der Beteiligung anderer pharmazeutischer Fächer an der Durchführung von Lehrinhalten klinischer Pharmazie?

Ammon:

Dies hängt von den lokalen Gegebenheiten und auch von den Personen ab, die zur Verfügung stehen. Für Einzelelemente der klinisch pharmazeutischen Lehrinhalte kann ich mir durchaus auch die Beteiligung anderer pharmazeutischer Fächer vorstellen.

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Was meinen Sie damit?

Ammon:

Z. B. analytische Techniken, Techniken der Biopharmazie, Pharmakokinetik, Bioverfügbarkeit der Herstellung bestimmter Arzneiformen und deren Überwachung und wie gesagt, dies hängt von den lokalen Gegebenheiten ab. Allerdings bin ich der Meinung, dass die Pharmazie in Zukunft keine Lehrimporte aus der Pharmakologie der medizinischen Fakultät in Anspruch nehmen sollte, sondern die Dinge selbst mit Hilfe einer eigenen Pharmakologie organisiert, da den medizinisch orientierten Pharmakologen die mehr pharmazeutische Betrachtungsweise des Arzneimittels, aber auch die vorhandenen Voraussetzungen, weniger geläufig sind.

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Herr Professor Ammon, wir danken für dieses Gespräch!

Nach der neuen Approbationsordnung für Apotheker ist vorgesehen, klinisch pharmazeutische Lehrinhalte in das Studium einzuführen und diese in einer eigenen Prüfung auch abzuprüfen. Wir sprachen hierüber mit Prof. Dr. H.P.T. Ammon, Altpräsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft und Mitglied der Arbeitsgruppe Apothekerausbildung zur Änderung der Approbationsordnung für Apotheker am Bundesgesundheitsministerium. Seine Forderung: Klinische Pharmazie erst dann als eigenes Prüfungsfach, wenn wissenschaftliche und personelle Voraussetzungen stimmen. 

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