Infektionskrankheiten

H. FeldmeierAufschub für die Pocken

Die 191 Mitgliedstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben Mitte Mai 1999 eine Resolution verabschiedet, die die Vernichtung der letzten Vorräte an Pockenviren auf das Jahr 2002 verschiebt (ursprünglich war der 30. Juni 1999 vorgesehen). Begründet wurde dies mit der Notwendigkeit, die Struktur des Virus weiter zu erforschen.

Unter Virologen und Gesundheitsbeamten wurde in den letzten Jahren kaum eine Frage so kontrovers diskutiert wie das Für und Wider der Elimination der Pockenviren. Ist für die einen das endgültige Aus der Viren in einem trivialen Sterilisator ein Grund zum Jubeln, so halten andere diesen unwiderruflichen Schritt für eine große Dummheit.

Seuche des Mittelalters

Wie keine andere Infektionskrankheit haben die Pocken Seuchengeschichte geschrieben. Im Mittelalter gingen in den typischen "Pockenjahren" 10 % aller Todesfälle auf das Konto dieser Geißel. Bei Epidemien musste jeder fünfte Pockenkranke die Variola mit dem Leben bezahlen. Aber auch die Überlebenden waren häufig bis an ihr Lebensende gezeichnet: 65 bis 80% behielten die unverwechselbare pockennarbige Haut, die häufig einer sozialen Stigmatisierung gleichkam. Oder sie waren auf beiden Augen blind und damit zu einem lebenslangen Almosenempfänger degradiert.

Routinemäßige Impfung rettet Leben

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts, als ein zuverlässiger Pockenimpfstoff erstmals routinemäßig eingesetzt wurde, war etwa ein Zehntel der Menschheit den Pocken zum Opfer gefallen, durch die Krankheit auf Dauer verunstaltet oder durch doppelseitige Blindheit invalide. Noch 1950 starben in Indien etwa eine Million Menschen an der Virusinfektion. Und selbst 1967, zu Beginn der internationalen Ausrottungskampagne, waren immerhin 60% der Weltbevölkerung dauernd von der "Variola" bedroht. Kein Wunder also, dass sich die in der WHO vertretenen Nationen rasch einig waren, dass diese Geißel der Menschheit mit vereinten Kräften ausgerottet werden müsste. Die Chancen dafür standen dank der biologischen Besonderheiten des Pockenvirus nicht schlecht.

Das Virus kann sich nur im Menschen vermehren

Das Variolavirus kann sich nur im Menschen vermehren. Ein Tierreservoir, von dem aus Menschen reinfiziert werden könnten (wie beispielsweise bei der Pest), gibt es nicht. Und schließlich stand seit langem ein ausgezeichneter Impfstoff zur Verfügung (basierend auf Kuhpockenvakzine, die Edward Jenner 1796 entwickelt hatte), der einen zuverlässigen, langdauernden Impfschutz garantierte.

Erfolgsstory der Präventivmedizin

Die Geschichte des Kampfes gegen die Pocken wurde dann auch zu einer Erfolgsstory der modernen Präventivmedizin: Bereits 1970 waren Westund Zentralafrika pockenfrei, 1971 folgte Südamerika und 1975 Südostasien. 1977 wurde der letzte Pockenfall in Somalia entdeckt. 1980 galten die Pocken als ausgerottet. Von diesem Augenblick an überlebte das Virus nur noch in flüssigem Stickstoff im Hochsicherheitstrakt einiger Forschungslabors, zuletzt im Center for Disease Control in Atlanta, USA, sowie im staatlichen Institut für Virologie und Biotechnologie in Koltsovo bei Novosibirsk in Russland.

Sicherheitshalber vernichten?

Da in der Zwischenzeit die Struktur des Virus und sein genetischer Code entschlüsselt worden waren, erscheint das endgültige Aus für das Pockenvirus wie ein logischer Schlusspunkt am Ende eines einmaligen Unterfangens in der Geschichte der Medizin: der definitiven Beseitigung eines Erregers, der über Jahrhunderte Schrecken und Tod verbreitet hat. Doch auch praktische Gesichtspunkte sprechen für die endgültige Vernichtung des Virus. Kein auch noch so gut ausgerüstetes Hochsicherheitslabor ist vor Naturkatastrophen, beispielsweise Erdbeben, gefeit. Pockenviren könnten bei solchen Havarien freigesetzt werden.

Unbekannte Pockenstämme könnten virulent werden

Welche Gründe dagegen für ein Weiterleben der Pockenviren sprechen, wurde auf einer Tagung in der Amerikanischen Akademie der Wissenschaften deutlich. Ein Argument lautete, dass eines Tages eines der anderen Mitglieder der großen Familie der Poxviridae wie beispielsweise das Affenpockenvirus – das in Afrika immer wieder zu Epidemien führt – von einem weitgehend ungefährlichen zu einem bösartigen Erreger mutieren könnte. Detaillierte molekularbiologische Kenntnisse über das Variolavirus könnten dann helfen, einen Impfstoff gegen das veränderte Affenpockenvirus zu entwickeln.

Interesse der Forschung

Auch ein anderes, weniger theoretisches Argument lässt sich nicht von der Hand weisen: Das Pockenvirus hat im Laufe der Evolution wie kaum ein anderer Erreger seine Fähigkeiten optimiert, die Abwehrkräfte ins Leere laufen zu lassen (nicht zuletzt deshalb waren die Pocken eine so ungewöhnlich "erfolgreiche" Krankheit). Das Verständnis dieser Mechanismen, so die Befürworter des Pockenvirus, könnte der Menschheit im Kampf gegen andere gefährliche Erreger, die ebenfalls das Immunsystem austricksen, ausgesprochen hilfreich sein.

Überlebende Viren im Permafrost?

Russische Wissenschaftler wiesen bei der Tagung in Washington auf einen anderen Aspekt hin: Im Permafrost Sibiriens liegende Leichen ehemaliger Pockenkranker könnten im Zuge der globalen Klimaerwärmung auftauen und, da sie aller Voraussicht nach vermehrungsfähige Viren enthalten, zu einer Bedrohung für die Bevölkerung werden.

Dass solche Leichen vorhanden sind, beispielsweise in der Provinz von Gorno-Altayskaya, daran besteht für die Fachleute kein Zweifel. Haben russische Wissenschaftler doch bereits einige solcher Leichen exhumiert (angeblich mit dem Argument, die Evolution des Pockenvirus erforschen zu wollen). Ob sie allerdings eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellen, ist eher unwahrscheinlich.

Gefährliche Biowaffe

Für Dr. Peter Jahrling, leitender Virologe am US Army Medical Research Institute for Infectious Diseases in Fort Detrick, Maryland, der weltweit führenden Institution für die Erforschung gefährlicher Erreger, ist dieses Argument eher fadenscheinig. Die Russen, davon ist Jahrling überzeugt, haben grundsätzlich kein Interesse, die Pockenvirusforschung aufzugeben. Das Variolavirus ist nämlich eine der gefährlichsten Biowaffen schlechthin.

In der Tat hat die Sowjetunion entgegen allen internationalen Vereinbarungen über Jahrzehnte Forschungen betrieben, mit der Absicht, aus dem Pockenvirus einen tödlichen biologischen Kampfstoff zu entwickeln. Bekannt wurde dies, nachdem der stellvertretende Leiter des sogenannten "Biopreparatprogramms", das sich mit der Herstellung biologischer Kampfstoffe beschäftigte, 1992 in die USA überlief.

Wie Ken Alibek in seinem gerade erschienenen Buch "Direktorium-15 – Russlands Geheimpläne für den biologischen Krieg", (Econ Verlag, München) belegt, hat die ehemalige UdSSR die Ausrottung der Pocken durch die WHO und das Nichtproliferationsabkommen für biologische Waffen von 1972 bewusst als Gelegenheit genutzt, die Forschungen am Variola-Virus zu intensivieren. Bis 1989 wurden jährlich mehrere Dutzend Tonnen des Virus hergestellt und teilweise sogar in den Sprengköpfen von Interkontinentalraketen untergebracht.

Gefahr der illegalen Aufbewahrung

Wo diese immensen Mengen des tödlichen Erregers geblieben sind, ist unklar. Wissenschaftler wie Jahrling vermuten, dass ein Teil davon in "falsche Hände" geraten ist und derzeit in Tiefkühlbehältern von Ländern wie Libyen und Nordkorea lagert. Selbst der bekannteste Verfechter für die endgültige Vernichtung der Pockenviren, der amerikanische Wissenschaftler Donald A. Henderson, der die Ausrottungskampagne der WHO leitete und mittlerweile an der John Hopkins Universität in Baltimore, Maryland, lehrt, ist aufgrund der neuen Erkenntnisse vom Saulus zum Paulus geworden. Er sei überzeugt, so Henderson kürzlich in einem Interview der Fachzeitschrift Scientific American, "dass das Pockenvirus in Russland wie auch anderswo illegal aufbewahrt wird". Das offizielle Aus für die Pocken würde die heimlichen Experimente mit den Viren deshalb nicht unterbinden.

Desolate Zustände

Die desolaten Zustände, die derzeit in den Labors des ehemaligen Biopreparat-Komplexes herrschen (einem Forschungsbetrieb, in dem einmal 60 000 Menschen beschäftigt waren), lassen eine solche Annahme als berechtigt erscheinen. Die Sicherheitsvorkehrungen sind mehr als lax und zahlreiche Wissenschaftler haben, wohl weil sie über Monate kein Gehalt mehr erhielten, die Labors mit unbekanntem Ziel verlassen. Bekannt ist dagegen, dass Länder wie der Irak, aber auch Syrien, der Iran und Libyen, eine Zeit lang aktiv nach Biowaffenforschern Ausschau gehalten haben.

Henderson befürchtet ebenfalls, dass sich radikale politische und religiöse Organisationen aus den Vorräten von "Biopreparat" bedient haben könnten. So ist mittlerweile bekannt geworden, dass die japanische Sekte Aum Shinrikyo, die das Giftgasattentat in der U-Bahn von Tokio durchführte, zwischen 1990 und 1995 acht Mal versucht hat, eine Massenvergiftung durch Anthrax- und Botulinusbakterien herbeizuführen. Woher diese Biowaffen stammen, ist bis heute unklar.

Kein Impfschutz mehr

Die Verwendung von Variola durch Bioterroristen ist gerade deshalb eine nicht von der Hand zu weisende Bedrohung, weil seit 1980 nirgendwo mehr auf der Welt gegen die Pocken geimpft wird, so dass nur noch etwa 20 Prozent der Bevölkerung durch Antikörper geschützt sind. Außerdem beträgt der gesamte, noch verfügbare Impfvorrat nur etwa fünf bis sieben Millionen Impfdosen.

Zum Vergleich: Bei der letzten Impfaktion in den USA in New York im Jahre 1947 wurden innerhalb einer Woche sechs Millionen Menschen geimpft – um eine Kleinepidemie von acht Pockenfällen zu bekämpfen! Bei einem bioterroristischen Akt, so ein realistisches Szenario, würden aber mindestens 100 Menschen innerhalb weniger Tage erkranken.

Infektionsmedizinische Notfallteams

Die amerikanische Regierung hat auf die neue Art der Bedrohung bereits reagiert. Das Budget für die Überwachung ungewöhnlicher Epidemien wurde um 22 Prozent auf 86 Millionen US-Dollar heraufgesetzt, eine Vielzahl regionaler Laboratorien für die Diagnostik mikrobieller Infektionen installiert und 25 infektionsmedizinische Notfallteams in amerikanischen Großstädten ins Leben gerufen. Die offizielle Begründung der WHO für das Moratorium zur Vernichtung der letzten Pockenvirusvorräte ist also offensichtlich ein semantisches Deckmäntelchen für einen beunruhigenden Tatbestand: Die Pocken, einer der gefährlichsten Begleiter des Menschen, stehen noch lange nicht vor dem Aus. Im Gegenteil: eine plötzliche Renaissance in Form eines terroristischen Anschlags ist jederzeit denkbar.

Die 191 Mitgliedstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben Mitte Mai 1999 eine Resolution verabschiedet, die die Vernichtung der letzten Vorräte an Pockenviren auf das Jahr 2002 verschiebt (ursprünglich war der 30. Juni 1999 vorgesehen). Begründet wurde dies mit der Notwendigkeit, die Struktur des Virus weiter zu erforschen. 

Biologische Waffen

31 potenzielle biologische Kampfstoffe listet ein Handbuch der NATO auf. Praktisch kommen jedoch nur etwa ein Dutzend Erreger in Frage, die leicht hergestellt und – beispielsweise in Sprengköpfen – so verteilt werden können, dass eine Masseninfektion wahrscheinlich ist. Überdies müssen "effiziente" Biowaffen noch andere Eigenschaften haben. Sie müssen Umwelteinflüssen gegenüber stabil sein, die Infektionsdosis muss gering sein, die Krankheit muss sich anschließend von Mensch zu Mensch ausbreiten, und prophylaktische wie therapeutische Gegenmittel sollen möglichst fehlen.

Unter den elf Keimen, die diese Forderung erfüllen, steht das Variolavirus an erster Stelle, gefolgt vom Pesterreger, Bacillus anthracis und dem Botulinusbakterium. Die Todesfallrate nach einer gezielten Freisetzung des Variolavirus schätzen Fachleute auf mindestens 30 Prozent. Dies ist keine neue Erkenntnis: schon im indischen Krieg setzten die Briten als Kriegslist pockenverseuchte Decken ein, um im gegnerischen Lager eine Epidemie hervorzurufen und den Feind zu demoralisieren.

Was passiert bei einer Epidemie?

Geht man davon aus, dass bei einem Terrorakt etwa 100 Menschen infiziert werden, so sprengt die daraus resultierende Epidemie schnell die vorhandene medizinische Infrastruktur. Ein großer Teil der Patienten wäre schwerkrank und müsste stationär versorgt werden. Um eine Ausbreitung des Virus zu vermeiden, kann dies aber nur in Räumen geschehen, die ein Unterdrucksystem besitzen. Diese gibt es nur in wenigen großen Infektionskliniken. Kaum einer der derzeit praktizierenden Ärzte hat je einen Pockenkranken gesehen. Bei einem Ausbruch müssten die Mediziner also erst einmal trainiert werden, die richtige Diagnose zu stellen. Gleichzeitig muss aber mit der Impfung von Kontaktpersonen begonnen werden (die Impfung wirkt nur dann, wenn die Vakzine innerhalb von vier Tagen nach der Ansteckung verabreicht wird).

Die fehlende Infrastruktur, die mangelnde Ausbildung der Ärzte und die knappen Impfvorräte machen es wahrscheinlich, dass eine zweite Welle von Pockenfällen auftritt. Da für jede Ersterkrankung mit zehn Sekundärfällen zu rechnen ist, werden innerhalb von zwei Wochen bereits 1000 Patienten zu versorgen sein. Massenimpfungen des medizinischen Personals und der Bevölkerung sind dann unausweichlich, was dazu führt, dass die Impfreserven innerhalb weniger Tage aufgebraucht sein werden.

Selbst wenn die wenigen hochspezialisierten Labors, die in der Lage sind, mit dem Pockenvirus umzugehen, innerhalb kürzester Zeit mit der Produktion einer neuen Vakzine begännen, würde es zwei bis drei Jahre dauern, bis ausreichend große Impfstoffvorräte vorhanden wären, um die Bevölkerung beispielsweise der USA zu schützen. Das Pockenvirus hätte sich aber vermutlich innerhalb von Wochen oder Monaten über das ganze Land ausgebreitet.

Bedrohung durch Bioterroristen

Wie ernst die amerikanische Regierung eine mögliche Bedrohung durch Bioterroristen nimmt, zeigt die Tatsache, dass jetzt das Center for Disease Control in Atlanta (die oberste Seuchenbekämpfungsbehörde der USA) die Abteilung für Impfstoffforschung der Medizinischen Hochschule von St. Louis beauftragt hat, die Wirksamkeit des vorhandenen Pockenimpfstoffes zu überprüfen. Wie Professor Sharon Frey, die Leiterin der Untersuchungen, mitteilte, werden in Kürze 60 Freiwillige mit dem sogenannten Dryvax- Impfstoff immunisiert.

Die Studie, die in den USA für großes Aufsehen sorgte, hat laut Professor Frey zwei Ziele. Einmal soll die Wirksamkeit des Impfstoffs getestet (der seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr produziert wird), zum anderen die Möglichkeit überprüft werden, die Vakzine in einer Verdünnung zu verabreichen. So erhalten nur 20 Probanden den Impfstoff unverdünnt, je 20 weitere die Vakzine in einer Verdünnung von 1:10 bzw. 1:100.

Der Hintergrundgedanke ist klar: die USA haben derzeit noch einen "eisernen Vorrat" von etwa sieben Millionen Impfdosen – viel zu wenig, um bei einem zielgerichteten bioterroristischen Anschlag, beispielsweise bei der Freisetzung von Pockenviren als Aerosol in einem vollbesetzten Sportstadion, die Bevölkerung ausreichend impfen zu können (man geht davon aus, dass jede infizierte Person in den nächsten zwei Wochen 25 andere ansteckt). Würde der vorhandene Dryvax-Impfstoff auch in verdünnter Form zuverlässig vor einer Pockenerkrankung schützen, wären die vorhandenen Vorräte dagegen eine beruhigende Reserve.

Offensichtlich ist der alte Dryvax-Impfstoff auch nur als Zwischenlösung gedacht. Längst wird in militärischen Forschungseinrichtungen an einer potenteren Vakzine gearbeitet, die den Impfstoff, der noch aus der Zeit des weltweiten Kampfs gegen die Pocken stammt, ersetzen soll.

Tritt das amerikanische Katastrophenszenario in der nahen Zukunft ein, so wäre es durchaus denkbar, dass die Pocken auch wieder nach Europa eingeschleppt werden könnten. Infizierte, aber noch nicht erkrankte Flugreisende könnten die Viren bei einer Rückkehr aus den USA mitbringen. Es ist fraglich, ob die europäischen Gesundheitsbehörden für einen solchen Fall gewappnet sind. Die kürzlich aus Westafrika nach Deutschland eingeschleppten Einzelfälle von Gelb- und Lassafieber, zeigen, dass in puncto Bekämpfung gefährlicher Seuchen im Mitteleuropa noch einiges im Argen liegt.

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