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Milzbrand und andere Biowaffen

Mit dem Titel "Milzbrand und andere Biowaffen - was muss man wissen, was sollte man wissen?" eröffnete Prof. Dr. Henning Blume, Vorsitzender der DPhG-Landesgruppe Hessen, am 13. November die neue Vortragsreihe "DPhG-Aktuell", die die Landesgruppe ihren Mitgliedern und Gästen sporadisch dann anbietet, wenn wichtige Themen eine schnelle und kompetente Information fordern. Referent der ersten Veranstaltung war Prof. Dr. Theo Dingermann, Präsident der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft.

Wahrlich aktuell ist das Thema "Biowaffen", insbesondere "Milzbrand", über das in den letzten Wochen so viel geschrieben und diskutiert wurde. Erst vor wenigen Tagen stellte sich glücklicherweise der erste größere Anthrax-Alarm in Deutschland als falsch heraus. Ein Indiz für die Relevanz und für den Informationsbedarf zu diesem Thema war der mit mehr als 400 Besuchern überbesetzte große Hörsaal des Biozentrums der Universität Frankfurt.

Biowaffen wenig effizient

Nicht Sensationen, sondern die sachliche, naturwissenschaftlich basierte Information war das Anliegen von Dingermann in seinem Vortrag, und eindringlich warnte er vor unüberlegten, panischen Reaktionen. Milzbrand, aber auch Botulinumtoxin, Pocken oder Pest seien als "Biowaffen" wenig effizient, da sie nur in seltenen Fällen von Mensch zu Mensch übertragen werden können. Wer vielen Menschen schaden will, der greift schon eher zu anderen Mitteln, etwa chemischen Kampfstoffen.

Stattdessen ist das Ziel eines Biowaffen-Einsatzes vielmehr, Panik in der Bevölkerung zu erzeugen. Beispiel Milzbrand: Um einen menschlichen Organismus zu infizieren, müssen mindestens 8000 bis 15 000 Sporen des eher bei Tieren vorkommenden Bakteriums aufgenommen werden - andere Quellen nennen sogar 50 000 Sporen. Dies kann zwar durch künstlich pulverisierte Sporen erreicht werden, trifft aber fast immer nur einzelne Opfer.

Wenn die Infektion rechtzeitig erkannt wird, kann den Erkrankten durch handelsübliche Antibiotika wie Ciprofloxacin, Amoxicillin oder Doxycyclin geholfen werden. Eine prophylaktische Einnahme von z. B. Ciprofloxacin ist hingegen nicht nur völlig sinnlos, sondern auch gefährlich, da auf diesem Weg resistente Bakterien gezüchtet werden.

Botulismus, Pest, Pocken

Vor Botulismus - eigentlich eine gefährliche Form der Lebensmittelvergiftung - schützen hingegen keine Antibiotika. Das sehr potente Botulinumtoxin führt zu Lähmungserscheinungen und kann nur mit einem Antiserum im Körper "abgefangen" werden. Clostridium botulinum, das Bakterium, das das Toxin bildet, kann dagegen als strikter Anaerobier gar nicht an der Luft überleben.

Das die Pest erregende Bakterium Yersinia pestis kann in seltenen Fällen, dann wenn es zu einer sekundären Lungenpest kommt, von Mensch zu Mensch übertragen werden - auch hier helfen aber bei frühzeitigem Erkennen der Infektion wieder die handelsüblichen Antibiotika. Selbst eine Ausbreitung der von dem Variola-Virus hervorgerufenen Pocken - sie gelten seit 1977 als ausgerottet - ist unwahrscheinlich. Denn im ansteckenden Stadium liegt der Patient mit hohem Fieber und Pusteln im Bett und kann nicht mehr unter Menschen gehen. Dingermann wies ferner darauf hin, dass es nur in Labors mit einem sehr hohen technischen Standard möglich sei, biologische Erreger in größeren Mengen zu gewinnen.

Die Reihe "DPhG-Aktuell" wird am 8. 1. 2002, wiederum im Biozentrum der Universität Frankfurt mit einem Vortrag von Prof. Dr. Henning Blume fortgesetzt. Er wird über das für die Apothekerinnen und Apotheker so wichtige Thema "Aut idem - Möglichkeiten und Grenzen apothekerlichen Handelns" referieren.

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