Arzneimittel und Therapie

Senkt Acetylsalicylsäure das Risiko für eine Präeklampsie?

Häufig wird zur Präeklampsie-Prophylaxe niedrig dosierte Acetylsalicylsäure empfohlen. Möglicherweise muß dieses Vorgehen neu überdacht werden, da in einer jüngsten Studie dadurch die Präeklampsie-Inzidenz bei Risikopatientinnen nicht gesenkt werden konnte.

Präeklampsie oder hypertensive Spätgestose


Die Gestose wird heute auch als schwangerschaftsinduzierter Bluthochdruck bezeichnet. Dabei kommt es neben der Hypertonie zur Proteinurie und/oder Ödemen nach der 20. Schwangerschaftswoche. Ferner können Krampfanfälle (Eklampsie), Gefäßspasmen und pathologische Koagulationsstörungen vorkommen. In ernsten Fällen kann die Präeklampsie zu Nieren-, Leber-, Herz- und Lungenversagen führen. Die Präeklampsie tritt insbesondere bei Erstgebärenden, Mehrlingsschwangerschaften, krankhafter Fruchtwasservermehrung und Plazentaentartungen auf. Das Risiko einer Präeklampsie liegt normalerweise zwischen 2 und 8%, kann aber bei Risikopatientinnen bis zu 20% betragen.
Man vermutet, daß der Bluthochdruck und die Koagulationsanomalien bei einer Präeklampsie teilweise durch ein Ungleichgewicht vasodilatatorischer und vasokonstriktorischer Prostaglandine verursacht werden. Durch niedrig dosierte Acetylsalicylsäure kann die Bildung von Thromboxan (verantwortlich für die Vasokonstriktion und die pathologische Blutkoagulation) verhindert werden, ohne daß die Prostacyclinproduktion wesentlich beeinträchtigt wird.
Nachdem in einigen kleineren Studien der Nutzen von Acetylsalicylsäure nachgewiesen wurde, wird während der Schwangerschaft häufig niedrig dosierte Acetylsalicylsäure verordnet, um Präeklampsien zu verhindern. Neuere Studien wiederum bezweifeln den Nutzen von Acetylsalicylsäure während der Gravidität. Um diese widersprüchlichen Ergebnisse zu differenzieren, wurde an verschiedenen amerikanischen Krankenhäusern eine umfangreiche Studie durchgeführt.

Studie mit Risikopatientinnen


An der randomisierten, doppelblinden und plazebokontrollierten Studie nahmen 2539 Schwangere mit erhöhtem Präeklampsie-Risiko teil. Die Studienteilnehmerinnen wurden in vier Gruppen unterteilt: 471 insulinpflichtige Diabetikerinnen, 774 Schwangere mit chronischer Hypertonie, 688 Frauen mit Mehrlingsschwangerschaften und 606 Frauen, bei denen während einer vorhergehenden Schwangerschaft bereits eine Präeklampsie aufgetreten war. Die Frauen erhielten zwischen der 13. und 26. Schwangerschaftswoche entweder einmal täglich 60 mg Acetylsalicylsäure oder ein Plazebo. In regelmäßigen Abständen wurden Routinemessungen durchgeführt (z. B. Proteinausscheidung und Blutdruck) und außergewöhnliche Ereignisse (Plazentalösungen, Tod bei der Geburt, neonatale intraventrikuläre Blutungen, Frühgeburten, starke Blutungen nach der Geburt) festgehalten.
Für die Auswertung standen die Daten von 2503 Frauen (1254 der Verumgruppe; 1249 der Plazebogruppe) zur Verfügung.

  • Die Präeklampsie-Häufigkeit betrug in der Acetylsalicylsäuregruppe 18%, in der Plazebogruppe 20% (P=0,23).
  • Innerhalb der vier Risikogruppen konnten keine auffallenden Unterschiede festgestellt werden. So betrug die Präeklampsie-Inzidenz bei den insulinpflichtigen Schwangeren 18 (Verumgruppe) bzw. 22% (Plazebogruppe) (P=0,38); bei den Hypertonikerinnen 26 bzw. 25% (P=0,66); bei den Frauen mit Mehrlingsschwangerschaft 12 bzw. 16% (P=0,10) und bei den Frauen mit vorhergehender Präeklampsie 17 bzw 19% (P=0,47).
  • Gleichfalls konnte kein Unterschied zwischen den Plazebo- und den Verumgruppen im Hinblick auf postpartale Blutungen, Plazentalösung, perinatale Todesfälle, Frühgeburten, neonatale intraventrikuläre Blutungen und auf eine zu geringe Körpergröße des Neugeborenen festgestellt werden.

Weder Schaden noch Nutzen?


Zwar konnte in dieser Studie kein Nutzen von Acetylsalicylsäure im Hinblick auf die Präeklampsieprophylaxe festgestellt werden, sie zeigt aber auch, daß niedrig dosierte Acetylsalicylsäure keine negativen Auswirkungen (insbesondere auf die Gerinnungsparameter) hat. Möglicherweise kann in weiteren Untersuchungen eine Subgruppe von Patientinnen eruiert werden, bei denen doch eine Präeklampsieprophylaxe mit Acetylsalicylsäure angezeigt ist.
Literatur
Caritis, S., et al.: Low-dose aspirin to prevent preeclampsia in women at high risk. N. Engl. J. Med. 338, 701-705 (1998).
Barth, W.: Low-dose aspirin for preeclampsia - the unresolved question. N. Engl. J. Med. 338, 756-757 (1998).
Dr. Petra Jungmayr, Esslingen

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