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Untersuchung: Die Hausapotheke - meistens eine "black box"

GÖTTINGEN (pid). Es gebe nur zwei Arten von Verletzungen: Leichte, bei denen man allenfalls ein Geschirrhandtuch auflege, die ansonsten aber von alleine heilten, und schwere, mit denen man den Arzt aufsuchen müsse. Wozu also eine Hausapotheke? Zeitgenossen wie diesem Bewohner eines Dorfes im Kreis Göttingen ist die Medizinerin Dr. Ute Krack nur selten begegnet.

Und auch die Dame, die meinte, statt einer Hausapotheke tue es auch der Verbandskasten ihres auf dem Hof abgestellten Autos, ist eher untypisch. Die meisten Leute verfügen über eine mehr oder weniger vollständig ausgestattete Hausapotheke und benutzen sie auch regelmäßig, hat Krack in einer an der Universität Göttingen erstellten wissenschaftlichen Untersuchung herausgefunden.

Analyse von 100 Hausapotheken Für ihre Doktorarbeit hat die Medizinerin in einer in dieser Art bisher bundesweit einzigartigen Untersuchung die Hausapotheken von 100 Haushalten im Großraum Göttingen analysiert. Das Resultat: Über eine fest installierte Hausapotheke beispielsweise in einem speziellen Erste-Hilfe-Schrank verfügen nur 29 Prozent der Haushalte. Ansonsten sind Medikamente und medizinische Instrumente über die halbe Wohnung verteilt und in bis zu fünf verschiedenen Räumen verstaut. Wohl deshalb, so vermutet die Medizinerin, sei sie immer wieder auf die Reaktion gestoßen: "Eine Hausapotheke haben wir nicht." Tatsächlich scheint die von den Apothekerverbänden empfohlene Mindestausstattung der Hausapotheke (Wärmflasche, Fieberthermometer, Verbandsschere, Heftpflaster, Pinzette, Elastische Binde, Mullkompressen, Mullbinde) vielen Menschen fremd oder zumindest nur lückenhaft bekannt zu sein. So haben zwar 90 Prozent der untersuchten Haushalte Pflaster und Fieberthermometer, 83 Prozent eine Schere und immerhin noch jeweils rund zwei Drittel eine Wärmflasche, elastische und Mullbinden. Doch schon Pinzetten (48) und Mullkompressen (46 Prozent) finden sich nicht einmal mehr in jedem zweiten Haushalt. Und mit weiteren von den Apothekerverbänden empfohlenen Utensilien wie Augenklappe (34 Prozent), Verbandpäckchen (23), Dreiecktuch (22), Blutdruckmeßgerät (14) oder Mundspatel (5 Prozent) ist nur noch eine kleine Minderheit ausgerüstet.

Durchschnittlich 25 Arzneimittel pro Haushalt Wieviel verschiedene Medikamente sie im Haus und damit in ihrer Hausapotheke haben, ist vielen Menschen überhaupt nicht bewußt, hat Ute Krack herausgefunden. Im Durchschnitt befanden sich in jedem Haushalt fast 25 verschiedene Arzneimittel, wobei Personen mit Kindern eine umfangreichere Medikamentensammlung hatten als solche ohne Nachwuchs. Spitzenreiter war ein Haushalt mit 68 Medikamenten. Insgesamt nehmen Schmerzmittel unter den Medikamenten eindeutig Platz eins ein. In jedem untersuchten Haushalt waren im Durchschnitt vier derartige Arzneien vorhanden. Es folgen Hustenmittel (zwei pro Haushalt) und Hautmedikamente, von denen jeder Haushalt im Schnitt mindestens eins besitzt. Überraschend sei, daß sich nur in jeder vierten Hausapotheke Psychopharmaka befanden, schreibt die Medizinerin. Noch viel weniger verbreitet waren homöopathische Mittel. Sie fanden sich nur in sechs Prozent der Haushalte. Der überwiegende Anteil der in den Hausapotheken vorhandenen Medikamente, nämlich rund 83 Prozent, wurde von Ärzten verschrieben und war von früheren Anwendungen übrig geblieben. Nur einen kleinen Teil der Arzneien hatten die Besitzer aus eigenem Antrieb oder auf Empfehlung von Bekannten oder Heilpraktikern gekauft.

Keine vorbildliche Aufbewahrung Vielfach wurden die Arzneien - unabhängig vom Lagerungsort - nicht vorbildlich aufbewahrt, stellte die Medizinerin fest. Insgesamt steckten rund 20 Prozent der Tabletten und Salben in einer falschen Verpackung oder sie hatten überhaupt keine Hülle und keinen Beipackzettel mehr. Dies könne zu gefährlichen Verwechslungen führen, schreibt Krack. Zudem sei bei jedem zehnten Medikament das Verfallsdatum überschritten gewesen. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Frauen haben "den kompetenteren Umgang mit der Hausapotheke". Sie fällen die wesentlichen Entscheidungen. Die Frau, so hat Krack herausgefunden, "ist diejenige, die Bescheid weiß, einkauft und den Bestand kontrolliert". Männer dagegen, die im Rahmen der Studie über die Hausapotheke befragt wurden, hätten oft "mit entschuldigendem Lächeln" auf die Zuständigkeit ihrer Frau hingewiesen. Typisch war ein 80jähriger, in dessen Erste-Hilfe-Schrank im Schlafzimmer Schmerzmittel, Franzbranntwein sowie sorgfältig geordnete Instrumente und Mullbinden aus den 40er Jahren deponiert waren. Seine Frau, so berichtete er, habe "alles im Griff".

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