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Bluttransfusion: Risiko Virusinfektion?

Wie groß ist das Risiko sich bei einer Transfusion mit einem gefährlichem Virus zu infizieren?

Die Antwort darauf ist nicht einfach und hängt mit einem Problem zusammen, daß in der Transfusionsmedizin mit dem Begriff "diagnostisches Fenster" bezeichnet wird. Hiermit ist jene Zeitspanne gemeint, in der das Blut eines Spenders, der gerade eine akute Virusinfektion durchmacht (in der Regel, ohne es selbst zu merken) schon infektiös ist, sein Organismus aber noch keine Antikörper gegen diesen Erreger gebildet hat.

Da die Untersuchungsmethoden, die derzeit routinemäßig zur Überprüfung von Blutkonserven eingesetzt werden, auf dem Nachweis von Antikörpern beruhen, wird eine Blutprobe während der Zeit, in der das "diagnostische Fenster" auf ist, zwangsläufig durch den Laborarzt als unbedenklich eingestuft. Bei einer Verwendung dieses gleichwohl potentiell infektiösen Blutes könnte aber dem Empfänger mit der Konserve beispielsweise auch das HI - Virus übertragen werden. Die Größe des "diagnostischen Fensters" beträgt für HIV in Mittel 22 Tage (kann jedoch zwischen 6 und 38 Tagen schwanken) und für das Hepatitis C Virus 82 Tage (mit einer Schwankungsbreite von 54 bis 192 Tagen).

Basierend auf diesen Daten hat eine Gruppe amerikanischer Transfusionsmediziner eine großangelegte Studie konzipiert und realisiert, bei der 586 000 freiwillige Blutspender, die mindestens zweimal einen Blutspendedienst aufsuchten, systematisch untersucht wurden. Zu diesem Zweck wurden 2 300 000 Blutproben auf Anzeichen von HIV, HTLV (Human T cell lymphotropic virus, ein mit HIV verwandtes Retrovirus, das eine Leukämie auslösen kann), Hepatitis B - und Hepatitis C - Virus (HBV, HCV) gescreent.

Die Ergebnisse der akribisch durchgeführten Studie: In den USA können zwei von einer Million Blutkonserven aufgrund einer fälschlicherweise als unbedenklich freigegebenen Blutprobe HIV und 1,6 pro 1 Million das HTLV - Virus enthalten. Das Risiko einer Infektion durch Hepatitis - Viren mittels einer kontaminierten Blutprobe ist dagegen um ein Vielfaches größer. Hier sind die entsprechenden Maßzahlen 9,7 für HCV und 15,8 für HBV. Immerhin 88 % des Gesamtrisikos einer durch Blutkonserven übertragbaren Infektion machen deshalb die beiden Hepatitis - Viren aus. Dies erklärt sich einerseits durch die verhältnismäßig große Häufigkeit von HBV und HCV - Infektionen in der Bevölkerung, sowie durch die große Breite des "diagnostischen Fensters".

Auch wenn aufgrund der amerikanischen Studie das Risiko einer durch eine Bluttransfusion erworbene HIV - Infektion als gering erscheint, ist zu fragen, ob das Risiko durch ein Verkleinerung des "diagnostischen Fensters " nicht weiter vermindert werden kann. Auch hierauf geben die amerikanischen Transfusionsmediziner eine schlüssige Antwort. Würde man statt der gängigen Antikörpernachweise Verfahren einsetzen, die mittels moderner molekularbiologischer Methoden winzige Mengen von Virus - RNA beziehungsweise - DNA aufspüren (beispielsweise mittels der polymerase chain reaction, PCR), so ließe sich das Risiko in Bezug auf eine HIV - Infektion um 27 bis 60 % verringern. Mit anderen Worten, statt zwei Blutkonserven pro eine Millionen würde nur noch eine möglicherweise infizierte Konserve zur Anwendung kommen. Für die Hepatitis - Viren wird dagegen der zusätzliche Schutzeffekt auf 42 bis 45% (für HBV) beziehungsweise 72 bis 75 % (für HCV) geschätzt.

Der Blutspendedienst des Deutschen Roten Kreuzes hat sich bereits für das neue Testverfahren entschieden. Nachdem in einer Versuchsphase in Nordrhein-Westfalen durch die Untersuchung auf Hepatitis B- und C-Virus mittels PCR unter 650 000 Blutkonserven weitere 75 Proben (darunter 69 HCV-positive) identifiziert wurden, die nach dem konventionellen Verfahren als unbedenklich eingestuft worden wären, werden in kürze auch bundesweit alle Blutspender diesem zusätzlichen Test unterzogen. Die neuen - kostspieligen - Testverfahren werden allerdings die ohnehin schon hohen Kosten für eine Bluttransfusion weiter verteuern. Durch eine optimale Logistik bei der Untersuchung der Blutproben konnte der Blutspendedienst des DRK die Mehrkosten auf etwa 10 DM pro Bluttransfusion beschränken. Hochgerechnet auf die jährlich in Deutschland durchgeführten Bluttransfusionen ergeben sich damit Mehrkosten in Höhe von ca. 25 Millionen DM - weitaus weniger als jene 50 bis 400 Millionen DM pro Jahr, die noch vor einem Jahr in einer amerikanischen Fachveröffentlichung alleine für den HIV- Nachweis mittels PCR genannt worden waren.

Auch das dem Bundesgesundheitsministerium unterstellte Paul-Ehrlich-Institut für Sera und Impfstoffe in Frankfurt , das für die Sicherheit von Blutprodukten zuständig ist, hat sich für die Einführung der neuen Diagnosetechniken ausgesprochen. In einem Stufenplan will die Behörde zusätzliche PCR-Untersuchungen auf HIV, HBV und HCV bis April 1998 für alle Blutspendedienste in Deutschland festschreiben.

Eine absolut sichere Bluttransfusion, das zeigen die Ergebnisse der amerikanischen Studie und der Untersuchung des DRK- Blutspendedienst, wird es aber in absehbarer Zeit nicht geben. Eine weitere Erhöhung der Sicherheit von Blutprodukten wäre nur über unverhältnismäßig hohe Mehrkosten zu erreichen. Eine schon fast banale Erkenntnis, die nahezu alle Bereiche der modernen Medizin betrifft.

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