Berichte

Virale Erkrankungen: Von AIDS bis Zoster

"Viren von AIDS bis Zoster" - unter diesem Titel standen die diesjährigen Isnyer Fortbildungstage für Pharmazeutisch-technische AssistentInnen (PTA), die von der PTA-Schule Isny vom 21. bis 23. Oktober im Kurhaus der Stadt durchgeführt wurden. Über 300 Teilnehmer konnten sich dort über den aktuellen Wissensstand zu viralen Erkrankungen informieren.

Erfindung der Vakzination

Wie der Ulmer Virologe Prof. Dr. Günther Klotz darlegte, bestehen Viren nur aus einem Erbmolekül und einer Proteinhülle. Im Gegensatz zu Bakterien können sich Viren nicht selbst vermehren, sondern sind dazu auf Wirtszellen angewiesen.

Schon vor Tausenden von Jahren wurde von viralen Erkrankungen berichtet - natürlich nicht ahnend, was diese Krankheiten auslöste. So starb beispielsweise der ägyptische Pharao Ramses V. 1196 v. Chr. an Pocken. Bereits 1000 v. Chr. führte man in China erste Vorläufer der heutigen Impfungen durch, indem man vorbeugend getrockneten Pockenschorf in die Nase schniefte. Der englische Arzt Edward Jenner schützte 1796 Menschen vor der Pockenerkrankung, indem er sie mit den harmloseren Kuhpocken infizierte. Das Prinzip der Impfung war geboren und die Bezeichnung "Vakzination" deutet noch heute auf Jenners Experiment hin (lat. vacca = Kuh).

Volkskrankheit Grippe

Dr. Helmut Uphoff aus Marburg berichtete von den verheerenden Auswirkungen weltweiter Epidemien der echten Grippe oder Influenza in der Vergangenheit. 1918 etwa starben 20 bis 50 Millionen Menschen an der Spanischen Grippe. Doch auch heute geht der volkswirtschaftliche Schaden, der durch die alljährliche Grippewelle verursacht wird, allein in Deutschland in die Milliarden.

In den sog. interpandemischen Phasen werden etwa 10 bis 20% der Bevölkerung vom Grippevirus infiziert. Dies führt jährlich in Deutschland zu 3 bis 5 Mio. Krankheitsfällen und 2 bis 3 Mio. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen. Etwa 0,3% der Bevölkerung muss aufgrund einer Grippeerkrankung stationär ins Krankenhaus aufgenommen werden, davon ist mehr als die Hälfte älter als 65 Jahre. Vor allem ältere Menschen sollten sich daher rechtzeitig durch eine Grippeimpfung schützen.

5000 bis 7000 Menschenleben fordert die jährliche Grippewelle in Deutschland. Bei deutlichen Influenza-Epidemien - die letzte war im Winter 1995/1996 - steigt diese Zahl auf etwa 30 000.

Virale Kinderkrankheiten

Auch viele Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps oder Röteln werden durch Viren verursacht. Der Erlanger Kinderarzt Dr. Siegfried Lugauer wies unter anderem darauf hin, dass im Falle der Röteln-Erkrankung einer Schwangeren ein beträchtliches Risiko des ungeborenen Kindes für bleibende Schädigungen (Röteln-Embryopathie) besteht, weswegen ein ausreichender Impfschutz für Frauen im gebärfähigen Alter ganz besonders wichtig ist.

Windpocken, die als typisches Merkmal immer auf eine Körperhälfte beschränkt bleiben, können vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern zu massiven Komplikationen führen (eine Spätkomplikation ist die Gürtelrose = Zoster). Mumps, auch als Ziegenpeter bekannt, ist charakterisiert durch eine schmerzhafte Schwellung einer oder beider Ohrspeicheldrüsen; er kann als Spätschäden Schwerhörigkeit oder durch eine Entzündung der Hoden Zeugungsunfähigkeit verursachen.

Hepatitis-Viren und FSME

Unter dem Oberbegriff "Hepatitis-Viren" wird eine Gruppe sehr unterschiedlicher Viren zusammengefasst, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie vorwiegend die Leber infizieren. Wichtig in Deutschland sind das Hepatitis-A-Virus (HAV), das Hepatitis-B-Virus (HBV) und das Hepatitis-C-Virus (HCV). Priv.-Doz. Dr. Hans-Jürgen Schlicht von der Universität Ulm stellte eine gegen HAV und HBV wirksame (Einzel- oder Kombinations-)Impfung vor.

Aufgrund der hohen Variabilität des Virus ist es bis heute nicht gelungen, einen Impfstoff gegen HCV zu entwickeln. Das Risiko einer HCV-Infektion durch Bluttransfusion konnte durch die konsequente Untersuchung aller Blutkonserven von früher 0,5% auf weniger als 1: 300 000 reduziert werden.

Die HAV-Infektion stellt dagegen eine typische Reisekrankheit dar, die aufgrund von mangelnden Hygienemaßnahmen durch Lebensmittel übertragen werden kann. Der hauptsächliche Infektionsweg mit HBV erfolgt parenteral durch Blutkontakt oder durch sexuelle Übertragung.

Ebenfalls durch Viren hervorgerufen wird die Frühsommermeningoenzephalitis (FSME), die durch infizierte Zecken übertragen wird. Dr. Rainer Oehme vom Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg empfahl zum Schutz bei Spaziergängen im Wald das Tragen von langen Hosen, da sich die Zecken vor allem im Unterholz aufhalten. Repellenzien bieten keinen zuverlässigen Schutz. In Endemiegebieten empfiehlt sich eine FSME-Impfung. (Zecken übertragen auch die durch Bakterien hervorgerufene Lyme-Borreliose.)

AIDS

Eine lebensbedrohliche virale Erkrankung ist AIDS; im Laufe der Erkrankung wird das Immunsystem lahm gelegt und verschiedenen gefährlichen Infektionen Tür und Tor geöffnet. Dr. Albrecht Dix, Leiter der HIV-Ambulanz am Klinikum Konstanz, stellte fest, dass wir heute AIDS zwar wesentlich besser behandeln können als noch vor fünf bis zehn Jahren, dass aber auf lange Sicht weder eine Heilung möglich ist noch ein Impfstoff zur Verfügung steht. Derzeit schätzt man weltweit etwa 36 Millionen HIV-Infizierte, wovon allein über 70% in Afrika leben.

Die Hauptübertragungswege sind nach wie vor ungeschützter Geschlechtsverkehr, direkter Blutkontakt und die Übertragung von der schwangeren Mutter auf das neugeborene Kind. Von der Infektion bis zum Tod vergehen heute durchschnittlich etwa 10 Jahre, von denen die ersten acht Jahre meist symptomlos verlaufen. Mit den neu zur Verfügung stehenden anti(retro)viralen Arzneistoffen gelingt es, diese symptomlose Zeitspanne zu verlängern.

Antivirale Arzneimittel

Dr. Wolfgang Preiser aus Frankfurt am Main gab einen Überblick über die Arzneimittel zur Bekämpfung viraler Infektionen. Die Hauptschwierigkeit der antiviralen Wirkstoffforschung ist der obligate Zellparasitismus der Viren. Die weitgehende Nutzung zellulärer Enzyme und Stoffwechselwege ermöglicht es ihnen, mit einem Minimum an genetischer Information auszukommen. Für die antivirale Therapie resultiert daraus die Gefahr, eine signifikante Hemmung der Virusvermehrung um den Preis einer beträchtlichen Zelltoxizität zu erkaufen.

Erst die enormen Fortschritte der Molekularbiologie erlauben die Entwicklung von Substanzen zur gezielten Hemmung der viralen Replikation, sodass heute eine große und stetig wachsende Anzahl hochwirksamer antiviraler Medikamente zur Verfügung steht.

Exotische Viruserkrankungen

Abgerundet wurde die Fortbildung durch ein Referat des Gießener Hochschuldozenten Dr. Eugen Domann, der sich mit eher exotischen, aber teilweise sehr gefährlichen Viruserkrankungen wie Ebola, Hanta oder Lassa befasste. Meist in Afrika zuhause, treten auch hin und wieder Fälle in unseren Breiten auf, was unter anderem auf den internationalen Reiseverkehr zurückzuführen ist. Allein das Lassa-Virus, das zu hämorrhagischem Fieber führt, kostet bei geschätzten 300 000 bis 500 000 Infizierten pro Jahr etwa 5000 Menschen das Leben.

Faktoren für die Entstehung und zunehmende Verbreitung solcher "neuer" Viren mit teilweise hochpathogenem Potenzial sind in ökologischen Veränderungen wie dem Abholzen der Regenwälder, in veränderten Lebensverhältnissen (Flüchtlingsströme, Sexualverhalten) und einem zunehmenden Reise- und Handelsverkehr zu suchen.

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