Lieber Versandhandel als Botendienst

Ersatzkassen stellen honorierte Botendienste infrage

Berlin - 18.08.2021, 17:50 Uhr

Die Ersatzkassen sehen honorierte Botendienste kritisch und fürchten steigende Kosten – nicht zuletzt, wenn das E-Rezept kommt. (c / Foto: Schelbert)

Die Ersatzkassen sehen honorierte Botendienste kritisch und fürchten steigende Kosten – nicht zuletzt, wenn das E-Rezept kommt. (c / Foto: Schelbert)


Die Ersatzkassen hadern mit den honorierten Botendiensten der Apotheken: Knapp 29 Millionen Euro hätten sie in den ersten acht Monaten nach ihrer Einführung Ende April 2020 für diesen Service aufgebracht, heißt es im aktuellen „ersatzkasse magazin“. „Spitzenreiter“ unter den Apotheken kämen auf „schwindelerregende“ Summen, die sie bei den Kassen abrechneten. Dabei, so die Autorinnen des Textes, seien Botendienste weder geeignet, die Rolle der Apotheken in der flächendeckenden Versorgung zu stärken, noch die Versorgung für die Versicherten spürbar zu verbessern.

Seit Ende April vergangenen Jahres können Apotheken Botendienste bei den Krankenkassen abrechnen, wenn sie verschreibungspflichtige Arzneimittel auf diesem Wege abgeben. Zunächst als Pandemie-Sonderregelung mit der SARS-CoV-2-Arzneimittelversorgungsverordnung eingeführt, um Kontakte zu vermeiden, wurde die Honorierung zum Jahreswechsel mit dem Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz im Sozialgesetzbuch V verstetigt. Die Höhe der Vergütung hatte sich bereits zum 1. Oktober 2020 von 5 auf 2,50 Euro zuzüglich Umsatzsteuer halbiert.

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Nun regt sich offener Widerstand bei den Kassen. Im aktuellen „ersatzkasse magazin“, das der Verband der Ersatzkassen (vdek) herausgibt, machen sich zwei Verbandsmitarbeiterinnen aus der Abteilung Ambulante Versorgung unter dem Titel „Ein recht teures Geschenk“ Luft. Zwar zeigen sie sich noch verständig, dass es eine befristete Vergütung in der Pandemie aus Infektionsschutzgründen gab. Allerdings müsse „nun die Frage erlaubt sein, ob dieser dauerhafte Service von der Versichertengemeinschaft zu finanzieren ist“. Zumal die Abrechnung dieser Leistung an keinerlei Bedingung geknüpft sei, also nicht auf notwendige Fälle wie etwa gebrechliche Patientinnen und Patienten beschränkt sei.

Versandhandel für die Kassen günstiger

Und es geht provokant weiter: „Die Frage nach dem Vergütungsanspruch muss man auch deshalb stellen, weil Versandapotheken diesen Service kostenfrei erbringen und damit die oft von der Apothekerschaft eingeforderten ‚gleich langen Spieße‘ zwischen Offizin- und Versandapotheke gerade nicht hergestellt worden sind: Arzneimittel kosten die GKV bei den Vor-Ort-Apotheken mehr als bei konkurrierenden Versandapotheken.“

Sodann haben die vdek-Autorinnen auch Zahlen parat: Seit Ende April 2020 seien für das Jahr 2020 7,2 Millionen Botendienste zulasten der Ersatzkassen erbracht worden – für knapp 29 Millionen Euro. Durchschnittlich seien etwa 4 Prozent der Arzneimittelabgaben im Wege des Botendiensts erfolgt. Regional gab es dabei den vdek-Zahlen zufolge deutliche Unterschiede: So ist der honorierte Service zum Beispiel in Berlin selten (2,1 Prozent der Abgaben), während das Saarland mit 6,3 Prozent am anderen Ende des Rankings steht. Erstaunlicherweise ist in den Flächenländern Bayern und Brandenburg die Botendienstquote mit 2,7 Prozent am zweitniedrigsten.

24 Apotheken verursachen ein Viertel der Ausgaben

Und dann gibt es Apotheken, die die neue Abrechnungsmöglichkeit besonders extensiv nutzen: „Allein 24 Apotheken (von über 14.000) sind für ein Viertel der Ausgaben verantwortlich. Bei den fünf Spitzenreitern, die die höchsten Beträge abgerechnet haben, liegt die Quote durchschnittlich bei 17 Prozent“, heißt es im Text. Einige Apotheken hätten sogar für bis zu 50 Prozent aller Arzneimittel einen Botendienst abgerechnet. Für sie rechne sich das Geschäft, so die Autorinnen: Während die durchschnittliche Apotheke seit Einführung etwa 2.000 Euro für den Botendienst von den Ersatzkassen erhalten habe, habe der Spitzenreiter im gleichen Zeitraum mehr als 70.000 Euro erlöst. „Hochgerechnet auf die gesamte GKV und ein ganzes Jahr ergibt sich der schwindelerregende Wert von etwa 200.000 Euro.“

Und die vdek-Vertreterinnen fürchten Nachahmer: Stehen der Fuhrpark und das Personal erstmal, lohnt sich die Sache betriebswirtschaftlich immer mehr. „Vor diesem Hintergrund ist zu befürchten, dass mehr Apotheken auf den Zug aufspringen und die Kosten dafür noch erheblich steigen werden.“ Die Einführung des E-Rezepts werde diese Entwicklung sicher noch befördern, so die Autorinnen.

Entschädigung für die Nicht-Untersagung des Rx-Versandhandels

Zuletzt behaupten die Autorinnen noch, die „zusätzlich zur regulären Vergütung“ eingeführte Leistung sei „weder geeignet, die Rolle der Apotheken in der flächendeckenden Gesundheitsversorgung zu stärken, noch die Versorgung für die Versicherten spürbar zu verbessern“. Woran sie das festmachen, lassen sie allerdings offen. Ihre Schlussfolgerung ist, die Botendienstvergütung müsse „wahrscheinlich als eine ‚Entschädigung‘ der Apothekerschaft dafür betrachtet werden, dass der Versandhandel von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln aus europarechtlichen Gründen nicht untersagt werden konnte“. Auch das ist eine zumindest nicht unumstrittene These. Immerhin gilt in zahlreichen EU-Mitgliedstaaten das Rx-Versandverbot.



Kirsten Sucker-Sket (ks), Redakteurin Hauptstadtbüro
ksucker@daz.online


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6 Kommentare

Wo ist die Fachkompetenz der Kassen geblieben?

von Thomas Eper am 19.08.2021 um 11:48 Uhr

"...Versandapotheken diesen Service kostenfrei erbringen..."

Also für die Kassen ist Postbote, DHL-Fahrer identisch mit dem pharmazeutischen Personal einer Apotheke!?
Versandapotheken liefern auch Kühlartikel?
Nee, aber Zäpfchen bei 35° C!

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Versteh ich nicht

von Stefan Haydn am 19.08.2021 um 9:59 Uhr

Wo ist denn ein Arzneimittel für die Kassen im Versand billiger?
Wäre mir neu, dass der Versender die Rabatte an die Kassen statt an die Kunden durchreicht.
Oder existieren da Geheimverträge?

» Auf diesen Kommentar antworten | 0 Antworten

Botendienst und Land

von Karl Friedrich Müller am 19.08.2021 um 8:27 Uhr

mich würde mal interessieren, wie Politik und KK sich die Versorgung in Zukunft so vorstellen.
Eine Reduzierung der Apotheken stellt kein Problem dar für ländliche und strukturschwache Gebiete - angeblich. (Dittmar, SPD) Es kommt ja das eRezept. Gedacht wird dabei auch an den Botendienst, der hier mit Sicherheit unterbezahlt ist. Da sind nicht nur viele Kilometer zu bewältigen, auch viel Zeit ist zu investieren. Und die notwendige Beratung? Telepharmazie? und wenn das nicht geht? Auch noch beim Botengang vor Ort? Wie soll das zu bewältigen sein?
Bezahlen will man das nicht (Dittmar und vermutlich KK), weil Anpassungen ja erst geprüft werden müssen und abgewartet werden muss. Bis halt alles zerstört ist. Was dabei herauskommt, sieht man nun beim Afghanistan Desaster, in der Coronapolitik,, Umwelt und Krisenbvorsorge (Ahrtal).
Die Politik steckt den Kopf in den Sand, hofft, dass es gut geht und wenn nicht, dass es schnell vergessen wird.
Die Politik hat massiv an Vertrauen verloren
In Politik und Verwaltungen, KK werden Probleme ignoriert und nur Phrasen gedroschen - eine Haltung, die dem ganzen Staat schadet.
Immer nur Digitalisierung schreien und darauf hoffen, geht nicht, schon weil Deutschland auch da den Anschluss längst verpasst hat.

» Auf diesen Kommentar antworten | 1 Antwort

AW: Botendienst und Land

von Karl Friedrich Müller am 19.08.2021 um 8:36 Uhr

= Digitalisierung läuft ja ohne analoge Vorgänge nicht. Das scheint überhaupt nicht in den Köpfen zu sein. Mit der Bestellung und digitalen Übermittlung ist der Vorgang nicht beendet. Die Arbeit beginnt erst.
Mal abgesehen davon, dass es eine ungeheure Umweltbelastung darstellt. Energie und Müll - das in der Klimakrise.

Wer die „gleich langen Spieße“ findet, darf sie behalten

von Ein Autor :-) am 18.08.2021 um 23:07 Uhr

Interessante Ausführungen der beiden Verbandsmitarbeiterinnen - mit dem Ziel die Leser des „ersatzkasse magazin“ objektiv zu informieren?
Nagut, Intention ist klar - verstanden - und es darf und muss auch alles hinterfragt werden - aber bitte allumfassend, soweit möglich.

Wenn der Vergleich mit insb. EI-Versandapotheken herhalten soll, ok:
- EU-Versandapotheke mit überwiegend fachfremdem Beteiligungskapital (ja, recht viel Geld), mit dem sich recht schnell und ordentlich Marktanteile im Zielmarkt kaufen lassen - zB auch mit dem kleinen „Mittel“ kostenfreier Versand für RX-Bestellungen -> Rentabilität ist da erstmal egal
- zumindest bis ins letzte Jahr haben/durften die EU-Versandapotheken noch Boni/Rabatte auf RX-Medikamente ge/geben -> Wirtschaftlichkeit mal hinten angestellt
- wenn die EU-Versandapotheken nun auch pharmazeutisches Fachpersonal bereitstellen müssten, um allen Kunden gerne telefonisch eine im Umfang (an der Qualität wird mal nicht gezweifelt) vergleichbare Beratung bereitstellen zu können wie in einer deutschen Vor-Ort-Apotheke - mmmhhh, vll. würde die Profitabilität doch mal ins Licht rücken - aber gut, online wird recht wenig nachgefragt

„Auskömmlich“ (ich denke, hier ist kostendeckend gemeint) sind die 2,50 € in vielen Fällen nicht - außer bei der Belieferung ganzer Häuserblocks (gibts da im Saarland mehr als anderswo?).
Anderseits nutzen Apotheken den Botendienst zur Kundenbindung oder Gewinnung neuer Kunden. Das entspricht auch einem Wert, der meinetwegen die Differenz zu den tatsächlichen Lieferkosten darstellt.

Nur weil die Apotheken den Botendienst immer ohne Vergütung angeboten haben, heißt das nicht, dass er für das allgm Gesundheitswesen nichts wert ist.

Eine Regulierung (Botendienst nur für gebrechliche) führt wieder nur zu mehr Bürokratie und Mehraufwand/Kosten, der/die dem (mE) im allgemeinen sehr vernünftigen Umgang mit dem Angebot Botendienst nicht gerecht werden würde.

Also weiter 2,50€ - alles gut - bitte jetzt weiter, auf zu neuen Ufern!

PS: Und ja, mit dem eRezept rückt die Bedeutung des Botendienstes nochmal in ein ganz anderes Licht - unabhängig von den 2,50€. Wird interessant…

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Hallo? Geht's noch?

von Armin Spychalski am 18.08.2021 um 18:55 Uhr

Ursprünglich waren es 5 Euro netto, was unter Umständen(!) auskömmlich ist und das ist noch sehr wohlwollend von meiner Seite. Sehr schnell wurde das Honorar um 50% gekürzt und das ist ein nicht kostendeckender Zuschuss, aber besser als nix. Wir kennen das vom Notdienst. Und ich bitte zu berücksichtigen, es gibt nicht mal diesen läppischen Zuschuss für Non-Rx, Medizinprodukte, Hilfsmittel im Botendienst. Bekanntlich weiß der Kunde zu unterscheiden und lässt sich sowas auch gar nicht schicken ;) .

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