Erfahrungen aus dem Impfzentrum

Apotheker bei der Impfstoffrekonstitution: richtig und wichtig!

Stuttgart - 08.01.2021, 12:15 Uhr

Im Bild: Apotheker Fritz Klink aus Groß-Gerau bereitet den Corona-Impfstoff vor. Wie wichtig pharmazeutisches Personal bei der Rekonstitution ist, verdeutlicht auch der junge Apotheker Michael Gabel in den sozialen Medien. (Foto: imago images / Marc Schüler)

Im Bild: Apotheker Fritz Klink aus Groß-Gerau bereitet den Corona-Impfstoff vor. Wie wichtig pharmazeutisches Personal bei der Rekonstitution ist, verdeutlicht auch der junge Apotheker Michael Gabel in den sozialen Medien. (Foto: imago images / Marc Schüler)


Seit etwas mehr als einer Woche werden in ganz Europa Menschen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 geimpft. Bei der Rekonstitution des Impfstoffes wirkt in manchen Bundesländern pharmazeutisches Personal mit. Ein junger Approbierter, der selbst in einem Impfzentrum tätig ist, hat in den sozialen Netzwerken die aus seiner Sicht vorhandenen „Stolpersteine“ beschrieben und geteilt. Mit seinen Gedanken will er zeigen, dass es richtig und wichtig ist, hier die pharmazeutische Kompetenz zu nutzen. 

„Stolpersteine der Impfstoffherstellung“ hat Apotheker Michael Gabel seinen Beitrag, den er in den sozialen Netzwerken geteilt hat, überschrieben. Er kennt sie, weil er selbst in einem Impfzentrum in Bayern tätig ist – allerdings auf eigene Initiative. Im Gegensatz zu beispielsweise Rheinland-Pfalz und Berlin, wo die Kammer aktiv pharmazeutisches Personal rekrutierte, wurde nämlich in Bayern auf den systematischen Einsatz von Apotheker:innen und PTA in den Impfzentren verzichtet. Anscheinend wurde es nicht für notwendig befunden. Er selbst habe oft den Satz gehört: ,,Das bisschen Zusammenmischen, das ist doch nicht schwer. Das bekomme ich selbst hin‘‘, schreibt Gabel. Der Vorgang selbst sei tatsächlich nicht kompliziert, ebenso wenig wie z. B. der Vorgang des Impfens. Es ist in seinen Augen kein Hexenwerk. Dennoch sollten einige Dinge bedacht werden und das Personal gut geschult werden, findet er. „Ich habe diese Woche einige Impfdosen rekonstituiert. Dabei sind mir einige Stolpersteine aufgefallen, die ich gerne mit euch teilen möchte“, erklärt er. Dann schildert er Schwierigkeiten, welche die Stabilität beeinflussen können und mikrobielle Stolpersteine:

Schwierigkeiten, die die Stabilität beeinflussen können

  • Unsachgemäßer Transport der Impfdosen nach dem Verdünnen (z. B. auf einem Rollwagen),
  • zu starkes Schütteln der Impfdosen bei der Herstellung,
  • Verwendung von zu kleinen Kanülen,
  • zu schnelle Injektion (Scherkräfte/Druck schädigen die mRNA),
  • Verwendung von zu großen Spritzen (Dosierungsprobleme),
  • größere Luftansammlung in der Spritze (mehrmaliges Aufziehen/Austreiben schädigt mRNA),
  • Nichteinhaltung der Kühlkette (Schädigung der mRNA).

All das sind Möglichkeiten, die die mRNA schädigen können. Was wäre die Folge? Mehr oder weniger funktionsfähiger Impfstoff pro Impstoffdose. Vermutlich ändert dies an der Wirksamkeit der Immunantwort nichts, allerdings sollte man bedenken, dass der ganze Aufwand drum herum (Impfzentren, Logistik, Personal) nur dafür betrieben wird, dass die Bevölkerung diesen Impfstoff ordnungsgemäß verabreicht bekommt. Möchte man dann letztendlich Abstriche hinnehmen? 

Mikrobielle Stolpersteine

  • Schlechte Arbeitsplatzdesinfektion,
  • fehlendes Tragen von Schutzausrüstung,
  • mehrfache Verwendung derselben Kanülen,
  • fehlende Händedesinfektion,
  • Störung des Herstellungsvorgangs durch anderes Personal,
  • unprofessionelles aseptisches Arbeiten.

All das sind mikrobielle Stolpersteine. Was sind hiervon die Folgen? Verschleppen von Keimen, Infektion an der Einstichstelle? Blutvergiftung? Klar, das Risiko ist gering, aber es ist vorhanden. 
Biontech selbst gibt in seiner Fachinformation eine chemische und physikalische Stabilität des verdünnten Impfstoffs von 6 Stunden bei 2-30°C an. Allerdings schreiben sie wortwörtlich: ,,Aus mikrobiologischer Sicht sollte das Produkt sofort verwendet werden. Bei nicht sofortiger Verwendung liegen die Aufbewahrungszeiten und -bedingungen für den Gebrauch in der Verantwortung des Benutzers.“ 

Quelle: Michael Gabel auf Facebook

Das Bundesland Bayern verzichte in den Impfzentren auf pharmazeutisches Personal, schreibt er weiter. Weil es den Einsatz von Pharmazeuten für unnötig halte. Witzigerweise arbeite er in einem Impfzentrum in Bayern. Die Unterschiede in der Herstellung seien gravierend. Gabel hat auch eine Theorie, warum das so ist: „Als Pharmazeut besitzt man eine andere Sichtweise. Das Studium trimmt durch die vielen Laborzeiten auf eine saubere Arbeitsweise und die professionelle Umsetzung von Herstellungsanweisungen. Als Pharmazeut sieht man eben nicht nur das Zusammenmischen des Impfstoffes, sondern auch die Hintergründe hinter der Herstellung. Und man studiert eine Fachinformation und die richtige Herstellung, bevor man loslegt.“ Dabei verweist er auf die Impfpanne in Stralsund, wo Patienten die fünffache Dosis verabreicht worden war, weil sich offensichtlich nicht alle Beteiligten im Vorfeld eingelesen hatten.

Sein Fazit:

„Man könnte sagen, man arbeitet mit einem rohen Ei. Man kann es in die Hand nehmen, es geht nicht sofort kaputt. Aber man sollte vorsichtig damit umgehen. Die Herstellung ist kein Hexenwerk. Ebenso wenig wie das Impfen. Aber eine gründliche Vorbereitung ist wichtig. Gerade, wenn das mediale Interesse nur nach Fehlern/Problemen sucht, ist ein fehlerfreies Arbeiten umso wichtiger. Man trägt eine Verantwortung. Das Wohl des Patienten steht im Vordergrund. Die Herstellung sollte von gut geschultem (am besten pharmazeutischem) Personal durchgeführt werden. Es ist eben nicht nur: ‚Das bisschen zusammenmischen, das ist doch nicht schwer. Das bekomme ich selbst hin‘.“  

Im Gespräch mit DAZ.online erklärt der Apotheker, dass er sich freue, dass hier tatsächlich zumindest in manchen Bundesländern einmal die pharmazeutische Kompetenz der Apotheker genutzt werde. Im Alltag sei das noch viel zu selten der Fall.


Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ.online
jborsch@daz.online


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4 Kommentare

Pharmazeuten im Impfzentrum

von Chris am 11.01.2021 um 18:33 Uhr

Vielen Dank für die interessante Schilderung und die Hinweise auf potentielle Probleme!
Eine kleine Anmerkung sei mir erlaubt ...
Ich glaube nicht, dass die mRNA so sehr sensibel ist (in Bezug auf Scherkräfte/Druck). Sie ist einzelsträngig und nach meinen Kenntnissen nicht gefaltet bzw. räumlich strukturiert (wie bei monoklonalen Antikörpern).
Ich habe mich darüber schon mit meinem früheren Professor für pharmazeutische Biologie ausgetauscht.
Sehr wahrscheinlich sind die Lipidnanopartikel (LNP) sehr sensibel diesbezüglich.
Und wenn wir das "Transportvehikel" bei der Rekonstitution beschädigen, kommt die mRNA vermutlich nicht an Ihr Ziel und wird enzymatisch abgebaut ...

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Pharmazeuten im Impfzentrum

von Der "Pingel" am 09.01.2021 um 9:49 Uhr

In Baden-Württemberg sieht das teilweise anders aus:
Die Malteser organisieren beispielsweise das ZIZ in Offenburg und haben die hohen Anforderungen an die Qualität der Herstellung durch qualifiziertes pharmazeutisches Personal (Apotheker und hauptsächlich PTAs) voll auf ihrem Schirm!
Am Sylvester-Nachmittag um 16:40h (!) bekam ich eine Email mit der Bitte mich zurück zu melden, wann ich zu einem Gespräch kommen könne. Am 01.01.2021 wurde ich angerufen und am 02.01.2021 zum Personalgespräch eingeladen. Am 06.01.2021 war mein erster Arbeitstag, da ich nur an Sonn- und Feiertagen Zeit habe, da die Apotheke ja auch noch Apotheker braucht.
Es ist alles sehr professionell organisiert, das tolle Laborteam hat die "Schwierigkeiten" aus dem obigen Kasten voll im Griff!
Es macht Freude mit zu helfen und gebraucht zu werden!

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AW: Pharmazeuten im Impfzentrum

von Recovering Pharmacist am 09.01.2021 um 14:08 Uhr

Da kann man ja nur neidisch werden...ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, warum das in Bayern so ist. Die BLAK konnte mir auf Nachfrage keine Auskunft erteilen, die haben mein Anliegen gar nicht verstanden. Bei der ABDA wurde ich gefragt, was denn die BLAK dazu sage :-D ...echt lustig...

Pharmazeutische Expertise....

von Recovering Pharmacist am 08.01.2021 um 18:50 Uhr

Ja so schaut es leider aus in Bayern....da hat der Kollege ja wahrlich Glück, wenn man ihn auf "eigene Initiative hin" überhaupt einen Blick auf das Ganze werfen lässt, von einer Anhörung seiner pharmazeutischen Kompetenz ganz zu schweigen, das ist ja schier unglaublich!! Ich hab es versucht, kein Interesse und kein Bedarf. Die Ärzte und MFAs machen das doch ganz easy zwischen Tür und Angel....

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