Online-Kammerversammlung in Schleswig-Holstein

Christiansen zuversichtlich trotz dystopischer Entwicklungen

Kiel - 23.11.2020, 13:00 Uhr

Dr. Kai Christiansen: „Nicht den Kopf in den Sand stecken." (Foto: tmb/ DAZ.online)

Dr. Kai Christiansen: „Nicht den Kopf in den Sand stecken." (Foto: tmb/ DAZ.online)


Trotz vieler Bedrohungen für die Apotheken möchte Dr. Kai Christiansen den Kopf nicht in den Sand stecken. Der Präsident der Apothekerkammer Schleswig-Holstein appellierte an die Politik, das System der Arzneimittelversorgung zu verteidigen. Zugleich sollten die Apotheker bei der Digitalisierung „selbst etwas bewegen statt bewegt zu werden“. Als besonders spannende Idee aus der Diskussion bei der jüngsten Kammerversammlung in Schleswig-Holstein erscheint der Vorschlag, das Pharmaziestudium auf zehn Semester zu verlängern, um Naturwissenschaft und Klinische Pharmazie zu verbinden.

Die Online-Kammersammlung der Apothekerkammer Schleswig-Holstein am 18. November hat gezeigt, dass auch in einer Online-Veranstaltung umfassende und engagierte Diskussionen möglich sind. Für Kammerpräsident Dr. Kai Christiansen erscheinen einige der jüngsten Ereignisse wie Ideen aus einem dystopischen Zukunftsroman: der Auftrag für den Aufbau des E-Rezepts an ein Unternehmen, das von sich selbst behaupte, mit dem E-Rezept richtig durchstarten zu können, der Auftritt politischer Entscheidungsträger mit den Masken dieses Unternehmens und der Pakt des Gesundheitsministeriums mit dem größten Internetanbieter der Welt. Außerdem habe mit der Einführung von Amazon Pharmacy der größte Internetversender das Feld der Arzneimittelversorgung in Amerika betreten. Die Apotheken seien den freien Kräften am Markt ausgesetzt, aber die Versorgung der Bevölkerung sei „so wichtig und gleichzeitig so anfällig für disruptive Geschäftsmodelle von Großkonzernen, dass die Politik die Aufgabe hat, dieses hohe Gut zu verteidigen“, erklärte Christiansen. Doch er wolle auch jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken. Denn „in unseren Apotheken sind alle Kunden Prime-Kunden“. Die Belieferung innerhalb weniger Stunden sei seit Jahrzehnten Standard.

Botendienst wird immer wichtiger

Mit Blick auf die ABDA erklärte Christiansen, das Grundkonzept habe sich gerade in der Coronakrise bewährt. Die Apotheker hätten mit einer Stimme gesprochen und seien damit ein verlässlicher Ansprechpartner der Politik. Allerdings sei auch er nicht mit allem dort einverstanden. Beispielsweise sei der Botendienst lange „in eine Schmuddelecke gesteckt“ worden. Doch der Botendienst habe sich mehr als bewährt. Die Verstetigung der Botendienstpauschale sei daher absolut logisch, auch wenn die Kappung schmerze. Der Botendienst werde mit dem E-Rezept noch mehr an Bedeutung gewinnen, erwartet Christiansen. Dennoch sei keine Apotheke zum Botendienst verpflichtet.

Mehr zum Thema

Zum Vor-Ort-Apothekenstärkungsgesetz erklärte der Kammerpräsident, im nächsten Jahr gelte es darauf zu achten, dass die Umsetzung gelingt. Wenn die europäischen Versender aber „mit Vorsatz in die Leitplanken dieses Gesetzes rasen“, könne der nächste Schritt nur das Rx-Versandverbot sein. Zugleich sollten die Apotheker bei der Digitalisierung „selbst etwas bewegen statt bewegt zu werden“. Apothekeninhaber müssten schon heute überlegen, „wie ihre jetzigen Kunden auch in einer digitalen Welt ihre Kunden bleiben“. Sie sollten ihre Stärken ausspielen und die digitalen Prozesse gestalten. Zur Einführung neuer pharmazeutischer Dienstleistungen zeigte sich Christiansen optimistisch, aber den Krankenkassen müsse klar sein, dass die Apotheker sie nicht ehrenhalber erbringen. Christiansen sprach sich gegen Selektivverträge für Dienstleistungen aus. Er wünsche sich, dass die ABDA Hilfen gebe, damit auch kleine Apotheken solche Leistungen erbringen können.



Dr. Thomas Müller-Bohn (tmb), Apotheker und Dipl.-Kaufmann
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

Jedes Jahr Honorarerhöhung

von Rainer W. am 24.11.2020 um 13:42 Uhr

Ich bin erst zuversichtlich wenn wir jedes Jahr eine Honorarerhöhung bekommen.

So wie Ärzte, Beamte, Angestellte und alle anderen Branchen. Das Honorar gehört jedes Jahr nach oben angepasst.

Die erste Anpassung darf ruhig üppig ausfallen, größenordnung 40-50%, um den Stillstand und die gesteigerten Kosten und Inflation auszugleichen. Danach gebe ich mich mit einer Erhöhung gekoppelt an die erhöhung Abgeordnetendiäten zufrieden.

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