IQVIA-Daten zum Apothekenmarkt

Kein kompletter Einbruch, aber einige ungünstige Signale

Süsel - 02.09.2020, 10:30 Uhr

Bei OTC gehen sowohl Umsatz als auch Absatz zurück. (Foto: Schelbert)

Bei OTC gehen sowohl Umsatz als auch Absatz zurück. (Foto: Schelbert)


Im Markt der Arzneimittel und apothekenüblichen Waren gibt es bisher offenbar keinen wirtschaftlichen Einbruch durch die Pandemie, aber durchaus Zeichen für ungünstige Entwicklungen. Die jüngsten Daten des Marktforschungsunternehmens IQVIA reichen bis zur 29. Kalenderwoche. Bis dahin hat der Umsatz im Apothekenmarkt sogar um 
3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zugenommen. Jedoch ging der Absatz um 2,8 Prozent zurück und diese Daten beziehen sich auf den gesamten Apothekenmarkt. Die Verteilung auf Vor-Ort-Apotheken und Versender bleibt dabei offen.

Die jüngsten Daten des Marktforschungsunternehmens IQVIA in der Publikation „Einblicke - Apothekenmarkt kompakt“ vom August beschreiben die Marktentwicklung bis zur 29. Kalenderwoche, also bis zum 19. Juli. Gemäß diesen Daten ist der Umsatz des Apothekenmarktes in den ersten 29 Wochen des Jahres 2020 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 3,4 Prozent auf 34,3 Milliarden Euro gestiegen. Dabei legte der Umsatz der Rx-Arzneimittel sogar um 4,7 Prozent zu. Dagegen sank der Umsatz mit OTC-Arzneimitteln und apothekenüblichen Waren um 1,4 Prozent.

Absatzrückgang in fast allen Segmenten

Die Zahl der abgegebenen Packungen ging in beiden Teilbereichen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zurück. Es wurden 0,2 Prozent weniger Rx-Packungen und 4,6 Prozent weniger OTC-Packungen umgesetzt. Insgesamt sank die Zahl der abgegebenen Packungen um 2,8 Prozent. Steigende Umsätze bei sinkenden Absätzen ergeben sich, wenn die Preise steigen oder mehr größere Packungen abgegeben werden. Insbesondere der Blick auf den Gesamtumsatz zeigt, dass der Apothekenmarkt bis zur 29. Kalenderwoche durch die Pandemie keinen massiven Schaden genommen hat. Doch leider lässt sich aus den präsentierten Daten nicht erkennen, wie sich die Umsätze und Absätze auf Vor-Ort-Apotheken und Versender verteilen. Für die Hersteller von Rx-Arzneimitteln sind die Daten demnach eine Entwarnung, für die Apotheken und für die Hersteller einiger anderer apothekenrelevanter Produkte nur bedingt.

Aus Apothekerperspektive weniger erfreulich erscheint die genauere Analyse zum nicht verschreibungspflichtigen Markt. Denn die Zahl der Packungen ist bei den OTC-Arzneimitteln um 5,8 Prozent gesunken, wobei sogar Desinfektionsmittel mitzählen. Einen Zuwachs gab es nur bei den „Produkten des medizinischen Sachbedarfs“, bei denen Apotheken mit anderen Anbietern konkurrieren. In diesem Segment wurden 4,2 Prozent mehr Packungen abgegeben. Das verwundert nicht, denn dazu zählen Mund-Nasenschutz, Tests und Hilfsmittel. Der Absatz von Kosmetika und Körperpflegemitteln sank um 6,2 Prozent. Der Absatz von ernährungsbezogenen Produkten ging sogar um 10,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück. Möglicherweise verlagerten sich diese Umsätze zu anderen Anbietern.

Langsame Normalisierung bei pandemierelevanten Produkten

Mit Blick auf die Pandemie erscheinen einige Produktgruppen besonders interessant und auch dazu liefert die jüngste IQVIA-Publikation neue Daten. Demnach wurden in der 29. Kalenderwoche 215.600 Packungen Desinfektionsmittel im Apothekenmarkt abgegeben. Der Absatz von Desinfektionsmitteln war in der 26. bis 29. Kalenderwoche um 12,6 Prozent niedriger als im vorherigen Vier-Wochen-Zeitraum. Ähnliches gilt für Mund-Nasen-Schutzmasken. In der 26. bis 29. Kalenderwoche war ihr Absatz um 5,0 Prozent geringer als im Vier-Wochen-Zeitraum davor. Offenbar nimmt der Ersatzbedarf bei diesen Produkten ab.

In der 29. Kalenderwoche wurden 2.465.500 Packungen mit Mitteln gegen Erkältungen abgegeben. In der 26. bis 29. Kalenderwoche waren es 16,6 Prozent mehr als im vorherigen Vier-Wochen-Zeitraum, aber bemerkenswerte 26,5 Prozent weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Möglicherweise greifen viele Patienten nun im Bedarfsfall auf Vorräte zurück, die sie am Anfang des Lockdowns angelegt hatten. Doch scheinen die Absätze langsam wieder auf dem Weg zum früheren Niveau zu sein. Auf jeden Fall dürften diese Veränderungen in den Apotheken deutlich zu spüren sein. Eine ähnliche Entwicklung gilt für „allgemeine Schmerzmittel“. Davon wurden in der 29. Kalenderwoche 1.574.200 Packungen abgegeben. Von der 26. bis zur 29. Kalenderwoche waren es 11,2 Prozent mehr als im vorherigen Vier-Wochen-Zeitraum, aber 14,5 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Auch hier bleibt die Verteilung auf Vor-Ort-Apotheken und Versender offen.

Viele Ärzte bieten Videosprechstunden

Dass Versorgungsangebote ohne persönlichen Kontakt durch die Pandemie an Bedeutung gewonnen haben, zeigt IQVIA mit anderen Daten. Demnach boten Anfang des Jahres weniger als 0,5 Prozent der Arztpraxen Videosprechstunden an. Im April 2020 waren es dagegen 11,9 Prozent der Hausarzt- und 12,5 Prozent der Facharztpraxen.

Analyse zum dermopharmazeutischen Markt

Außerdem bietet die jüngste IQVIA-Publikation eine Sonderauswertung zu Haut- und Sonnenschutzmitteln. Demnach waren die drei Packungsgrößen mit 20, 50 und 100 Gramm Bepanthen Wund- und Heilsalbe in den zwölf Monaten bis Juni 2020 die meistverkauften Hautmittel im gesamten Apothekenmarkt und auch in der isolierten Betrachtung der Versender. Das meistverkaufte Sonnenschutzmittel in dieser Analyse waren sowohl im Gesamtmarkt als auch im Versand 80 Gramm Actinica Lotion 50+50.



Dr. Thomas Müller-Bohn (tmb), Apotheker und Dipl.-Kaufmann
redaktion@daz.online


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