RKI-Impfsurveillance

Rund 35.000 Sechsjährige ohne Masern-Schutz

Berlin - 30.07.2020, 17:50 Uhr

Bald ist es Zeit fürs neue Schuljahr und die Einschulung der Erstklässler. Doch in diesem Jahr wird vieles anders sein. Nicht nur wegen Corona. Auch eine Masernimpfpflicht gibt es nun. (Foto: imago images / snapshot)

Bald ist es Zeit fürs neue Schuljahr und die Einschulung der Erstklässler. Doch in diesem Jahr wird vieles anders sein. Nicht nur wegen Corona. Auch eine Masernimpfpflicht gibt es nun. (Foto: imago images / snapshot)


Zum ersten Mal legt das Robert Koch-Institut Daten aus den Schuleinangsuntersuchungen vor. Die Zahlen zeigen: Tausende Kinder haben im Alter von sechs Jahren noch keine Masernschutzimpfung erhalten. Auch die Abrechnungsdaten der niedergelassenen Ärzte sind in die Erhebung eingeflossen.

Mit dem Masernschutzgesetz hat die Bundesregierung die Immunisierung gegen das Masernvirus zur Pflicht gemacht. Kinder, die eine erfolgte Impfung nicht erhalten haben, können vom Besuch von Gemeinschaftseinrichtungen wie Kitas ausgeschlossen werden. Den Eltern drohen Geldstrafen in Höhe von bis zu 2.500 Euro. Ziel des Gesetzgebers ist es, die Impfquoten gegen Masern zu erhöhen. Denn in der Vergangenheit wurden immer wieder lokale Ausbrüche verzeichnet.

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Der Schulbesuch kann den Kindern wegen der in Deutschland geltenden Schulpflicht allerdings nicht verwehrt werden. Nach den Zahlen, die das Robert Koch-Institut (RKI) jetzt online im Epidemiologischen Bulletin veröffentlicht, hat das zur Folge, dass nun rund 35.000 Kinder im schulfähigen Alter ohne jeglichen Masernschutz die deutschen Lehranstalten besuchen könnten. Zum ersten Mal zog das Institut die Ergebnisse der Schuleingangsuntersuchungen zusammen mit den Abrechnungsdaten der niedergelassenen Ärzte heran und stellt die Ergebnisse in einer Gesamtschau dar. Die Auswertung ist im Epidemiologischen Bulletin 32/33 2020 erschienen und wird künftig einmal pro Jahr veröffentlicht werden.

„Bundesweite Untersuchungen zum Impfstatus sind in Deutschland eine Herausforderung", schreibt das RKI in einer begleitenden Pressemitteilung. Der größte Teil der Kinder- und Jugend-Impfungen findet demnach in der kinderärztlichen Praxis statt. Alle Impfungen werden im Impfausweis dokumentiert und bei den Schuleingangsuntersuchungen von den Gesundheitsämtern ausgewertet. „Ob aber die Impfungen zeitgerecht erfolgt sind, wird in den Schuleingangsuntersuchungen nicht überprüft." Hierzu zieht das Institut nach eigenen Angaben die Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigungen heran. „Für verlässliche Aussagen über das nationale und regionale Impfgeschehen müssen daher die Auswertungen der Schuleingangs- und Abrechnungsdaten zusammengeführt und gemeinsam betrachtet werden."

RKI: Regionale Impflücken untersuchen

Für die aktuelle Analyse haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des RKI die Daten zum Impfstatus aus den Schuleingangsuntersuchungen 2018 und Abrechnungsdaten bis einschließlich 2019 verwendet. „Die Analysen zeigten große regionale Unterschiede beim Impfstatus und in manchen Regionen werden ausreichend hohe Impfquoten erreicht", erläutern sie. Lokal niedrige Impfquoten könnten für Ausbruchsgeschehen verantwortlich sein, sobald ein hochansteckender Erreger wie beispielsweise das Masernvirus in solche Regionen importiert wird. „Die Ursachen solcher regionaler Impflücken sollten untersucht und Gegenmaßnahmen ergriffen werden."

Generell zeigte sich in den Auswertungen zum Impfstatus bei Schuleingang laut RKI ein leichter Rückgang der Impfquoten bei den Impfungen gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten in den vergangenen Jahren. Bei der Impfung gegen Poliomyelitis und Haemophilus influenzae Typ b scheint dagegen zum Stillstand eingekehrt zu sein. Die Impfquoten der Hepatitis-B-Impfung seien erstmals wieder leicht angestiegen. Auch bei der Masernimpfung verzeichnet das RKI einen leichten Anstieg über die vergangenen Jahre. Im Alter von 24 Monaten waren demnach zuletzt 68 Prozent der Kinder zweimal gegen Masern geimpft. Zum Schuleingang hatten 93 Prozent der Kinder die zweite Impfung erhalten. 

Mädchen besser gegen HPV geschützt

Darüber hinaus seien die 15-jährigen Mädchen über die vergangenen Jahre immer besser gegen Humane Papillomaviren (HPV) geschützt. „Dieser Anstieg geht vermutlich vor allem auf das von der Ständigen Impfkommission (STIKO) 2014 gesenkte empfohlene Impfalter zurück, einer damit einhergehenden besseren Erreichbarkeit der Kinder über Routinevorsorgeuntersuchungen und der Möglichkeit eines reduzierten Impfschemas", so das RKI. Wie stark die HPV-Impfung von Jungen genutzt wird, für die die HPV-Impfung seit 2018 empfohlen ist, werde ein Schwerpunkt des Berichts im kommenden Jahr sein.

RKI-Präsident Professor Lothar Wieler sagte mit Blick aus die vorliegenden Zahlen: „Die Ergebnisse zeigen, dass immer noch wichtige Impfziele verfehlt werden. Entscheidende Impfquoten bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland sind in allen Altersbereichen zu niedrig.“ Zudem würden Impfserien zu oft später begonnen, als von der STIKO empfohlen, und nicht zeitgerecht abgeschlossen. Dadurch blieben Kinder unnötig lange ungeschützt und es würden wichtige internationale Impfziele zur Ausrottung von Polio oder Masern verfehlt.



Christina Müller, Apothekerin, Redakteurin DAZ.online
redaktion@daz.online


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