Nachwuchssorgen in Westfalen-Lippe

Fürs Pharmaziestudium bald nach Bielefeld?

Stuttgart - 22.06.2020, 17:30 Uhr

Gibt es in Bielefeld bald einen neuen Standort fürs Pharmaziestudium? (Foto: imago images / Christian Ohde)

Gibt es in Bielefeld bald einen neuen Standort fürs Pharmaziestudium? (Foto: imago images / Christian Ohde)


Der Apothekerverband Westfalen-Lippe schlägt Alarm: Die flächendeckende Versorgung durch Vor-Ort-Apotheken könnten in naher Zukunft nicht mehr funktionieren. Neben der seit Jahren abnehmenden Zahl an Betriebsstätten macht der Verband auf die immer schwieriger werdende Nachwuchsgewinnung aufmerksam. Eine vom Institut Arbeit und Technik (IAT) durchgeführte Studie liefert nun eine düstere Prognose bis 2040. Verbandschef Dr. Klaus Michels sieht einen Ausweg aus der Krise in der Errichtung eines zweiten Pharmaziestandortes in der Region – neben Münster soll das rund 60 Kilometer östlich liegende Bielefeld den Bedarf an Nachwuchs-Apothekern decken.

Kammer und Verband der Apotheker in Westfalen-Lippe sind sich schon seit Jahren einig: Um den Nachwuchssorgen wirksam entgegenzuwirken, braucht die Region einen weiteren Standort für eine Pharmazie-Fakultät. Neben Münster sollte  es nach den Vorstellungen der Standesvertretung auch im 60 Kilometer weiter östlich liegenden Bielefeld die Möglichkeit geben, Apothekerinnen und Apotheker auszubilden. Damit wäre ein 23. Pharmazie-Standort bundesweit geschaffen und in den beiden Landesteilen Nordrhein und Westfalen-Lippe gebe es kein Ungleichgewicht mehr bei der Anzahl der Studienplätze.

Ab dem Wintersemester 2021/2022 ist an der Universität Bielefeld geplant, Medizin als Studien- und Forschungsfach anzubieten. Dafür befindet sich eine entsprechende Fakultät in Gründung. In Form eines Modellstudienganges soll es dann möglich sein, Humanmedizin zu studieren. Die Perspektive einer ambulanten Medizin soll dabei in besonderem Maße Berücksichtigung finden. Aktuell arbeiten etwa 250 Ärzte aus der Region sowie Vertreter anderer Fakultäten an einem Curriculum. Die Pharmazeuten würden diesen Weg am liebsten genauso gehen. Das wäre übrigens kein Novum: In Leipzig existiert seit dem Wintersemester 2016/2017 ein Modellstudiengang Pharmazie innerhalb der Medizinischen Fakultät.

Apotheker hoffen auf Unterstützung von NRW-Gesundheitsminister

Die Chancen, dass neben Bonn, Düsseldorf und Münster bald ein vierter Pharmazie-Standort im bevölkerungsreichsten Bundesland existieren könnte, stehen übrigens gar nicht so schlecht. Auf einer virtuellen Pressekonferenz am heutigen Montag gab Dr. Klaus Michels, Vorsitzender des Apothekerverbandes in Westfalen-Lippe bekannt, dass es diesbezüglich einen Austausch mit NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) gebe. 

Laumann hatte sich vor drei Jahren für eine Erhöhung der Zahl der Medizinstudienplätze durch die Einrichtung einer medizinischen Fakultät an der Universität Bielefeld eingesetzt. „Es ist nicht in Ordnung, dass zurzeit 70 Prozent aller Medizin-Studienplätze im Rheinland sind und nur 30 Prozent in Westfalen-Lippe – dort, wo das Problem am größten ist", begründete der Westfale gegenüber der Ärzte-Zeitung im November 2017. Mit Erfolg – der Modellstudiengang war beschlossene Sache, lediglich der Beginn verzögert sich um drei Jahre – ursprünglich war der Start für das Wintersemester 2018/2019 geplant.

Die Rolle Jens Spahns

Und dann gibt es in Berlin noch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Laumanns Parteikollege und zufällig aus dem westlichen Münsterland stammend. Bei öffentlichen Auftritten zeigt sich Spahn zudem mit Westfalen-Lippes Kammerpräsidentin und ABDA-Präsidentschaftskandidatin Gabriele Regina Overwiening in Harmonie. Spahns Wirkradius in der Hochschulpolitik ist zwar sehr begrenzt – die Schaffung von Studiengängen und Professorenstellen ist auch in Corona-Zeiten noch Sache der Länder – doch könnte die Bielefelder Pharmazie ihren Beitrag dazu leisten, die Zukunft der Vor-Ort-Apotheken zu sichern. Ein Kredo, dass sich der Bundesgesundheitsminister in der aktuellen Legislaturperiode bekanntlich auf die Fahnen geschrieben hat.

Wer weiß – bei den aktuellen Diskussionen um die pharmazeutischen Dienstleistungen sowie dem Für und Wider von Rx-Boni- und Rx-Versandverboten, könnte die Schaffung einer neuen pharmazeutischen Fakultät (oder wenigstens eines Modellstudienganges) so manche Standesvertreter (aus der Region) vielleicht besänftigen. Dass aus dem Bundesgesundheitsministerium heraus in die Entscheidungsfreiheiten der Pharmazeutischen Institute eingegriffen werden kann, zeigte in den letzten 20 Jahren beispielsweise die Berufung von Harald Schweim in Bonn

IAT-Studie: Jeder dritte Apothekeninhaber steht vor der Rente

Während auf der einen Seite die Zahl der älteren Patienten sowie der Arzneimittelbedarf in den nächsten Jahren weiter steigen wird, steht ein großer Teil der Apothekeninhaber kurz vor dem Ruhestand. Eine Entwicklung, die das Institut Arbeit und Technik (IAT) der Region Westfalen-Lippe attestiert und in einer Studie im Auftrag des Apothekerverbandes näher untersucht hat. Demnach werden bis  29,8 Prozent der Apothekeninhaber in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen. Schon heute ist jeder dritte Apothekeninhaber 60 Jahre und älter. Im Jahr 2040 wird eine Apotheke in Westfalen-Lippe durchschnittlich 257 ältere Patienten mehr zu versorgen haben. Die Zahl der Arzneimittel-Tagesdosen wird der IAT-Studie zufolge dann um 500 Millionen ansteigen (+12 Prozent). Daraus schließen sowohl das IAT als auch der Apothekerverband einen deutlichen Mehrbedarf an pharmazeutischer Beratung und zusätzlichen Dienstleistungen. Die Studienautoren gehen von 500 fehlenden Apotheker-Stellen in ganz Westfalen-Lippe aus. Zudem müssten Apotheker ersetzt werden, die in den kommenden Jahren in den Ruhestand treten. 

Seit rund zwölf Jahren sinkt die Zahl der Apotheken in Westfalen-Lippe dem Bundestrend entsprechend stetig. Gab es 2008 noch 2232 Betriebe, meldeten Kammer und Verband Ende 2019 eine Zahl von 1858 – der niedrigste Wert seit dem Jahr 1969.



Dr. Armin Edalat, Apotheker, Chefredakteur DAZ
redaktion@deutsche-apotheker-zeitung.de


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