Baden-Württemberg

Einzelapotheke schließt – Wegen Versandhandel und Ärztemangel

Stuttgart - 06.04.2018, 11:10 Uhr

Nur Wald und Wiesen
rund um Gaiberg? Muss die Linden-Apotheke am 30. Juni geschlossen werden? (Screenshot: Google Maps)

Nur Wald und Wiesen rund um Gaiberg? Muss die Linden-Apotheke am 30. Juni geschlossen werden? (Screenshot: Google Maps)


Die Linden-Apotheke im Rhein-Neckar-Kreis sucht – bislang erfolglos – einen Nachfolger. „Eine Katastrophe für Gaiberg droht“, wie die Rhein-Neckar-Zeitung am gestrigen Donnerstag schrieb. Vor allem die älteren Menschen sorgen sich: „Wie geht’s dann mit uns weiter“, wurde der Apotheker Rolf-Dieter Schaetzle beim Einkaufen im Nachbarort gefragt. Er wird bald 67. Findet sich kein Nachfolger, muss er die Apotheke schließen.

Auf der Homepage der Gemeinde Gaiberg sorgt man sich: „Gaiberg bald ohne Apotheke?“ Aus vielen Gründen hoffe die Gemeinde Gaiberg, dass die Linden-Apotheke an einen neuen Betreiber übergeben werden kann. Alle hätten großes Interesse daran, die Apotheke im Ort zu behalten. Wie die Rhein-Neckar-Zeitung  schreibt, sieht die Situation allerdings schlecht aus: Schaetzle hat seinen fünf Mitarbeitern zum Ende des Junis gekündigt. Dann müssten die rund 2500 Einwohner der Ortschaft ins etwa vier Kilometer entfernte Bammental oder ins acht Kilometer entfernte Heidelberg fahren.

Aber wie kommt es zu der Schließung der Apotheke? Aus verschiedenen Gründen seien im Laufe der Zeit immer weniger Kunden gekommen. Im Ort gebe es eine Hausarzt- und eine Zahnarztpraxis, also eigentlich keine schlechten Bedingungen. Schaetzle macht in der Rhein-Neckar-Zeitung vor allem den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln und damit die Bundespolitik dafür verantwortlich, dass immer mehr Apotheken ums Überleben kämpfen. 

Apothekesterben – eine Ursachensuche 

Gegenüber DAZ.online gibt Schaetzle zu, dass es eine Summe von Gründen gibt – das Internet sei aber ganz klar einer davon: Er erzählt von einer jungen Dame, die kürzlich drei einzelne Insulinspritzen für ihre Katze von ihm erwerben wollte. Er erklärte ihr, dass er ihr nur die gesamte Packung verkaufen könne. Daraufhin gab sie zu, dass sie diese bereits günstiger im Internet bestellt habe. Die Lieferung dauerte ihr jedoch zu lange, sodass sie jetzt die drei einzelnen vorab bräuchte. So etwas sei der „Tod jedes kleinen Geschäfts“. Er bat die Dame zu gehen. Der Wettbewerb sei einfach nicht fair. Viele andere Einzelhandelsgeschäfte seien schon lange tot.

Nun ist Gaiberg ein kleiner Ort, was andere Probleme mit sich bringt. Schaetzle sitzt selbst im Gemeinderat und beklagt: „Der Metzger hat schon zugemacht, den Bäcker haben wir noch.“ In der mehr als doppelt so großen Nachbargemeinde Bammental gebe es zwar noch drei Apotheken, sie profitiere aber von einem ganz anderen Einzugsgebiet, zudem gebe es dort Fachärzte. Schaetzle zufolge wird jedoch auch dort eine Apotheke schließen. Er fügt hinzu, dass man Brötchen vielleicht im Nachbarort kaufen und einfrieren könne – mit Arzneimitteln geht das nicht.

Die Gründe sind also divers. So sei zum Beispiel schon lange ein Neubaugebiet geplant, das teilweise auch durch die Fraktion der Grünen Liste blockiert werde, während Neubaugebiete in Nachbarorten gefördert würden. Konkret geht es um Streuobstwiesen, die auch Schaetzle für schützenswert hält, den Gegnern des Neubaugebietes gehe es aber wohl eher um ihre „grüne Aussicht“, meint er.

Warum sollte ein Nachfolger diese Bedingungen wählen?

1982 wurde die Linden-Apotheke in Gaiberg von Rolf-Dieter Schaetzle gegründet. Lange Zeit lief es gut, bis die Konkurrenz aus dem Internet kam. Doch auch jetzt läuft es nicht wirklich schlecht: „Wenn ich nicht 67 würde, dann könnte ich noch zehn Jahre weiter machen.“ Doch die Suche nach einem Nachfolger gestaltet sich als schwierig. Wenn seine Kunden wissen wollen, wie es weiter geht, ist er ehrlich: „Ich weiß es nicht“, sagte er gegenüber DAZ.online.

In der Pharmazeutischen Zeitung schalte er jede Woche eine kleine Annonce: „Kleine Landapotheke bei Heidelberg altershalber 6/18 gegen Warenlager abzugeben. Telefon 06223/47037.“ Grob überschlagen sei seine Apotheke für circa 30.000 Euro zu haben. Die Räume hat er gemietet. Interessenten hätten sich zwar gemeldet, aber die bräuchten noch Bedenkzeit – vor allem bei jüngeren Menschen versteht Schaetzle das. Die Situation, die in der Rhein-Neckar-Zeitung geschildert wird, sei zwar nicht gerade attraktiv für potentielle Nachfolger, die Apotheke habe aber eine Basis, auf der man sie weiterbetreiben könne, wenn man nicht unbedingt Porsche fahren wolle.

Außerdem scheint sich Schaetzle sicher zu sein, dass das Neubaugebiet trotz Blockade kommen wird. Gaiberg gehöre zur Metropolregion Rhein-Neckar. Arbeitgeber wie SAP sorgten dafür, dass Bauplätze gesucht werden. 

Noch ein Faktor: Der Ärztemangel

So unattraktiv wäre die Apotheken-Übernahme also gar nicht. Im weiteren Gespräch über die Hintergründe seiner Schließung spricht Schaetzle noch eine andere wichtige Thematik an: Der Erfolg einer Apotheke steht und fällt mit den umgebenden Arztpraxen.

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Noch gibt es in Gaiberg zwar Arztpraxen, seit es dort jedoch einen Inhaberwechsel gab, laufe es auch bei der Linden-Apotheke nicht mehr so wie früher.



Diana Moll, Apothekerin und Redakteurin, Deutsche Apotheker Zeitung (dm)
redaktion@daz.online


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1 Kommentar

Versand - rot grüner großkapitalistischer Liebling eine A weniger ! hurra

von Ratatosk am 06.04.2018 um 18:28 Uhr

Rot grün und FDP mit den beiden Professores können sich jetzt lachend wieder eine Kerbe in den Colt schnitzen !
In BW kein Mitleid, da hier ja Grüne das Sagen haben, sollen doch die Laster auch hier endlich rollen, sichere Versorgung und Beratung haben für die ja eh keinen Wert - und jetzt kommt sowieso gleich das Pseudoargument, daß es gut wäre, daß man wenigstens den Versand habe. Ist argumentativ wie mit der NRA, wenn alle eine Knarre hätten wärs nicht so passiert.

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