Pharmacon Schladming

Antidepressiva: Auswahl anhand der Nebenwirkungen

Schladming - 15.01.2018, 17:15 Uhr

Depression war das Thema von Professor Kristina Friedland in Schladming. (Foto: jb / DAZ.online)

Depression war das Thema von Professor Kristina Friedland in Schladming. (Foto: jb / DAZ.online)


Woran liegt es, dass es eine antidepressive Therapie nicht anschlägt? Laut Professor Kristina Friedland von der Uni Mainz liegt das oft an der mangelnden Adhärenz. Die Therapie wird wegen Nebenwirkungen abgebrochen. Daher spiele bei der Auswahl des richtigen Wirkstoffs das Nebenwirkungsprofil eine wichtige Rolle. 

„Wussten Sie, dass Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling ihre eigene Depression in den Figuren der Dementoren verarbeitet hat, also jenen düsteren Gestalten aus den Harry-Potter-Romanen, die ihren Opfern alle positiven Erinnerungen und somit jegliche Lebensfreude rauben?“ Mit dieser Anekdote startete Professor Kristina Friedland vom Institut für Pharmazie und Biochemie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ihren Vortrag beim Pharmacon in Schladming zum Thema Depression – eine Erkrankung, die, so Friedland, eigentlich gut zu behandeln sei. „Bei 70 Prozent der Patienten wirken die zur Verfügung stehenden Wirkstoffe zuverlässig innerhalb von zwei bis sechs Wochen“, erklärt sie. „Falls nicht, liegt das meist an mangelnder Adhärenz oder an einer zu niedrigen Dosis. Echte Therapieversager gibt es etwa nur 10 Prozent.“

Kaum Unterschiede in der Wirkung

Doch wie wählt man nun das richtige Antidepressivum aus? In der Wirkung gebe es zwischen den einzelnen Gruppen kaum Unterschiede, erklärt Friedland, aber sehr wohl bei den Nebenwirkungen. Da diese oft zum Therapieabbruch führten, seien sie ein wichtiges Auswahlkriterium. So seien beispielsweise sexuelle Funktionsstörungen während der akuten Phase einer depressiven Episode kein Problem, später aber für manche überhaupt nicht tragbar. Das müsse man dann bei der Auswahl des Wirkstoffs berücksichtigen.

Auch der Apotheke komme beim Thema Nebenwirkungen eine wichtige Rolle zu, so Friedland, die selbst Apothekerin ist. „Studien zufolge setzen 30 bis 40 Prozent der Patienten, die in der öffentlichen Apotheke ein Antidepressivum holen, dieses innerhalb der ersten Wochen ab, weil sie nur Nebenwirkungen, aber keine Wirkung verspüren. Die wurden offensichtlich nicht ausreichend aufgeklärt.“ Ihr Tipp für die Praxis: Die Nebenwirkungen positiv verpacken. „Wenn eine Nebenwirkung auftritt, ist das ein Anzeichen dafür, dass mit großer Wahrscheinlichkeit bald eine Wirkung einsetzt.“ Grundsätzlich sei es wichtig, den positiven Nutzen der Antidepressiva hervorzuheben. 

Auswahlkriterien

Dann nennt sie noch weitere Kriterien, die bei der Wirkstoffauswahl eine Rolle spielen: 

  • Was hat früher gewirkt?
  • Welche Symptome herrschen vor und sollen behandelt werden, zum Beispiel Angst, Schlaf, Kognition?
  • Welcher Subtyp der Depression liegt vor? Eher melancholisch oder wahnhaft oder bipolar oder gar atypisch?
  • Welchen Schweregrad hat die Depression?
  • Gibt es komorbide Störungen, wie Angst, Zwang oder Bulimie?
  • Müssen Kontraindikationen oder Wechselwirkungen beachtet werden?
  • Und nicht zuletzt spielen auch die Kosten eine Rolle. 

Und so gelinge es in der Regel für den Großteil der Patienten, ein oder gegebenenfalls auch mehrere Mittel zu finden, mit denen sich die Krankheit gut in den Griff kriegen lässt, schloss Friedland ihren Vortrag. Oder um noch einmal mit Harry Potter zu sprechen: „Wir finden für fast jeden Patienten seinen Patronus.“  (Im Roman ist das ein positiver Zauber, der mit der Kraft einer positiven Erinnerung vor dem Entzug der Lebensfreude schützt.)



Julia Borsch, Apothekerin, Chefredakteurin DAZ
jborsch@daz.online


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1 Kommentar

Auswahlkriterien

von Dr Schweikert- Wehner am 15.01.2018 um 17:30 Uhr

Wichtiges objektves Kriterium: der gentisch bedingte CYP 2d6 Metabolisierungsstatus.

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