Interview mit der Charité Berlin (Teil 1)

Ketamin zur Therapie schwerer Depressionen

Berlin / Stuttgart - 04.12.2017, 07:00 Uhr

Bei therapieresistenten Depressionen kann Ketamin eine Behandlungsoption sein. (Foto: koszivu / stock.adobe.com)

Bei therapieresistenten Depressionen kann Ketamin eine Behandlungsoption sein. (Foto: koszivu / stock.adobe.com)


Schon mehr als 100 Patienten mit Ketamin behandelt

„Gegenwärtig therapieren wir einen Patienten mit Ketamin“, erklärt Professor Bajbouj von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité. Im Lauf der vergangenen Jahre hat der Arzt allerdings bereits mehr als 100 Ketamin-Patienten betreut – und spricht bei Ketamin aus einem reichen Erfahrungsschatz.

„Ketamin erhalten nur Patienten mit schweren, therapieresistenten Depressionen, bei denen bisherige antidepressive Behandlungen versagt haben“, erklärt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie seine Patientenklientel, für die Ketamin überhaupt infrage kommt. Professor Bajbouj behandelt mit Ketamin vorwiegend Patienten, die unter unipolaren Depressionen leiden. Diese machen etwa 80 bis 90 Prozent seiner Ketaminpatienten aus. Die übrigen Patienten bekommen Ketamin während schwerer depressiver Episoden im Rahmen einer bipolaren Störung.

Die Charité behandelt mehr Frauen als Männer mit dem ursprünglich in der Injektionsanästhesie zu findenden Wirkstoff. Das ist allerdings der Tatsache geschuldet, dass Frauen an Depressionen schlichtweg häufiger erkranken als Männer: Die 12-Monatsprävalenz für eine unipolare Depression beziehungsweise eine Major Depression liegt für Frauen etwa doppelt so hoch wie für Männer.

Wie sieht die Behandlung mit Ketamin aus?

Ein Ketamin-Behandlungszyklus dauert zwei Wochen und umfasst insgesamt sechs Ketamin-Infusionen. Die Erkrankten erhalten Ketamin dreimal pro Woche als 40-minütige intravenöse Infusion. Der Behandlungszyklus ist damit abgeschlossen. Allerdings bedeutet dies nicht, dass Ketamin nur eine einmalige Behandlungsoption darstellt. „Bei den wenigen Patienten, die wirklich gut ansprechen, machen wir in größeren Intervallen eine Auffrischung“, erklärt Bajbouj. Zum Einsatz kommt sowohl Ketamin als Racemat als auch das enantiomerenreine S-Ketamin. Bis auf eine Dosisanpassung „macht das nach unseren Erfahrungen ansonsten keinen Unterschied“, erklärt der Charité-Mediziner.

Eine große Befürchtung sei gewesen, dass es bei Patienten unter Ketamin zu unerwünschten psychotischen Erscheinungen komme, sagt Bajbouj. In der Anästhesie schwächen Ärzte dieses, für manche Patienten als unangenehm empfundene, psychotische Erleben mit Midazolam ab. Diese Erfahrungen hat Bajbouj bislang nicht gemacht, so dass seine Ketaminpatienten auch während der Aufwachphase keine Midazolam-Komedikation erhielten.

Eine antidepressive Therapie, die nur zwei Wochen dauert? Das klingt fantastisch – vergleicht man die wochen-, monate- oder teilweise gar jahrelang dauernden Therapiestrategien mit klassischen antidepressiven Wirkstoffen. Nur: Wie lange hält der antidepressive Effekt an? Sind die Patienten anschließend gesund und geheilt? 

Die Antwort lesen Sie in den kommenden Tagen im zweiten Teil des Ketamin-Interviews auf DAZ.online: Heilt Ketamin eine Depression?



Inka Müller-Seubert, Rechtsanwältin
redaktion@DAZ.online


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