Interview mit der Charité Berlin (Teil 1)

Ketamin zur Therapie schwerer Depressionen

Berlin / Stuttgart - 04.12.2017, 07:00 Uhr

Bei therapieresistenten Depressionen kann Ketamin eine Behandlungsoption sein. (Foto: koszivu / stock.adobe.com)

Bei therapieresistenten Depressionen kann Ketamin eine Behandlungsoption sein. (Foto: koszivu / stock.adobe.com)


Ketamin ist ein Exot in der Behandlung schwerer Depressionen. Dennoch ist der Hype um das Injektionsanästhetikum enorm. Die Euphorie um Ketamin bei Depressionen – ist sie wissenschaftlich berechtigt? DAZ.online hat mit einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapien der Charité Berlin über die therapeutische Option mit Ketamin bei therapieresistenten Depressionen gesprochen. Lesen Sie den ersten Teil einer ganzen Interview-Serie zu dem Thema.

Interview mit der Charité Berlin zu Ketamin

Interview mit der Charité Berlin (Teil 2)

Heilt Ketamin eine Depression?

Etwa 20 Prozent der Patienten, die unter einer Major Depression leiden, erweisen sich als therapieresistent. Von einer behandlungsrefraktären Depression sprechen Fachkreise, wenn zwei oder mehr Medikationsversuche mit Antidepressiva erfolglos blieben. Jahrelang lag der Fokus bei der Forschung und der Therapie mit antidepressiven Wirkstoffen auf der Regulierung der Monoamine wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Mittlerweile herrscht Konsens: Die Forschung im Bereich antidepressiver Substanzen muss weitergehen und darf nicht isoliert das Monoamin-System betrachten, will man das Outcome therapierefraktärer depressiver Patienten verbessern. Ketamin lässt die Hoffnung als neue Behandlungsoption keimen.

Bedeutung von Ketamin zur Depressionslösung wächst

Ketamin ist hier tatsächlich ins Zentrum des Interesses gerutscht. Der NMDA-Rezeptor-Antagonist ist seit den 1960er-Jahren in der Anästhesie zu finden. Im Jahr 2000 ging er therapeutisch fremd und sorgte für Aufsehen. Ketamin, das Injektionsanästhetikum, wirkt antidepressiv? Die Untersuchungen lieferten zumindest Anlass für die Hypothese: Innerhalb weniger Stunden besserten sich die depressiven Hauptsymptome bei den mit Ketamin behandelten depressiven Patienten. Seither wird intensiv geforscht, nicht nur im Labor.

Ketamin setzen Ärzte bereits klinisch am Patienten ein. Insbesondere in den Vereinigten Staaten nutzen Mediziner die Therapieoption mit Ketamin; bereits 3000 Menschen haben dort eine antidepressive Behandlung mit dem NMDA-Rezeptor-Antagonisten erhalten. So langsam gewinnt auch die Option in Deutschland mehr Bedeutung. DAZ.online hat mit Professor Dr. med. Malek Bajbouj von der Charité Berlin über seine Erfahrungen mit Ketamin gesprochen.

Major Depression: Wann liegt eine schwere Depression vor?

Eine Depression charakterisiert sich durch Haupt- und Zusatzsymptome. Die drei Hauptsymptome äußern sich durch:

  • gedrückte und depressive Stimmung,
  • Interessensverlust und Freudlosigkeit,
  • Antriebsmangel und eine erhöhte Ermüdbarkeit.

Zusatzsymptome sind:

  • verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit,
  • vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen,
  • Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit,
  • negative und pessimistische Zukunftsperspektiven,
  • Suizidgedanken/-handlungen,
  • Schlafstörungen,
  • verminderter Appetit.

Experten sprechen von einer schweren Depression – Major Depression –, wenn der Patient über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen unter allen drei Hauptsymptomen und mindestens vier Zusatzsymptomen leidet. Eine solche depressive Episode kann einmalig auftreten und monophasisch sein. In anderen Fällen leiden die Patienten unter rezidivierenden Episoden, die Depression ist chronisch. Daneben können schwere depressive Phasen auch im Rahmen eines bipolaren Verlaufs auftreten.

Schon mehr als 100 Patienten mit Ketamin behandelt

„Gegenwärtig therapieren wir einen Patienten mit Ketamin“, erklärt Professor Bajbouj von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Charité. Im Lauf der vergangenen Jahre hat der Arzt allerdings bereits mehr als 100 Ketamin-Patienten betreut – und spricht bei Ketamin aus einem reichen Erfahrungsschatz.

„Ketamin erhalten nur Patienten mit schweren, therapieresistenten Depressionen, bei denen bisherige antidepressive Behandlungen versagt haben“, erklärt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie seine Patientenklientel, für die Ketamin überhaupt infrage kommt. Professor Bajbouj behandelt mit Ketamin vorwiegend Patienten, die unter unipolaren Depressionen leiden. Diese machen etwa 80 bis 90 Prozent seiner Ketaminpatienten aus. Die übrigen Patienten bekommen Ketamin während schwerer depressiver Episoden im Rahmen einer bipolaren Störung.

Die Charité behandelt mehr Frauen als Männer mit dem ursprünglich in der Injektionsanästhesie zu findenden Wirkstoff. Das ist allerdings der Tatsache geschuldet, dass Frauen an Depressionen schlichtweg häufiger erkranken als Männer: Die 12-Monatsprävalenz für eine unipolare Depression beziehungsweise eine Major Depression liegt für Frauen etwa doppelt so hoch wie für Männer.

Wie sieht die Behandlung mit Ketamin aus?

Ein Ketamin-Behandlungszyklus dauert zwei Wochen und umfasst insgesamt sechs Ketamin-Infusionen. Die Erkrankten erhalten Ketamin dreimal pro Woche als 40-minütige intravenöse Infusion. Der Behandlungszyklus ist damit abgeschlossen. Allerdings bedeutet dies nicht, dass Ketamin nur eine einmalige Behandlungsoption darstellt. „Bei den wenigen Patienten, die wirklich gut ansprechen, machen wir in größeren Intervallen eine Auffrischung“, erklärt Bajbouj. Zum Einsatz kommt sowohl Ketamin als Racemat als auch das enantiomerenreine S-Ketamin. Bis auf eine Dosisanpassung „macht das nach unseren Erfahrungen ansonsten keinen Unterschied“, erklärt der Charité-Mediziner.

Eine große Befürchtung sei gewesen, dass es bei Patienten unter Ketamin zu unerwünschten psychotischen Erscheinungen komme, sagt Bajbouj. In der Anästhesie schwächen Ärzte dieses, für manche Patienten als unangenehm empfundene, psychotische Erleben mit Midazolam ab. Diese Erfahrungen hat Bajbouj bislang nicht gemacht, so dass seine Ketaminpatienten auch während der Aufwachphase keine Midazolam-Komedikation erhielten.

Eine antidepressive Therapie, die nur zwei Wochen dauert? Das klingt fantastisch – vergleicht man die wochen-, monate- oder teilweise gar jahrelang dauernden Therapiestrategien mit klassischen antidepressiven Wirkstoffen. Nur: Wie lange hält der antidepressive Effekt an? Sind die Patienten anschließend gesund und geheilt? 

Die Antwort lesen Sie in den kommenden Tagen im zweiten Teil des Ketamin-Interviews auf DAZ.online: Heilt Ketamin eine Depression?



Inka Müller-Seubert, Rechtsanwältin
redaktion@DAZ.online


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